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| 02:33 Uhr

Im Widerstand gegen die Faschisten

Der Stolperstein für Willy Jannasch liegt vor der Gartenstraße 73.
Der Stolperstein für Willy Jannasch liegt vor der Gartenstraße 73. FOTO: Helbig/mih1
Cottbus. Stolpersteine gegen das Vergessen – mittlerweile erinnern 77 Messingplatten im Cottbuser Asphalt an das Schicksal von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Die RUNDSCHAU stellt monatlich ein Schicksal vor. Erika Pchalek/epk9

Im September 1905, vor 110 Jahren also, kommt in der Cottbuser Arbeiterfamilie Jannasch ein Junge zur Welt. Er ist der älteste von drei Söhnen. Willy nennen ihn die Eltern. Die Mutter ist Textilarbeiterin in der Teppichfabrik, der Vater Bau- und Möbeltischler. Glück und ein langes Leben haben Eltern und Verwandte dem Säugling sicher gewünscht. Aber die Zeiten sind nicht so. Dunkle Jahre stehen Deutschland bevor. Willy Jannasch stirbt mit 33 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Der Vater holt seinen toten Jungen nach Hause, findet an dessen Körper die Spuren unmenschlicher Misshandlungen. Folterqualen hat der junge Mann durchlitten, bevor das Ende kam.

Aber der Reihe nach: Der kleine Willy wächst heran, drückt eine Cottbuser Schulbank und erlernt schließlich das Tischlerhandwerk wie sein Vater. Wie dieser arbeitet er in der Cottbuser Maschinenbau AG (COMAG). Seine Freizeit verbringt der Junge beim Arbeiter-Turn und Sportbund Cottbus und beim "Roten N", den wandernden Naturfreunden. Bald schon ist er politisch aktiv: Willy Jannasch schließt sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an.

Als 1926 die COMAG schließt, trifft das die Familie hart: Vater, zwei Söhne und der Schwager werden arbeitslos. Mit Gelegenheitsarbeiten hilft man sich über die Runden: Willy verteilt Werbematerialien, und ab und zu trägt er bei Beerdigungen auf dem Nord- und Südfriedhof die Särge. Die Einkünfte sind karg. Er widmet sich stärker der politischen Arbeit, wechselt in die Kommunistische Arbeiterjugend und arbeitet aktiv in der Roten Hilfe mit. Diese Organisation steht Inhaftierten aus der Arbeiterbewegung und deren Angehörigen mit Sach- und Geldspenden bei und organisiert die Rechtshilfe. 1927 heiratet Willy Jannasch, und 1932 wird Tochter Jutta geboren.

Nach der Machtergreifung durch die Faschisten tobt der Terror. KPD und SPD werden verboten. Gleiches Schicksal trifft die Rote Hilfe. Willy Jannasch kennt viele ehemalige Genossen aus der Parteiarbeit und aus der Wandergruppe. Er baut eine Widerstandsgruppe auf. Zunächst wird die Rote Hilfe wieder zum Leben erweckt. Die Gruppe sammelt Sach- und Geldspenden, organisiert Solidaritätsaktionen für die Terroropfer. Aus der Tschechoslowakei werden Materialien über den Naziterror über die Grenze geschmuggelt. Im Lastwagen, versteckt zwischen Tuchballen, gelangt so manches aufschlussreiche Werk bis nach Berlin, darunter das "Braunbuch über den Reichstagsbrand". Im Januar 1936 fliegt die Gruppe auf. Ein Verräter saß in ihren Reihen. Dreizehn Genossen werden verhaftet. Wegen "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" wird ihnen der Prozess gemacht. Die Höchststrafe von allen Angeklagten erhält Willy Jannasch: Vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus und Polizeiaufsicht lautet das Urteil. Die Zuchthaustore von Brandenburg-Görden schließen sich hinter ihm.

Gefoltert wurden die Männer schon während der Vernehmungen. Aber in Brandenburg-Görden prügeln die Schergen Willy Jannasch im September 1938 zu Tode. "Herzversagen" nennt es der Totenschein. Der Vater sargt seinen Sohn ein, und dieser wird auf dem Südfriedhof in Cottbus beerdigt. Im Stadtteil Sandow trägt eine Straße seinen Namen. In der Gartenstraße 73 erinnert ein Stolperstein an den Kämpfer gegen den Faschismus.

Quellen: Willy Jannasch und Genossen, Der antifaschistische Widerstandskampf der KPD in Cottbus… 1985; Willy Jannasch, Widerstand gegen Hitler, Cottbuser Heimatkalender 2005.

www.lr-online.de/stolpersteine