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Innere Wunden sind geblieben

FOTO: Ulrike Menzel
Die Sonne schien warm vor 70 Jahren, als sich die Front durch Cottbus wälzte und der 2. Weltkrieg für Cottbus endete.

Die russische Armee war auf dem Weg nach Berlin. Am 19. April 1945 wurde Cottbus eingeschlossen. Am Morgen des 21. April bereiteten Bodenkampflugzeuge und Artillerie den Sturm auf die Stadt vor. Schon am 22. April war Cottbus eingenommen. Die Bilanz der Kämpfe war verheerend.

Die äußeren Spuren des Krieges in Cottbus sind zum großen Teil beseitigt, die inneren Wunden vielfach geblieben. Ein katholischer Christ schrieb am 6. Mai 1945 in sein Tagebuch: "Wie ein böser furchtbarer Traum liegt die Zeit von 16 Tagen hinter mir. (. . .) Immer wieder Todesangst, wenn die plündernden Russen uns den Pistolenlauf an die Schläfe setzten. Die furchtbaren Demütigungen, wenn die brutalen Soldaten meine geliebte Frau Johanna vergewaltigten. Meine Gefangenschaft in einem dunklen Raum, ständig von den Mündungen der Maschinenpistolen bedroht, (. . .) die völlige Ungewissheit, ob Mama noch lebte." Nach dem glücklichen Wiedersehen schrieb er am 13. Mai 1945: "In unserer Liebe und Freude wollen wir die schlimmen Tage vergessen und Gott danken, dass er uns noch so hat davonkommen lassen."

Nicht viele haben schon 1945 Worte für ihre Kriegserlebnisse gefunden. Manche fangen erst jetzt an, darüber zu reden. Lassen Sie uns Nachgeborene aufmerksam zuhören. Wir können die Menschen besser verstehen, wenn wir wissen, was sie an bösen Erfahrungen und Bildern mit sich herumtragen. Wir können den Frieden unseres Lebens besser schätzen, wenn wir wissen, was Cottbus hinter sich hat. Und wir können nicht anders, als Flüchtlinge bei uns willkommen zu heißen. Denn auch unsere Eltern und Großeltern haben Menschen gebraucht, die ihnen wieder ein Zuhause aufbauen halfen.Ulrike Menzel ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Cottbus