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Hundertjähriger Kalender der Cottbuser Südstadt

Geschichte der Drebkauer Straße auf einen Blick: Das kleine Haus (Nr.138) ist ein Vertreter der ersten Generation der Bebauung im 19. Jahrhundert. Es folgt die Bauweise der Jahrhundertwende (Nr.139) und der 1930er-Jahre (Nr.140). Rechts im Bild ein Wohnblock aus dem 1960er-Jahren.
Geschichte der Drebkauer Straße auf einen Blick: Das kleine Haus (Nr.138) ist ein Vertreter der ersten Generation der Bebauung im 19. Jahrhundert. Es folgt die Bauweise der Jahrhundertwende (Nr.139) und der 1930er-Jahre (Nr.140). Rechts im Bild ein Wohnblock aus dem 1960er-Jahren. FOTO: Stadtmuseum
Cottbus. "Ich bin ein Junge dieser Stadt und von Beruf Vermesser", antwortet Dirk Seemann, wenn er nach den Gründen für seine mehrjährige intensive Arbeit an einem "Stadtpanorama der Cottbuser Südvorstadt vor 1945" gefragt wird. Noch bis zum 12. Ulrike Elsner

November sind die Pläne, Fotos und Objekte der gleichnamigen Ausstellung in der Schatzkammer des Cottbuser Stadtmuseums zu sehen.

Aufgewachsen in der Nähe des Fontaneplatzes, hat der heute 50-Jährige bereits als Kind die Spuren des Krieges in seinem Kiez bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig war er fasziniert von historischen Ansichten und hatte stets das Gefühl, dass mit den Kriegsschäden etwas Besonderes unwiederbringlich verloren gegangen ist. Entstanden ist ein Stadtpanorama im Maßstab 1:1000 mit Kartenteil und Bildern der typischen Bebauung, die einen Überblick über das Areal geben, das von Blechenstraße, Gartenstraße, Löns- und Senftenberger Straße begrenzt wird.

Ausgestattet mit historischen Straßennamen und Hausnummern sollen die Pläne helfen, so Seemann, "Orte und Zeitzeugenberichte zu lokalisieren und Bilder zu verorten." Museumschef Steffen Krestin schätzt die "historisch detaillierte Analyse" des Freizeitforschers. Er habe mit seiner Arbeit "ein Stadtgebiet umrissen, das Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aufblüht". Ältere Ausstellungsbesucher hätten mit großer Freude Orte ihrer Kindheit und Jugend bis hin zum Schuppen auf dem Hof wiederentdeckt.

Dirk Seemann vermittelt dem Betrachter einen Eindruck davon, wie die Cottbuser Südstadt zwischen 1910 und 1930 ausgesehen hat. Dabei zeigt sich der Wintergarten in der Dresdner Straße 31 mit seinem attraktiven Baumbestand, das Café Engemann in der Dresdener Straße 115, das vielen Cottbusern auch als Café Süd in Erinnerung ist, oder die Cottbuser Maschinenbau-Anstalt und Eisengießerei Aktien-Gesellschaft COMAG in der Dresdener Straße 133.

Besonders anschaulich werden die Veränderungen in der Stadt mit Hilfe von mehrfarbigen Karten, auf denen neue Gebäude in Rot über die historischen Pläne gelegt sind. Auf diese Weise entstehe ein hundertjähriger Kalender des Stadtteils, sagt der Museumschef.

Auch nach Ausstellungsende können interessierte Cottbuser auf Dirk Seemanns Arbeitsergebnisse zugreifen. "Karten, Bildmaterial und Beschreibung bleiben in jeweils einem Exemplar zur Nutzung im Lesesaal des Museums präsent", verspricht Steffen Krestin.

Manche Straßenzüge haben ihr Erscheinungsbild seit den 30er-Jahren kaum verändert. Dazu gehören die Senftenberger und die Räschener Straße. "Auch die Lutherstraße ist noch ziemlich original erhalten", sagt Dirk Seemann. Rund um den Bahnhof gibt es jedoch nur noch wenige klar erkennbare Fixpunkte: das Stellwerk B 23, den Wasserturm, die Kastanie auf der Mittelinsel und die Eiche an der Stele vor dem Empfangsgebäude.

Das "Stadtpanorama der Cottbuser Südstadt vor 1945" bereichert den Ausstellungskalender des Stadtmuseums. "Auch künftig sind Sammler und Heimatforscher eingeladen, ihre Arbeitsergebnisse in den Sonderausstellungsräumen zu präsentieren", betont Krestin. "So erhalten sie die Möglichkeit, sich in die öffentliche Diskussion über die Geschichte der Stadt einzubringen."

Dirk Seemann vor einer Zeichnung, die er nach einem historischen Foto aus dem Jahr 1920 angefertigt hat. Sie zeigt einen Blick von der Lutherkirche.
Dirk Seemann vor einer Zeichnung, die er nach einem historischen Foto aus dem Jahr 1920 angefertigt hat. Sie zeigt einen Blick von der Lutherkirche. FOTO: Elsner