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| 19:15 Uhr

Geschlagen, gequält, verwahrlost
Hunderte Kinder brauchen Hilfe

Die Zahl der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen in Cottbus ist dramatisch gestiegen. Damit spiegelt sich in der Lausitz ein Bundestrend wider. Ob es tatsächlich mehr gefährdete Kinder gibt oder die Meldesensibilität im Umfeld zugenommen hat, ist derzeit noch unklar.
Die Zahl der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen in Cottbus ist dramatisch gestiegen. Damit spiegelt sich in der Lausitz ein Bundestrend wider. Ob es tatsächlich mehr gefährdete Kinder gibt oder die Meldesensibilität im Umfeld zugenommen hat, ist derzeit noch unklar. FOTO: LR
Cottbus. Die Zahl der Meldungen von Kindeswohlgefährdung in Cottbus ist drastisch gestiegen.

Geschlagen, gequält, verwahrlost, fehl- und unterernährt – hinter dem reichlich verklausulierten Begriff „Kindeswohlgefährdung“ tun sich familiäre Abgründe auf. Erziehungsberechtigte können oder wollen sich um ihre Kinder nicht so kümmern, wie es dem Nachwuchs zusteht – gewaltfrei, sowohl körperlich als auch psychisch.

Derzeit sorgt ein aktueller Fall von Kindeswohlgefährdung für Schlagzeilen – eine 13-Jährige verschwindet aus einer Cottbuser Einrichtung, wird bei den Eltern in Groß Schacksdorf bei Forst gefunden. Nach jetzigem Ermittlungsstand könnte sexueller Missbrauch im Spiel gewesen sein. Mehr ist über den Fall nicht bekannt. Zum Schutz der 13-Jährigen gibt es keine Details.

Ein schlimmer Fall, der auch über die Lausitzer Grenzen für Empörung sorgt. In Spree-Neiße, dessen Jugendamt den Fall des Mädchens betreut, habe sich die Situation gefährdeter Kinder in der Vergangenheit bis heute gebessert, sagt Marlen Knobloch, Sachgebietsleiterin Sozialer Dienst, und zeichnet damit ein ganz anderes Bild als das des Cottbuser Jugendamts.

In der Lausitzmetropole haben die Meldungen von Kindeswohlgefährdung in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. 423 hatte das Jugendamt noch 2016 gezählt, ein Jahr später waren es schon 630. Allein in den ersten zwei Monaten des laufenden Jahres registrierte das Jugendamt 174 Meldungen (Stand: 28. Februar). Bliebe es bei der Frequenz der Meldungen bis zum Ende des Jahres, könnte das Jugendamt für 2018 über 1000 Meldungen zählen. „Gefahr im Verzug“ nennen das Jugendamt und Verwaltungsmangement gleichlautend.

Eine Erklärung für den dramatischen Anstieg gibt es abschließend nicht, sagt André Schneider, Leiter des Cottbuser Jugendamtes. Wohl aber sei der Anstieg nicht nur ein Cottbuser Phänomen, sondern spiegele einen bundesweiten Trend wider. Die Zunahme der Gefährdungslagen sei nur ein Aspekt, die Sensibilisierung des Gemeinwesens für das Kindeswohl und verbesserte Kooperationsstrukturen der Beteiligten würden ebenfalls zum Anstieg der Meldungen führen. Schneider sprach erst kürzlich in der RUNDSCHAU davon, dass Nachbarn, Familienangehörige, Kita- und Schulmitarbeiter sensibler beim Thema Kindeswohl geworden seien. Außerdem gebe es mehr Kinder in Cottbus. All das aber erkläre den rasanten Anstieg noch nicht. Ebenfalls nicht die hohe Zahl von Flüchtlingsfamilien in der Stadt. Schneider: „Hier geht es ausschließlich um deutsche, langjährig ansässige Familien.“

Die Stadtverordneten sollen in der kommenden Woche helfen, die Notbremse zu ziehen. Grünes Licht für drei neue Stellen im Jugendamt haben erst am Dienstag die Mitglieder des Finanzausschusses gegeben. Ein Teamleiter, ein Sachbearbeiter für die Verwaltung und ein Sozialarbeiter sollen zum Amt stoßen. Gut 100 000 Euro lässt sich das die Stadt in diesem Jahr kosten, 160 000 Euro in 2019 allein für die Personalkosten.

Reichen die drei neuen Mitarbeiter, um das Problem in Cottbus in den Griff zu kriegen?, wollte am Dienstagabend Finanzausschuss-Mitglied Andreas Rothe (SPD) wissen. Angesichts der hohen Fallzahlen kämen ihm nur drei neue Mitarbeiter wenig vor. Man werde sofort nachsteuern, falls sich herausstelle, dass die neuen Mitarbeiter nicht ausreichten, so Schneider. Zudem kämen langfristig erkrankte Kollegen kurzfristig wieder zurück in den Dienst. Rothe gab darüber hinaus zu bedenken, dass die angespannte Personallage im Jugendamt möglicherweise der Auslöser für die steigende Zahl der Meldungen von Kindeswohlgefährdung gewesen sein könnte. Das allerdings verneinte Schneider. Keine Hilfe durch das Jugendamt sei bislang abgebrochen worden, jeder Meldung werde bislang nachgegangen. Unter den aktuellen Arbeitsbedingungen aber gebe es keine Garantie, dass dies so bleiben könne.