Als sie die Einladung zur Verleihung des Gottlob-Schumann-Preises im Briefkasten fand, dachte sie erst, sie sei als Zuschauerin geladen. Dass sie einen der zwei in diesem Jahr an der Fachhochschule Lausitz (FHL) "für herausragende Abschlussarbeiten" verliehenen Preise erhalten sollte, ist der 25-jährigen Cottbuserin erst viel später aufgegangen. Auch nach der feierlichen Übergabe im Konservatorium fragt sie sich: "Warum gerade ich? Es gibt doch viele gute Arbeiten." 118 Seiten ist Ulrike Fischers Diplomarbeit dick. "Eine stressige Zeit", sagt sie über die drei Monate, in denen sie intensiv daran gearbeitet hat. Die Recherche allerdings hat schon Monate früher begonnen. Ihr Thema: "Eine psychosoziale Betrachtungsweise körperlich chronisch kranker Kinder am Beispiel des Hutchison-Gilford Progerie Syndroms (HGPS)". Bei der betrachteten Erkrankung handle es sich um einen genetischen Defekt, der zu frühkindlicher Vergreisung führe, erklärt die Absolventin. 40 bis 60 Kinder seien weltweit davon betroffen, drei bis sechs von ihnen leben in Deutschland. Es sei ihr nicht um die medizinischen Aspekte der Krankheit gegangen, sondern um ihre psychische und soziale Seite. "Das, was leider noch zu oft unter den Tisch fällt". Nämlich dass auch schwer kranke Kinder " Individuen sind, die Wünsche haben und mit Eltern und Geschwistern glücklich leben wollen". Die Ergebnisse der Betrachtung des HGPS seien durchaus auf andere chronisch kranke Kinder übertragbar, etwa jene, die mit Asthma, Epilepsie oder Herzdefekten leben müssen. Dabei zeige sich: "Jede Familie ist ein Einzelfall, auf den individuell einzugehen ist." Und: "Die Betroffenen haben den Wunsch und das Recht auf Normalität." Auf ihr Diplom-Thema sei sie während eines Auslandssemesters in Spanien gestoßen, erzählt die Cottbuserin, die sich besonders für Heilpädagogik, für Medizin und Psychologie interessiert. Bereits während des Studiums hatte Ulrike Fischer, wie ihre Mitstudenten auch, reichlich Gelegenheit, Praxisluft zu schnuppern. Im Umgang mit Suchtkranken beispielsweise während eines Praktikums beim sozialpsychiatrischen Dienst, später beim schulpsychologischen Dienst und über ein ganzes Jahr lang regelmäßig bei "Spielen zu Hause", einem Praxis-Projekt des Fachbereichs Sozialpädagogik der Fachhochschule Lausitz. Dabei gehen Studenten einmal wöchentlich in sozial benachteiligte Familien und spielen mit den Kindern. "Das hat einen erzieherischen und einen Förderaspekt", erklärt die Diplom-Sozialpädagogin. Nach einer ersten Beobachtungsphase könnten ganz individuelle Defizite der Kinder ausgeglichen werden. Noch heute schwärmt Ulrike Fischer von der Freude und Dankbarkeit der Eltern. So habe sich der Satz bestätigt, der da laute: "Wer anderen ein Geschenk macht, zu dem kommt es zurück." Inzwischen hat für die Absolventin der Berufsalltag begonnen. Im Eigenbetrieb Grundsicherung für Arbeitsuchende des Spree-Neiße-Kreises betreut sie als Fallmanagerin Langzeitarbeitslose und Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Vom Suchtkranken über den Lernbehinderten bis zum "ganz normalen Durchschnittsbürger", oft auch mit Hochschulabschluss. "Ich berate und vermittle diese Leute", sagt sie. Hintergrund Gottlob-Schumann-Preis der Fachhochschule Lausitz Mit dem nach dem Generaldirektor der Ilse Bergbau AG, Kommerzienrat Dr. Gottlob Schumann (1860 - 1929) genannten Preis erinnert die Fachhochschule Lausitz alljährlich an eine Persönlichkeit, die zum Begründer des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Lausitz wurde.