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| 01:46 Uhr

In Cottbus entsteht innovative Architektur

Die moderne Fassade aus Sichtbeton und Stahlplatten verweist auf den Nutzer des Gebäudes: das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe. Fotos: Hampel, Kotzur & Kollegen
Die moderne Fassade aus Sichtbeton und Stahlplatten verweist auf den Nutzer des Gebäudes: das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe. Fotos: Hampel, Kotzur & Kollegen
Cottbus. Der Neubau des Landesamtes für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) in Cottbus war für die Architekten des Büros Hampel, Kotzur und Kollegen ein Glücksfall. Bei dem Projekt bekamen sie die Chance, ein öffentliches Gebäude nach Maßstäben der Nachhaltigkeit zu planen. Mitte des Monats wird das innovative Bauwerk seiner Nutzung übergeben. Von Nicole Nocon

"Wir predigen seit Jahren die Nachhaltigkeit. Bei diesem Projekt hatten wir zum ersten Mal die Chance, die Prinzipien der Nachhaltigkeit konsequent umzusetzen", sagt der für das Projekt verantwortliche Architekt Tobias Keßler.

Sein Kollege Martin Tiede erklärt was unter Nachhaltigkeit im Bauwesen zu verstehen ist: "Beim Stichwort Nachhaltigkeit wird oft nur an den ökologischen Aspekt gedacht. Beim nachhaltigen Bauen werden aber auch die ökonomischen sowie die soziokulturellen und sozialen Qualitäten eines Gebäudes betrachtet und zwar über die gesamte Lebenszeit des Bauwerks." Bei der ganzheitlichen Planung werden die Rohstoffgewinnung, die Herstellung der Baustoffe, die Errichtung, die Nutzung inklusive Instandhaltung und Modernisierung, der Rückbau sowie die Verwertung beziehungsweise Entsorgung der verwendeten Baustoffe mit in die Kalkulation einbezogen.

All diese Gesichtspunkte haben auch bei der Konzeption des LBGR-Neubaus in der Inselstraße eine Rolle gespielt, wo es galt, am Standort eines ehemaligen Nebengebäudes mit Lagern und Garagen ein Gebäude zu schaffen, das Büros, Präparationsräume und das Archiv des Amtes aufnehmen soll. Bereits in der Vorplanung, mit der 2008 begonnen wurde, seien drei unterschiedliche energetische Konzepte entwickelt und verglichen worden. Tobias Keßler erklärt: "Wir haben den damals üblichen Standard angesetzt, später auch die Vorgaben der 2009 eingeführten Energieeinsparverordnung und außerdem den Passivhaus-Standard. Alle drei Konzepte haben wir an zwei unterschiedlichen Raumgestaltungsvarianten durchgearbeitet und in einem Wirtschaftlichkeitsvergleich gegeneinander abgewogen, sodass der Bauherr zwischen sechs Varianten wählen konnte."

Offenes Raumkonzept

Gebaut wurde zur Freude der Architekten ein Gebäude mit einem sehr offenen Raumkonzept, das die Kriterien eines Passivhauses erfüllt. "Das bedeutet, dass unter anderem die Energie aller ohnehin vorhandenen Wärmequellen im Gebäude verbleibt, sodass der zusätzliche Energiebedarf des Bauwerks ausgesprochen gering ist. Das neue Gebäude des LBGR hat dennoch eine Heizungsanlage. Auf dem Grundstück besteht eine Anschlusspflicht an das Fernwärmenetz", sagt Tobias Keßler. Zusätzlich werde Strom für Licht, die Kommunikationsmittel und die Steuerung der Gebäudetechnik benötigt. "Die Lampen leuchten aber nur so stark wie es angesichts der gegebenen Belichtungsverhältnisse erforderlich ist. Damit möglichst wenig Energie verloren geht, muss die Gebäudehülle dicht und sehr gut gedämmt sein. In den Neubau wurden Fenster mit Vierfachverglasung eingebaut. Und die Be- und Entlüftung wird mittels einer Lüftungsanlage exakt kontrolliert. Insgesamt können so die Betriebskosten sehr gering gehalten werden", erklärt Tobias Keßler.

Auch beim Zuschnitt des Gebäudes wurden die Maßstäbe der Nachhaltigkeit angelegt. So wurden keine abgeschlossenen Einzelbüros gebaut, sondern Räume, die fließend ineinander übergehen und durch verschiebbare Zwischenwände der aktuellen Nutzung angepasst werden können. Darüber hinaus können Verkehrsflächen gleichzeitig als Bürofläche genutzt werden. "Das Konzept des fließenden Raumes hat den Vorteil, dass ein eventueller Nachnutzer des Gebäudes nicht an die Raumstruktur des LBGR gebunden wäre", betont der Planer. Auch dahinter stehe der Gedanke der Nachhaltigkeit.

Martin Tiede ergänzt: "Durch den flexiblen Grundriss konnten darüber hinaus 20 Prozent Fläche eingespart werden. Dadurch wurden nicht nur Baukosten gespart, sondern auf die Lebensdauer des Gebäudes hochgerechnet auch Heizungs-, Reinigungs- und Unterhaltungskosten. Der Bauherr hat das durch das geringere Bauvolumen eingesparte Geld in hochwertige Gebäudetechnik investiert, was sich auf lange Sicht auszahlen wird. Denn aus ökonomischer Sicht muss man im Blick behalten, dass auf die Planung und den Bau eines Gebäudes nur etwa 20 Prozent der Gesamtkosten entfallen, die Baufolgekosten aber 80 Prozent ausmachen."

Recycelbares Baumaterial

Dass der Architekt bei der Gestaltung der Fassade und der Innenräume auf Sichtbeton gesetzt hat, dessen Struktur in Anlehnung an die Nutzung des Gebäudes an Gesteinschichten erinnert, hat nicht nur ästhetische Gründe. "Das Material hat kaum Pflegebedarf, ist enorm haltbar und kann gut recycelt werden", sagt Tobias Keßler. Für die Fußböden sei umweltfreundliches Linoleum verwendet worden, das auf Leinölbasis hergestellt wird.

Die sozialen und soziokulturellen Aspekte der Nachhaltigkeit hatten die Planer bei der Konzeption der Büros im Blick. "Das Licht, das Raumklima und die hygienischen Bedingungen müssen stimmen. Jeder Mitarbeiter kann sich die Bedingungen an seinem Arbeitsplatz weitgehend individuell gestalten, bis hin zur Helligkeit der Beleuchtung. Warme Farbtöne sorgen für Behaglichkeit. Das wird positive Auswirkungen auf die Arbeitsatmosphäre und die Produktivität haben", erhofft sich Tobias Keßler.

Eine weitere Hoffnung teilt er mit seinem Kollegen Martin Tiede. Die beiden Architekten könnten sich so etwas wie ein Kompetenzzentrum in Cottbus vorstellen. "Wenn der Neubau des LBGR als Passivhaus zertifiziert wird, ist es das erste öffentliche Gebäude dieser Art in ganz Brandenburg. Gebäuden wie die Universitätsbibliothek und der LBGR-Neubau könnten als Initialzündung weitere innovative Bauprojekte in die Stadt ziehen", sagt Tobias Keßler.
Zum Thema:

Nachhaltiges Bauen. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutet, dass nur so viel zu nutzen ist, wie der kommenden Generation wieder ein Ersatz übergeben werden kann. Im Bauwesen wird Nachhaltigkeit an drei Aspekten gemessen: der ökologischen, der ökonomischen sowie der soziokulturellen und sozialen Qualität. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) wurde 2007 von unterschiedlichen Fachrichtungen der Bau- und Immobilienwirtschaft gegründet. Ihr Ziel ist es, nachhaltiges und wirtschaftlich effizientes Bauen in Zukunft noch stärker zu fördern. Das DGNB-Zertifikat zeichnet umweltschonende, wirtschaftlich effiziente und nutzerfreundliche Gebäude aus. Der Cottbuser Innenarchitekt Martin Tiede ist zertifizierter DGNB-Auditor.