| 18:28 Uhr

Alternativausweis für Schwerbehinderte
Cottbuserin ist „schwer in Ordnung“

Sozialministerin Diana Golze übergibt den ersten brandenburgischen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ an die Cottbuserin Theresa Gissel.
Sozialministerin Diana Golze übergibt den ersten brandenburgischen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ an die Cottbuserin Theresa Gissel. FOTO: Stephan Meyer / LR
Cottbus. Schwerbehindertenausweis hat Alternativnamen. Erstes Exemplar in Brandenburg für Theresa Gissel. Von Stephan Meyer

Wie oft Theresa Gissel im Alltag ihren Schwerbehindertenausweis vorzeigen muss, kann die 35-jährige nur schwer einschätzen. Bei Ämtern, in Bus und Bahn sowie bei Konzerten und Kinobesuchen ist das Ausweisdokument ein steter Begleiter in ihrem Leben. Am Freitag erhielt sie, als erste Brandenburgerin, einen Alternativausweis – den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“.

Dabei handelt es sich um eine Klarsichthülle, in die der amtliche Ausweis hineinpasst. Der Schriftzug auf der Hülle überdeckt den Titel „Schwerbehindertenausweis“ mit dem Alternativnamen. Die Idee zu der Initiative stammt von der 14-jährigen Pinnebergerin Hannah Kiesbye. In einem Magazin, das sich mit dem Down-Syndrom auseinandersetzt, äußerte sie im Herbst 2017 ihren Unmut über die Bezeichnung „Schwerbehindertenausweis“ und wünschte sich die Umbenennung.

Hamburg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen griffen die Idee auf und erstellten solche Ausweishüllen. Brandenburg hat sich jetzt angeschlossen. „Das ist ein Anstoß für eine wichtige Debatte“, sagt die brandenburgische Sozialministerin Diana Golze (Linke). Sie kam am Freitag ins Landesamt für Soziales und Versorgung (LASV) in Cottbus, um den ersten Alternativausweis zu übergeben. Es sei fatal, einen Menschen nur auf seine Behinderung zu reduzieren, so die Ministerin. Schon durch die Bezeichnung „Schwerbehindertenausweis“ könnten sich Betroffene diskriminiert fühlen. Der „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ sei ein Zeichen der Anerkennung von Menschen mit Behinderungen.

„Ich habe mir ehrlich gesagt vorher nie darüber Gedanken gemacht“, gibt die LASV-Mitarbeiterin Theresa Gissel zu. Eine Freundin hatte sie im vergangenen Jahr auf einen Artikel im Stern aufmerksam gemacht, in dem es um Hannah Kiesbye und ihre Idee ging. Schnell war sie überzeugt: Die 14-Jährige hat recht.

Diana Golze findet, die Initiative sei eine gute Möglichkeit, Menschen darauf zu stoßen, dass Behinderte ein ungutes Gefühl mit dem offiziellen Titel des amtlichen Dokuments haben könnten. „Zeiten ändern sich“, sagt die Ministerin. Auch Begrifflichkeiten müssten überdacht werden. Sie schlägt „Teilhabeausweis“ und „Inklusionsausweis“ als offizielle Alternativen vor.

Doch noch könne das amtliche Dokument nicht geändert werden. Die Gestaltung des Schwerbehindertenausweises ist bundeseinheitlich durch eine Verordnung geregelt. Für eine Umbenennung müsste das zuständige Bundessozialministerium die Verordnung ändern. Der „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ könne Diana Golze zufolge jedoch einen ersten Beitrag zu einer Änderung leisten.

Brandenburger, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen, können den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ ab sofort beim LASV kostenlos über die E-Mail-Adresse service@lasv.brandenburg.de bestellen.

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