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| 14:08 Uhr

Konsum-Alternative auch an Weihnachten
Im Cottbuser Kost-Nix-Laden gilt: Kaufen verboten

 Bea Kiesewetter und Karin Weitze engagieren sich für den Kost-Nix-Laden.
Bea Kiesewetter und Karin Weitze engagieren sich für den Kost-Nix-Laden. FOTO: LR / Julian Münz
Cottbus. Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch das Fest des Konsums. Eine Alternative, die sich selbst als konsumkritisch beschreibt, gibt es in Cottbus. Von Julian Münz

Es herrscht Betrieb im Kost-Nix-Laden an der Deffkestraße. Schon kurz nach der Öffnung wartet vor der Tür des Ladens eine kleine Menschenmenge darauf, hineingehen zu können. Auch im Laden selbst stöbern bereits Besucher in den Regalen nach neuer Kleidung, Spielen, Büchern oder Dekogegenständen. Aufgrund der Enge des Raumes und der zahlreichen Gegenstände kommt man kaum aneinander vorbei. Ein wenig erinnert es an einen überfüllten Supermarkt kurz vor Heilig Abend. Dabei hat dieser Laden mit einem klassischen Einkaufsmarkt nur wenig zu tun. Denn im Kost-Nix-Laden kann man, wie der Name schon sagt, sein Geld nur schwer ausgeben.

„Gerade ist im Laden eher wenig los“, kommentiert Karin Weitze wenig beeindruckt den Trubel. „Jetzt ist es ja auch schon ein bisschen kälter, da kommen nicht mehr so viele Leute“, so die 67-Jährige. Dass die Kapazitätsgrenzen des Ladens ausgelastet sind, weiß Weitze aber auch: „Wir haben hier gerade schon sehr viele Sachen“, sagt sie, während sie auf die Kartons blickt, die sich auch im Abstellraum des Ladens stapeln.

Vor fünf Jahren entstand die Idee

Drei Mal in der Woche hat der Laden für jeweils drei Stunden geöffnet. „Die Hauptarbeit ist natürlich immer, hier Ordnung hereinzubringen“, erzählt Weitze. Dafür sind auch heute wieder drei Mitglieder des Vereins im Schichtdienst aktiv. Aber auch die Besucher sollen beim Aufräumen des Ladens helfen, stellt sie klar.

Karin Weitze gehört mit zu den Leuten, die im Februar vor fünf Jahren die Idee des Kost-Nix-Ladens ins Rollen brachten. Im „Muggefug“, dem Studentenkeller, trafen sich etwa zehn Menschen, die eine Alternative haben wollten zu profitorientierten Geschäften. Sie fanden ihn im Kost-Nix-Laden: Ein Markt, in dem man Dinge, die man selbst nicht mehr braucht, abgeben und sich dafür wiederum andere Gegenstände mitnehmen kann.

„Das, was wir verkaufen, ist keine Ware und unsere Besucher sind keine Kunden“, stellt Karin Weitze direkt zu Beginn klar, dass mehr hinter dem Konzept steckt als ein reiner Tauschladen. Auf der Internetseite des Ladens werden regelmäßig sogenannte Konsumnotizen veröffentlicht, in denen die etwa 15 Helfer des Ladens Aufreger wie den Plastikverbrauch und die Wegwerfgesellschaft thematisieren. Der Kost-Nix-Laden positioniert sich als konsumkritische Alternative. Die Marktgesetze seien hier außer Kraft, berichtet Karin Weitze stolz. „Was etwas kostet, interessiert uns nicht“, so das Motto der 67-Jährigen.

Versuch Nummer zwei mit Erfolg

Cottbus ist bei weitem nicht die erste Stadt, in der eine solche Idee ausprobiert wird. Kost-Nix-Läden gibt es bereits in mehr als 90 Städten in Deutschland. Weit verbreitet sind zudem offene Tauschregale auf Marktplätzen in kleineren Gemeinden, in die Menschen Gegenstände hineinlegen und herausnehmen können. Der Cottbuser Verein Multikulturelles Europa, jetzt Projektträger des Kost-Nix-Ladens, hatte schon einmal versucht, in der Stadt einen solchen Laden aufzubauen, erzählt Karin Weitze. Dies sei aber auch wegen des ungünstigen Standorts gescheitert. Der zweite Versuch, diesmal näher an der Innenstadt, feiert nun bald seinen fünften Geburtstag.

Eine der Helferinnen, die gerade ihre Arbeit im Kost-Nix-Laden verrichten ist Bea Kiesewetter. Sie ist kurz nach Beginn zum Team des Kost-Nix-Ladens dazugestoßen und hat hier mittlerweile wohl die meisten Schichten vorzuweisen. „Damals konnte der Laden mal an einem Donnerstag nicht öffnen. Da habe ich mich angeboten, auszuhelfen“, erzählt sie, warum sie hier mithelfen wollte. Auch wenn es anstrengend sein kann, ist Kiesewetter gerne hier. „Man kommt hier ins Gespräch mit den Menschen“, sagt sie.

Ein Abnehmer finde sich noch für die kuriosesten Sachen, weiß die freiwillige Helferin durch die lange Erfahrung. Selbst für die kitschigste Dekoration, etwa einen beleuchteten Gartenzwerg, konnte sich ein Abnehmer finden, erzählt sie. „Bei dem dachten wir, dass den nie jemand mitnimmt und am Ende hat ihn natürlich jemand mitgenommen“, so Kiesewetter.

Von der Drei-Dinge- zur Fünf-Dinge-Regel

Natürlich kommt auch der Cottbuser Tauschladen nicht ohne Regeln aus. Eine Richtlinie war etwa lange Zeit die „Drei-Dinge-Regel“, die besagte, dass jeder Besucher bei einem Besuch nur drei Sachen mitnehmen dürfe. Weil der Raum vor lauter Gegenständen überquillt, sind aus den drei mittlerweile fünf Dinge geworden. Und auch das solle mehr als Richtlinie gelten: „Wir fragen die Leute dann, ob sie die Dinge, die sie mitnehmen wollen, auch wirklich brauchen“, erzählt Weitze. „Das ist hier schließlich keine Diktatur, sondern wir wollen die Leute zum Nachdenken bringen“, so die 67-Jährige.

Auch bei den Gegenständen, die die Helfer anschleppen, sortiert der Kost-Nix-Laden vorher aus. So werden Kriegsspielzeuge, Werbegeschenke oder parteipolitisch gefärbte Sachen nicht angenommen. Auch die Funktionstüchtigkeit der Sachen muss noch gewährleistet sein: „Möbel, die zu groß für den Laden sind, können auf einer Pinnwand angepriesen werden.

Zu den freiwilligen Mitarbeitern gehören auch Geflüchtete und Studenten. „Wir werben immer wieder um neue Mitglieder“, so Karin Weitze. Einen Unterschied zwischen den Generationen sieht sie nicht: „Sowohl jüngere als auch ältere Menschen fragen bei uns an“, erzählt Karin Weitze. Auch  Bea Kiesewetters 14-jährige Tochter arbeitet schon im Laden mit.

„Schön  wäre noch ein größerer Laden“, so der Wunsch von Kiesewetter. Den kann ihr Karin Weitze nicht bald versprechen. „Wir zahlen eine wirklich angemessene Miete hier“, sagt sie. Auch das von Spenden finanzierte Gegenkonzept zu einem Supermarkt ist eben trotzdem noch vom Geld abhängig.

Zur Website des Cottbuser Kost-Nix-Ladens.