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| 20:53 Uhr

Debatte um Schutz vor Infektionskrankheiten
Impfschutz bleibt weiter heftig umstritten

Der Impfschutz bleibt umstritten.
Der Impfschutz bleibt umstritten. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Cottbus. Eltern von Kleinkindern ist der Schutz des Nachwuchses vor Infektionskrankheiten sehr wichtig. Das Bewusstsein lässt dann aber schnell nach. Von Jenny Theiler

Die Impfbereitschaft ist für Kleinkinder in Deutschland groß. Mehr als 90 Prozent der Eltern legen in den ersten Lebensjahren des Nachwuchses größten Wert auf den medizinischen Schutz aus der Nadel. Aber schon zur zweiten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln lässt dies, laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stark nach. Dr. Arnulf Sallach, Kinderarzt aus Finsterwalde im Unruhestand, spricht sich für eine Pflicht zur Teilnahme an einem flächendeckenden Impfschutz aus. Die Häufung von Erkrankungen an Masern spreche beispielsweise klar dafür. „Ich kann Kindereinrichtungen voll verstehen, die Nachwuchs ohne nachgewiesenen Impfschutz nicht aufnehmen wollen“, erklärt der Mediziner.

Die meisten Virus- und Bakterienepidemien können mit dem richtigen Stoff weltweit sehr wirksam eingedämmt werden. Aber auch in Deutschland gibt es keine Impfpflicht. Jede Familie hat für sich und ihre Kinder selbst abzuwägen, ob sie bereit ist das Risiko einer schweren Erkrankung mit möglichen Folgeschäden einzugehen oder ob sie die möglichen Nebenwirkungen des Impfstoffes in Kauf nehmen. Viele Untersuchungen und jahrzehntelange Erfahrung zeigen, dass letztgenanntes Risiko sehr gering ist, argumentieren die Experten der Bundeszentrale.

Durch den enormen Zuzug von Geflüchteten wächst auch bei vielen Lausitzern die Angst vor neuen exotische Viren oder Bakterien. Cottbuser Ärzte geben jedoch Entwarnung. Seit 2015 habe weder eine Epidemiegefahr bestanden, noch seien unbekannte Krankheitserreger aufgetaucht. Lediglich ein leichter Anstieg von Tuberkulosefällen sei zu erkennen. „Dies ist jedoch kein Grund zur Panik, Patienten sprechen sehr gut auf die Behandlung an“, weiß Allgemeinmediziner Dr. Michael Polte vom Carl-Thiem-Klinikum.

Trotzdem halten Dr. Michael Polte und Dr. Liv Fünfgeld die Einrichtung einer Impfsprechstunde in Cottbus für sinnvoll, um den flächendeckenden Schutz vor Infektionskrankheiten auch weiterhin zu gewährleisten. Denn nicht nur unterschiedliche Kulturen, sondern auch verschiedene Gesundheitssysteme sind in den vergangenen zwei Jahren in der Bundesrepublik aufeinander geprallt. Erste bürokratische Schwierigkeiten treten schon bei der medizinischen Erstversorgung auf. Viele Geflüchtete wissen nicht, ob oder wogegen sie geimpft sind oder ob sie überhaupt jemals eine Immunisierung erhalten haben. Insbesondere Afghanistan und der ostafrikanische Raum haben Gesundheitssysteme, die durch den Krieg zusammengebrochen sind. Die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient gestaltet sich demnach schwierig. „In solchen Fällen müssen wir mit der Grundimmunisierung ganz von vorn beginnen, was natürlich sehr aufwendig ist“, erklärt Dr. Michael Polte.

„Syrien hatte zumindest vor dem Krieg ein sehr gutes Gesundheitssystem, das auch eine solide Aufklärungsarbeit über Schutzimpfungen geleistet hat“, weiß Dr. Michael Polte aus dem Carl-Thiem-Klinikum. Syrische Ärzte und Pfleger können den deutschen Kollegen ebenfalls bestätigen, dass es auch eine Grundimpfsicherung in Syrien gibt, die allerdings nicht dokumentiert wird, da es keine Impfpässe gibt.

Geimpft wird wie in Deutschland mit dem DTP-Impfstoff gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten. Jeder Geflüchtete bekommt die Impfungen auf Nachfrage. Mit der Idee einer Impfsprechstunde sollten vor zwei Jahren ein Impfschutz für alle Geflüchteten gewährleistet werden, die noch nicht krankenversichert waren. „Es sollte gleichzeitig ein niederschwelliges Angebot für alle Bürger werden“, erklärt Dr. Liv Fünfgeld. Das Projekt scheiterte jedoch, da den Ärzten keine öffentliche Unterstützung zugesichert wurde und die Arztpraxen die wirtschaftliche Last nicht allein stemmen konnten. Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Stadt sollen demnächst stattfinden.