ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:07 Uhr

Zum 170. Jubiläum des Cottbuser Anzeigers
In der Heimat tief verwurzelt

FOTO: privat/Stadtarchiv Cottbus
Cottbus. Der Cottbuser Anzeiger war einst die größte Zeitung in der Lausitz. 1848 gegründet, bekam sie in ihrem fast 100-jährigen Bestehen deutsche Geschichte am eigenen Leib zu spüren. Am 1. Juli wäre das Blatt 170 Jahre alt geworden. Von Josephine Japke

„Ich werde alles aufbieten, um die Wünsche meiner Gönner zu erfüllen und bitte um rege Teilnahme. Cottbus, den 28. Juni 1848. Albert Heine“ Mit diesen Worten wurde sie geboren: die erste Ausgabe des Cottbuser Anzeigers (CA). Was mit einer kleinen Auflage von 800 Stück begann, entwickelte sich bald zur größten Zeitung zwischen Dresden und Berlin – und das trotz größter politischer Widerstände.

„Die Familie Heine war schon immer liberal und demokratisch geprägt, weshalb der Anzeiger häufig Probleme mit der Obrigkeit hatte“, erklärt Bernd Heine (73), einer der letzten Nachfahren des Gründers der Zeitung, Albert Heine. Über Generationen wurde die Familiengeschichte weitergegeben. Der Aufbruchstimmung nach der Märzrevolution 1848 und der Abschaffung der Pressezensur folgten Streitigkeiten mit Bismarck, opulente Zeiten in den 20er Jahren und der tiefe Fall ab 1933. Geschichten, mit denen Bernd Heine aufwuchs und die ihn dazu veranlassten selbst Nachforschungen anzustellen.

„1818 wurde Albert Heine bei Magdeburg geboren.1844 zog er von Frankfurt O. nach Cottbus. Vier Jahre später errichtete er eine Steindruckerei in der Spremberger Straße 42/43 in Cottbus“, erklärt Bernd Heine. Kurz darauf erschien die erste Ausgabe des „Anzeiger für Cottbus und Umgegend“ als kostenlose Probe-Nummer. Auf dem Titelblatt prangt die Ankündigung, dass die Zeitung von nun an immer mittwochs und samstags erscheinen wird. Neben Bekanntmachungen der Behörden und günstig verkauften Anzeigen, soll sie auch Zuschriften der Leser enthalten.

Eine solche findet sich auf dem Titelblatt der „No. 1“ des Anzeigers am 1. Juli 1848. Die „Adresse der Elementarschüler in X. an ihre Lehrer“ ist ein erster Paukenschlag und läutet die Richtung, in die Albert Heine mit seinem Blatt gehen will, an. „Die Zeit des angebornen und ererbten Herrschens und Gehorchens ist vorüber“, heißt es darin. Die Schüler fordern, dass die Zeit des Zweikammersystems endet, denn „unter uns Jungen weder von Adel noch von Reichtum die Rede ist, vielmehr die vollkommenste Gleichheit herrscht“.

FOTO: privat/Stadtarchiv Cottbus

Wegen dieser freiheitlichen, fortschrittlichen und demokratischen Tendenz, die Albert Heine in seinem Blatt präsentierte, stand er immer wieder in der Kritik. „Das gipfelte darin, dass Albert wegen ‚Beleidigung des Fürsten Bismarck‘ für ein paar Wochen ins Gefängnis musste. Das kam etwa dreimal vor“, berichtet Bernd Heine.

Themen des Anzeigers waren jedoch nicht nur politischer Natur, sondern umfassten auch Kultur, Wirtschaft und Heimatgeschichte. In den Bekanntmachungen sind Kornpreise und Todesanzeigen verzeichnet sowie Angebote für Matjes-Heringe, Schweizer Käse und Weißwein. Jobangebote, Wohnungsvermietungen und Partnervermittlungen gehörten zur Jahrhundertwende ebenso dazu, wie heute. „Reelles Heiratsgesuch einer gebildeten Dame mit etwa 1000 Thalern Vermögen, die auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Weg einen gebildeten Mann sucht“, heißt es beispielsweise in einer Ausgabe.

Auch nach dem Tod von Albert Heine im Jahr 1879 wuchs das Familienunternehmen rasant weiter. Startete man mit einer Auflage von etwa 800 Stück, waren es im Todesjahr Heines fast 5000 und 1928 etwa 23 000 Abonnenten.

Doch diese Bekanntheit wurde dem letzten Verleger des Anzeigers, Heinrich Arnold Albert Heine, zum Verhängnis. „Er war mein Großvater und in Cottbus eine echte Persönlichkeit. Deshalb wurde er 1933 vom Gauleiter dazu gedrängt in die NSDAP einzusteigen“, erklärt Bernd Heine. Sein Großvater gehorchte zunächst, wurde aber schon ein Jahr später wieder aus der Partei rausgeschmissen, weil „er nicht spurte und das machte, was sie von ihm wollten“, so Bernd Heine.

FOTO: privat/Stadtarchiv Cottbus

Um zu verstehen, warum der Anzeiger trotzdem Propaganda für die Nazis drucken musste, brauche man geschichtliches Wissen, so der Enkel. Denn fünf Tage nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 folgte die Gleichschaltung der Presse. Die „Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes“ enthielt umfassende Eingriffe in die Pressefreiheit. „Mit anderen Worten: Der Verleger hatte keinen Einfluss mehr auf den redaktionellen Teil“, sagt Bernd Heine.

Zum Ende des Krieges wurde Papier stark rationiert, weshalb nur noch vier Seiten gedruckt werden konnten. Hitler hielt aber wieder eine seiner langen Reden und der Schriftleiter entschied, dass die in vollem Umfang gedruckt werden sollte. „Mein Großvater war dagegen, weil die Leute auch was Lokales lesen wollten. Also veröffentlichte er die Rede in zwei Teilen – und wurde prompt vor die Reichspressekammer zitiert“, erklärt Bernd Heine. Dort wurde er vor die Wahl gestellt: Den Verlag verkaufen oder KZ-Haft antreten. „Mein Großvater verkaufte den Verlag zum 1. Januar 1942 an den eigens gegründeten NS-Gauverlag Kurmark GmbH“, erklärt der Enkel. Die letzte Ausgabe des Anzeigers erschien am 17. April 1945.

Vom Tod des letzten Verlegers des Cottbuser Anzeigers, Heinrich Arnold Albert Heine, kursieren in der Familie zwei Versionen, wie Bernd Heine erklärt. „In der einen ist er in der Kesselschlacht bei Halbe ums Leben gekommen. In der anderen stellten die Sowjets einen Häftlingstransport zusammen, aus dem einer geflüchtet sein soll. Damit die Listen stimmen, wurde mein Großvater gefangen genommen und verschwand in den Weiten Russlands.“ Gut möglich, so der Enkel, sei aber auch, dass der Diabetiker schon in den letzten Tagen des Krieges an Unterzuckerung starb. Zum 31. Juli 1949 wurde Heinrich Arnold Albert Heine für tot erklärt.

„Mein Vater wurde 1920 geboren. Der Plan war, dass er ebenfalls ins Familiengeschäft einsteigen sollte. Doch dann kam der Krieg dazwischen und meine Eltern sind mit mir als Kleinkind aus Cottbus geflohen“, erzählt Bernd Heine, der im Januar 1944 in Cottbus geboren wurde. Über die Slowakei nach Salzburg und Frankfurt am Main bis nach München führte ihr Weg. Erst nach der Wende kehrte er zurück und begab sich auf die Spurensuche des Cottbuser Anzeigers.

Bernd Heine, der Jura studiert und promoviert hat, meldete den erzwungenen Verkauf 1941/42 nach dem Gesetz zur Regelung öffentlicher Vermögensfragen im Dezember 1992 an. Erst 15 Jahre später meldete sich das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen in Magdeburg und bezeichnete den Verkauf des Cottbuser Anzeigers als Zwangsverkauf: „Unbestritten ist, dass Heinrich Albert Heine von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.“

FOTO: privat