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Landesliste
"Ich bleibe Lobbyist für die Lausitz"

Ulrich Freese (r.) mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleike (beide SPD) im Mai zu Gesprächen über den Strukturwandel in Peitz.
Ulrich Freese (r.) mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleike (beide SPD) im Mai zu Gesprächen über den Strukturwandel in Peitz. FOTO: mer
Cottbus. Das Lausitzer SPD-Urgestein Ulrich Freese (66) ist über Platz zwei auf der Landesliste zum zweiten Mal in den Bundestag eingezogen. Seine Partei brachte es in Cottbus/Spree-Neiße auf magere 15,2 Prozent hinter AfD, CDU und Linke.

Die RUNDSCHAU fragte nach Gründen und Konsequenzen.

Debakel für die SPD in Cottbus/Spree-Neiße - ist das Wahlergebnis vom Sonntag für Sie damit treffend beschrieben?
Freese Das ist ein schwerer Schlag in die Magengrube. Für die SPD allemal, aber auch für den Partner CDU der Großen Koalition. Klaus-Peter Schulze und ich haben jeweils 7000 bis 8000 Stimmen verloren. Das zeigt, dass wir beide mit dem, was wir für die Region getan haben, nicht durchgedrungen sind. Auch scheint das, was ich angekündigt habe - etwa die Strukturentwicklung in der Lausitz mit der Braunkohle zu gestalten - nicht gehört wurde.

Was trifft Sie härter: der Stimmenverlust von 6,5 Prozent oder, dass die SPD jetzt auch hinter der AfD liegt?
Freese Beides schmerzt. Und, dass die verlorenen Stimmen bei der AfD gelandet sind. Ich muss konstatieren, dass ich trotz ungezählter Bürgersprechstunden und Vor-Ort-Gesprächen, in denen Probleme angepackt wurden, trotz der Einladung von 2800 Bürgern nach Berlin und in den Reichstag, trotz regionaler Medienberichterstattung inhaltlich nicht bei den Bürgern angekommen bin.

Was hat die AfD besser gemacht?
Freese Die AfD hat ja gar nichts gemacht. Ich habe von der AfD-Kandidatin in Cottbus/Spree-Neiße immer nur sehr einfache Ansagen gehört: Ich bin Kommunalpolitikerin, will etwas für den Mittelstand tun. Die ausländerfeindlichen Thesen sind vorsorglich in die Briefkästen gesteckt worden.

Ulrich Freese bezeichnet sich selbst als Kohle-Lobbyist. Bisher konnten Sie das in Regierungsverantwortung sein. Wie wird das in der Opposition?

Freese Ungleich schwerer. Zunächst kommt es darauf an, ob die beiden Lausitzer Klaus-Peter Schulze von der CDU oder Martin Neumann von der FDP das vollmundig im Wahlkampf und in den Diskussionen Versprochene nun auch in ihren Parteien bei den Koalitionsverhandlungen einbringen werden: kein Kohleausstiegsdatum und Forderung nach CCS. Bei diesen Themen sind sie mir beide im Wahlkampf inhaltlich gefolgt. Jetzt bin ich gespannt, ob sie das auch in ihren Parteien fordern werden - so, wie ich es in den letzten Jahren immer getan habe. Sie müssen für die Lausitz Farbe bekennen - auf meine Unterstützung können sie dabei zählen. Denn ich bleibe Lobbyist für die Lausitz.

In Forst, Guben und Spremberg strebt die AfD in die Stadtparlamente. Sehen Sie Nachwuchsprobleme für die SPD - immerhin kommt man auf der Karriereleiter bei den Rechtspopulisten schneller voran. . .
Freese Man kann auch aus der SPD heraus in Parlamente gewählt werden. Und aus anderen Parteien. Mein Ortsverein Spremberg hat gerade zwei neue Mitglieder - Jahrgang 1993 und 1994 - aufgenommen. Der Martin-Schulz-Hype hat auch uns in Spree-Neiße und in Cottbus neue Mitglieder zugeführt. Natürlich nicht in den gewaltigen Daten wie bundesweit. Bei den Kommunalwahlen 2019 werden wir aber ganz sicher auch Kandidaten aufstellen, mit denen wir uns an unterschiedliche Alters- und gesellschaftliche Gruppen richten wollen.

Ist es Zeit auch für eine Neuausrichtung der SPD im Unterbezirk?
Freese Der wieder verschobene Straßenausbau, der abgesagte Anschluss an die Kanalisation, der um seine Perspektive bangende Berg- und Energiearbeiter - all das kann Messlatte für eine Wahlentscheidung sein. Ich denke, wir müssen inhaltlich die Konsequenz ziehen, wesentlich mehr Bürger anzusprechen, einzubeziehen, ihre Meinung abzufragen und in konkrete Politik zu formen.

Muss sich der Unterbezirk auch personelle neu aufstellen?
Freese Der Unterbezirk Cottbus hat einen neuen Vorsitzenden. In Spree-Neiße leite ich - nachdem ich schon einmal lange an der Spitze stand - den Unterbezirk. In den kommenden Wochen werden die Mitglieder entscheiden, wer in den nächsten zwei Jahren den Unterbezirk führt. Trotz oder gerade wegen des Bundestagswahlergebnisses will ich wieder antreten und werde mich nicht drücken. Das bin ich meiner Partei, der ich 47 Jahre angehöre, schuldig.

Mit Ulrich Freese

sprach Christian Taubert