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"In die Antarktis bucht man kein Zugticket"

Thomas Wunderlich hat mit 30 Jahren das Kommando auf dem Forschungsschiff "Polarstern" übernommen.
Thomas Wunderlich hat mit 30 Jahren das Kommando auf dem Forschungsschiff "Polarstern" übernommen. FOTO: Stephanie Stoye
Cottbus. Der Kapitän des Forschungsschiffs "Polarstern" ist von seiner jüngsten Fahrt ins Eis zurück und macht Heimaturlaub in Burg.

Thomas Wunderlich ist der zurzeit populärste Kapitän in Berlin und Brandenburg, nachdem ein Team des Rundfunks Berlin-Brandenburg die jüngste Antarktis-Expedition des Forschungsschiffs "Polarstern" begleitet hat. Die RUNDSCHAU sprach mit dem 38-Jährigen, der vor wenigen Tagen in seinen Heimatort Burg zurückgekehrt ist.

Herr Wunderlich, hinter Ihnen liegt ein anstrengendes Vierteljahr an Bord der "Polarstern". Haben Sie sich schon akklimatisiert?

Thomas Wunderlich Nach der 30-stündigen Reise von Punta Arenas, wo die Besatzung ausgewechselt wurde, über Santiago de Chile, Buenos Aires und Amsterdam nach Dresden war ich ziemlich müde. Aber nach dreimal Ausschlafen und einer ruhigeren Gangart ist jetzt alles in Ordnung.

Aber hinter Ihnen liegen auch anstrengende Wochen an Bord. Schließlich ist ein Kapitän immer in Bereitschaft.
Thomas Wunderlich Das stimmt. In dem Moment, wo man aufs Schiff steigt, beginnt die 24-Stunden-Bereitschaft, und das sieben Tage in der Woche. Auch der Forschungsbetrieb läuft rund um die Uhr. Die Besatzung absolviert Vier-Stunden-Schichten, auf die jeweils acht Stunden Freizeit folgen. Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, ist das aber ein routinierter Job.

Trotzdem kann allerhand passieren. Aber vielleicht können Sie uns zu Beginn schildern, wie Sie die ersten Tage in der Heimat verbracht haben.
Thomas Wunderlich Das Wichtigste war, zum Friseur zu gehen. Der Friseurtermin schließt für mich jede Reise ab. Am Tag darauf musste ich ins RBB-Studio. Dann hatte ich meine Geburtstagsfeier vorzubereiten. Und danach war Klarieren angesagt.

Klarieren?
Thomas Wunderlich Seemannssprache. Klarieren heißt Aufräumen, Saubermachen, Sortieren.

Was ändert sich für Sie, wenn der Schalter auf Heimaturlaub umgestellt wird?
Thomas Wunderlich Zu Hause bin ich einfach Thomas Wunderlich. An Bord bin ich Kapitän. Und der hat nun mal eine Leitungsfunktion. Als Kapitän steht man immer unter Beobachtung. Das ist vergleichbar mit einem Bürgermeister an Land.

Und was gehört zu Ihrem Leben als Privatperson?
Thomas Wunderlich Zum Beispiel die freiwillige Feuerwehr. Wenn die Sirene heult, rücke ich natürlich mit aus. Tagsüber bin ich ein zusätzlicher Puffer, weil viele Kameraden auswärts arbeiten. Und für den Borddienst habe ich eine spezielle Ausbildung. Denn wir sind auch für den Fall, dass ein Feuer ausbricht, auf uns selbst gestellt. Jedenfalls stand für mich fest, als ich 2009 nach Burg zog: Du gehst auf jeden Fall in die Feuerwehr. Das ist meine Art, mich gemeinnützig zu engagieren.

Und was passiert sonst noch im Urlaub?
Thomas Wunderlich Ich bin froh, aufs Land zu kommen. Früher bin ich gern in den Urlaub geflogen. Inzwischen habe ich entdeckt, wie schön Deutschland ist. Ich sitze auf dem Weg zum Einsatzort so lange im Flieger, dass ich im Urlaub gern darauf verzichte und statt dessen lieber 'nen Sturm abreite.

Was bedeutet das denn?
Thomas Wunderlich Wenn die Wellen zehn oder 15 Meter hoch sind, stellt man das Schiff am besten gegen die Welle und fährt ganz langsam.

Sie gehen es im Urlaub also lieber langsam an.
Thomas Wunderlich Das könnte man so sagen. Sport ist für mich im Urlaub ganz wichtig. Schwimmen, Laufen, Radfahren - die Klassiker eben. Außerdem ist in Haus und Hof allerhand zu tun. Allerdings gehe ich lieber raus in den Garten und mach meinen Rasen und die Beete. Ich bin eher Gärtner als Heimwerker. Wichtiger als irgendwelche Raritäten ist mir dabei, dass alles gut zuwächst - wie in einem Bauerngarten eben. Allerdings habe ich mir angewöhnt, nicht zu viele Projekte in Angriff zu nehmen. Denn nichts ist schlimmer, als wieder an Bord zu müssen und zu Hause eine Baustelle zu hinterlassen.

Wann müssen Sie wieder los?
Thomas Wunderlich Wir steigen in der Werftzeit auf, am 28. April. Am 23. Mai geht es dann Richtung Norden. Mitte Juli sind wir zurück.

Es macht Ihnen nichts aus, schon an die nächste Tour zu denken?
Thomas Wunderlich Wenn man einen schönen Urlaub gehabt und sich erholt hat, denkt man: Jetzt könntest Du eigentlich wieder losfahren. Allerdings stellt sich dann doch wie bei einem Bühnenauftritt ein flaues Gefühl im Magen ein. Das ist eben Seamans life. Man lebt immer mit der latenten Gefahr, dass zu Hause etwas passiert und man nicht hin kann.

Dieses Abgeschnittensein von den üblichen Verkehrswegen kann auch im Krankheitsfall zum Problem werden.
Thomas Wunderlich Wir haben einen Arzt und eine Krankenschwester. Es gab auch schon eine Blinddarmoperation an Bord, allerdings unter dem Kommando eines Kollegen. Dafür musste das Schiff eine ruhige Stelle in einer Bucht ansteuern. Aber wenn der Arzt entscheidet: Der Mann muss ins Krankenhaus, dann bedeutet das, den nächsten Hafen aufzusuchen.

Wie in der Fernseh-Reportage zu sehen war, hatten Sie auf dieser Reise Probleme mit dem Eis.
Thomas Wunderlich Wir sind gut an die Schelfeiskante herangekommen und lagen in der Bucht, von der aus wir die Forschungsstation Neumayer III versorgen sollten. Dann hat der Wind Eisschollen in die Bucht getrieben, und wir saßen drei Tage lang fest. Gefährlich war das nicht, aber wir mussten warten, bis der Wind sich dreht. In die Antarktis bucht man eben kein Zugticket. Das ist eine Expedition in eine unwirtliche Gegend.

Sie sind ein sehr junger Kapitän. Als Sie das Kommando auf der "Polarstern" übernommen haben, waren Sie gerade mal 30.
Thomas Wunderlich Für ein Forschungsschiff war das wirklich ziemlich jung. Aber ich hatte Glück. Angefangen habe ich als 3. Offizier auf einem Großcontainerschiff. Als ich in Hamburg beim Entladen zugeschaut habe, dachte ich mir: Das kann's nicht gewesen sein. Dann erhielt ich die Chance, auf der "Polarstern" anzufangen. Man hat mich gewarnt, dass sich die Beförderungsspirale dort nur langsam dreht. Aber dann ist der 1. Offizier auf das Tiefseeforschungsschiff "Meteor" und ein weiterer Kollege an Land gewechselt. Und 2010 habe ich meine erste Reise als Kapitän angetreten.

Wie verschafft sich ein so junger Kapitän Respekt?
Thomas Wunderlich Auf meiner ersten Reise als Kapitän bin ich von den Offizieren gefragt worden, ob ich jetzt gesiezt werden möchte. Ich habe geantwortet: Das Du hat Bestandsschutz. Denn was man nicht mit Du durchsetzen kannst, schafft man auch nicht mit Sie. Natürlich funktioniert ein Schiff nicht demokratisch. Aber du musst als Kapitän die Rechte der Besatzungsmitglieder genauso vertreten, wie du ihre Pflichten durchsetzen musst. Dabei bewährt es sich, nicht einfach Befehle zu erteilen, sondern zu erläutern: Wir machen das so, weil . . .

Trotzdem kann es schnell zu Konflikten kommen, wenn eine Mannschaft über Monate auf engem Raum zusammenlebt.
Thomas Wunderlich Die Besatzung wird nach Qualifikation zusammengestellt. Es handelt sich um 40 Einzelpersonen, die ein Kollektiv bilden müssen. Für den Erfolg der Arbeit ist es wichtig, dass das Bordklima stimmt, dass die Leute respektvoll miteinander umgehen und dass jeder höflich ist. Die Störung des Bordklimas ist ein ganz schwerer Verstoß gegen die Regeln und wird hart bestraft.

Was unterscheidet Ihr Kommando eigentlich von der Arbeit eines Kapitäns auf einem Frachter?
Thomas Wunderlich Vor allem das Eisbrechen, die Frage: Wie such' ich mir den besten Weg durchs Eis? Das taktische Verhalten dem Eis gegenüber ist wie ein Strategiespiel. Dabei darf man aber kein Risiko eingehen. Es ist außerdem unsere Arbeit als Dienstleister für die Wissenschaft. Wenn das Schiff für eine Messung auf einer Position gehalten werden muss, kann man nicht einfach nichts tun, denn es würde abgetrieben. Und wer einmal im Leben die Antarktis gesehen hat, wird ein ganz anderes Weltbild erlangen.

Sie kennen die Arktis ebenso gut. Warum beeindruckt Sie die Antarktis stärker?
Thomas Wunderlich Es gibt dort wunderschöne Regionen, sensible Bereiche, die fast unangetastet sind. Wo klar wird: Wir müssen vorsichtig mit der Umwelt umgehen.

Spüren Sie auf Ihren Fahrten ein Abschmelzen der Polkappen?
Thomas Wunderlich Im Norden wird das Eis weniger und dünner. Das nehme ich beim Navigieren wahr. Wo wir vor zwei, drei Jahren nur mit Schwierigkeiten hingekommen sind, ist es heute leichter. Aber für verlässliche Aussagen sind die Messungen einfach noch nicht lang genug.

Noch eine Frage zum RBB-Team, das über die gesamte Reise berichtet hat.
Thomas Wunderlich Ich habe das als Bereicherung empfunden. Von Anfang an war für die beiden Reporter klar, dass sie sich an Bord integrieren müssen. Zum Schluss haben dann einige von den alten Seefahrern gefragt: Was soll ich nur machen, um endlich ins Fernsehen zu kommen. Da musste ich schmunzeln. Auch in der Vergangenheit ist schon im Fernsehen über die "Polarstern" berichtet worden. Da ging es aber um Algen oder ein neu entdecktes Plankton. Mir war es aber wichtig zu zeigen, dass hinter den Forschern eine Besatzung steht, die mit ihrer Arbeit die Voraussetzung für diese Erfolge schafft.

Mit Thomas Wunderlich

sprach Ulrike Elsner

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die "Polarstern" ist ein als Eisbrecher (deutsche Eisklasse ARC3) ausgelegtes Forschungs- und Versorgungsschiff. Sie dient zur Erforschung der Polarmeere und zur Versorgung der permanent besetzten Forschungseinrichtungen Koldewey-Station in der Arktis und Neumayer-Station III in der Antarktis. Nach Indienststellung 1982 war die Polarstern das modernste Polarforschungsschiff der Welt. Eigner ist die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sie wird vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven betrieben. Mit dem Forschungsschiff sind neben der 44-köpfigen Mannschaft 40 Wissenschaftler unterwegs.Kapitän Thomas Wunderlich ist in Lübben geboren und in Cottbus aufgewachsen. Das Abitur hat er an der Lausitzer Sportschule in Cottbus abgelegt und anschließend in Warnemünde Nautik studiert. Er ist bei der Reederei Laeisz in Bremerhaven angestellt und nach dem Berufsstart auf einem Containerschiff seit dem Jahr 2004 mit dem FS "Polarstern" unterwegs, seit 2010 als Kapitän. Der 38-Jährige ist Single und lebt in Burg (Spreewald). Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie unsGesprächspartner vor:Lausitzer Rundschau,Straße der Jugend, 54,03050 Cottbus,oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de