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Im Dachstuhl, wo der Vater Handstand machte

Den Besucherbalkon des Oberkirchturms mit seinem Panoramablick über die Dächer von Cottbus mögen viele Einheimische kennen. Aber wer war schon einmal im Türmerzimmer? 20 Leserinnen und Leser der RUNDSCHAU hatten gestern die Gelegenheit, die normalerweise für Außenstehende unzugänglichen Räumlichkeiten und Gänge des 55 Meter hohen Glockenturmes zu besuchen. Dies ermöglichte die Evangelische Kirche für die zweite Sommertour 2003 der RUNDSCHAU. Von Klaus Alschner

„Vorsicht, hier ist es staubig. Hier kommt nicht jeder her,“ warnte Kirchwart Ralf Troppa unterm Dachstuhl von St. Nikolai. Die Balken wirken für die große Kirche nicht besonders spektakulär, eher bescheiden. Troppa nennt den Grund: Nach dem Krieg hatte die Gemeinde wenig Geld, um die zerstörte Kirche wiederaufzubauen. Sie musste sogar ein Haus in der Bahnhofstraße veräußern, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Das Holz für den Wiederaufbau des Dachstuhls war ein Geschenk.
Für einen der Teilnehmer der RUNDSCHAU-Sommertour war es eine ganz besondere Freude, unterm Dachstuhl von St. Nikolai zu stehen: Werner Badack erinnerte sich, dass sein Vater Richard Badack an der Konstruktion des Dachstuhls mitgearbeitet hatte. „Ich habe noch ein Bild, auf dem mein Vater beim Handstand auf einem Dachbalken zu sehen ist.“ Richard Badack war damals bei der Cottbuser Zimmererwerkstatt Matschke beschäftigt. Sein Sohn Werner Badack berichtete als Teilnehmer der RUNDSCHAU-Sommertour aus seinen Kindheitserinnerungen. Als Zehnjähriger war er Anfang der 60er Jahre, auf der Fahrrad-Lenkstange seiner Mutter sitzend, aus Kunersdorf zur Cottbuser Oberkirche gekommen. Dort besuchte er seinen Vater, der ihm die ganze Baustelle zeigte und erklärte. „Das war seine anspruchsvollste Baustelle.“ Vielleicht hat das Kindheitserlebnis nachgewirkt. Werner Badeck wurde auch Bauingenieur.
Beeindruckt waren die Besucher vom Glockenstuhl der Oberkirche. Zwei der 1671 gegossenen Glocken haben die Brände überlebt und sind noch vorhanden. Auf der großen Glocke stehen die Namen der damaligen Cottbuser Magistratsmitglieder und Pfarrer. Eine dritte Glocke wurde nach dem Ersten Weltkrieg angeschafft. Heute werden die Glocken von St. Nikolai durch elektrische Steuerung in Betrieb gesetzt. Der Glockenstuhl ist eine interessante hölzerne Konstruktion. Sein Holz fängt die Schwingungen der Glocken ab, damit sie sich nicht auf den Kirchturm übertragen.
Beim Abstieg machten die Sommertour-Teilnehmer Zwischenstation in der einstigen Türmerwohnung. Die Türmer - neben dem Kirchturm war auch der Spremberger Turm bewohnt - hatten die Aufgabe, beim Anrücken von Feinden oder Feuer in der Stadt Alarm zu geben. Meist erledigten diese Aufgabe Soldaten im Ruhestand, berichtete Ralf Troppa. Es gibt eine Geschichte, wonach ein Türmer bei einem Brand statt der Sturmglocke die Taufglocke geläutet haben soll. Die Menschen draußen auf dem Feld freuten sich über die vermeintliche Taufe, während in Cottbus ein Haus abbrannte.
Der Brandschutz spielt auch heute noch eine wichtige Rolle für die einstige Türmerwohnung. Die entsprechenden Vorschriften verbieten es der Gemeinde, den Raum zu gelegentlichen Treffen zu nutzen. „Als er gebaut wurde, gab es noch keine Versammlungsstättenverordnung,“ meinte Superintendent Matthias Blume, der die Besucher gemeinsam mit Kirchwart Troppa durch das Gotteshaus führte. Ein Brandschutzkonzept und die Modernisierung der Heizungsanlagen gehören für die Gemeinde zu den vordringlichsten nächsten Aufgaben, berichtete Blume. Er hatte eingangs die Geschichte der Oberkirche dargelegt. 1468 brannte sie erstmals ab. Nach dem Wiederaufbau blieb das Erdgeschoss des alten Turmes das Einzige, was vom Vorgängerbau geblieben ist. Im April 1945 wurde die Kirche erneut durch Feuer zerstört. 1966 wurde das Dach wieder errichtet. 1970 war der Kirchenraum insgesamt wieder nutzbar. Die Turmhaube wurde 1988 wieder aufgesetzt.
Die Teilnehmer der Sommertour sahen und hörten viel Neues und stellten viele Fragen - unter anderem, ob die Kirchenfenster vor dem Brand auch hell waren oder wie der beleuchtete Weihnachtsstern am Kirchturm aufgehängt wird.

Service Sommertour-Termine
 Die nächsten Stationen der RUNDSCHAU-Sommertour:
9. Juli, Mittwoch: 10 Uhr, stadtgeschichtliche Tour durch Cottbus mit Steffen Krestin.
16. Juli, Mittwoch: 9 Uhr, Führung durch den Tagebau Jänschwalde.
23. Juli, Mittwoch: 10 Uhr, Führung durch den Tierpark mit Blick hinter die „Kulissen“ .
30. Juli, Mittwoch: 10 Uhr, zu Gast bei der Polizei, Tour mit dem Fahrrad vom Bonnaskenplatz zur City-Wache.
6. August, Mittwoch: 14 Uhr, Sportstättenchef Peter Przesdzing führt über die neue Tribüne des Stadions.
13. August, Mittwoch: 14 Uhr, Führung durch den Branitzer Park mit Berthold Ettrich.
Für die meisten Termine ist eine Anmeldung - in der Regel am Sonnabend zuvor - nötig. Zeiten und Rufnummern werden rechtzeitig bekannt gegeben.

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