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Cottbus früher und heute
Hüte kamen einst auch aus Cottbus

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte des Eberthofs in Cottbus. Als Vorlage dient ihr eine historische Ansichtskarte aus der Sammlung von Hans Krause. Von Dora und Heinrich Liersch

Diese seltene Ansichtskarte aus dem Jahre 1916 zeigt einen Teil des Firmengeländes und das Personal eines Cottbuser Betriebes, einer Hutfabrik. Unwillkürlich denkt man bei Hüten an die großen Hutfabriken in Guben. Gubener Hüte waren weltbekannt. Aber auch in Cottbus gab es außer einiger kleiner Betriebe eine große Hutfabrik.

Die Gebrüder Messerschmidt hatten diese im Jahre 1873 gegründet. Gustav Messerschmidt war der Fabrikant und Julius Messerschmidt der Kaufmann.

Beide konnten in der Sandower Vorstadt, östlich der Spree gelegen, ein großes Grundstück mit Gebäuden einer Tuchfabrik, die der Tuchfabrikant Paul Baudouin zwischen 1866 und 1872 errichtet hatte, erwerben. Die Gebrüder Messerschmidt müssen sehr erfolgreich gewirtschaftet haben. Es folgen Jahrzehnte, in denen die Fabrikanlagen erweitert werden.

Anfang der 1880er-Jahre erfolgte auch der Bau des Wohnhauses für die Fabrikanten. Ein schlichtes zweigeschossiges Gebäude, ganz im Stil der damaligen Zeit. Es ist der Hausflügel links auf der Postkarte, während rechts die Fabrikationsräume in mehreren Gebäudeteilen lagen.

Hinter diesem Wohnhaus befand sich, bis an das Ufer der Spree reichend, der Fabrikantengarten. In dem Buch „Deutschlands Städtebau – Cottbus“, herausgegeben vom Magistrat der Stadt Cottbus, bearbeitet von Stadtbaurat Boldt, erschienen 1923 im Dari-Verlag, ist eine Firmenwerbung dieser Hutfabrik, deren Fabrikanlage fast doppelt so groß ist wie auf der Ansichtskarte. Messerschmidts werben mit dem Slogan: „Eine der ältesten deutschen Wollhutfabriken. Hersteller aller Arten feinster Qualitäten in steifen und weichen Herrenwollhüten und Damenfilzhüten für das In- und Ausland“.

Da die Firma unter der Bezeichnung „Gebr.“ (Gebrüder) geführt wird, fällt ein Generationswechsel gar nicht auf, sind die späteren Eigentümer der Hutfabrik Dr. Julius Messerschmidt jun. und Felix Messerschmidt, auch wenn sie nicht mehr beide zusammen auf dem Firmengrundstück wohnten.

Die Hutfabrik bestand auch noch nach dem Krieg, wenn auch die Art der Produktion den Nachkriegsjahren angepasst werden musste. So hieß es in der Firmenwerbung: „Anfertigung von Mützen und Umarbeitung von Herren- und Damenhüten, Wehrstraße 1 (an der Wehrbrücke)“. Damit ist der Standort der Hutfabrik zu lokalisieren. Dieser Teil der alten Sandower Vorstadt befand sich zwischen der Pücklerstraße (heute: Franz-Mehring-Straße) und der heutigen Wehrpromenade.

Bereits Ende der 1920er- und in den 1930er-Jahren waren von der Stadt Spreeuferbereiche, die im Besitz von Tuchfabrikanten waren, angekauft worden, um diese als öffentliche Grünanlagen und Wanderwege den Cottbusern und ihren Gästen zur Verfügung zu stellen. Damals entstanden im nördlichen Spreebereich das Carl-Grovermann-Ufer, heute Käthe-Kollwitz-Ufer, und das Heinrich-Jäger-Ufer, heute Elisabeth-Wolf-Ufer. Die Idee dieser Uferöffnung wurde nach dem Krieg wieder aufgenommen. Im Protokoll der 17. öffentlichen Stadtverordnetenversammlung am 13. Juni 1950 heißt es: „Der Ankauf eines Geländestreifens aus dem Grundbesitz der Herren Messerschmidt längs der Spree zwischen Pückler- und Wehrstraße von zirka 4155 Quadratmetern und einem Geländestreifen an der Wehrstraße von 999 Quadratmetern wird genehmigt.“ Ein schlichter schnurgerader Verbindungsweg konnte nach dem Geländeankauf von den Stadtgärtnern angelegt werden. Das Fabrikgelände bekam einen Zaun und eine Feuerdornhecke (Phyracanta) als Begrenzung für das Grundstück.

Dieser neu geschaffene Weg wurde Messerschmidtpromenade bezeichnet. In der Broschüre „Nationales Aufbauwerk Cottbus“ heißt es 1957: „Am Spreeostufer (Messerschmidtgelände) entsteht eine Rosenpromenade“. Ein schmaler Streifen und die Uferböschung zur Spree wurden mit den verschiedensten Strauchrosen bepflanzt. Besondern im Mai und Juni ist diese Promenadenseite ein einziges Blütenmeer, während im Herbst besonders die roten Früchte des Feuerdorns an der Ostseite des Weges leuchten. Für diesen Promenadenbereich bürgerte sich bald die Bezeichnung „Rosenhang“ ein.

Im Jahre 1963 erhielt der Rosenhang zusammen mit der Richtung Stadion folgenden Kastanienallee den Namen „Ludwig-Leichhardt-Allee“, benannt nach dem aus unserer Region stammenden Australienforscher Ludwig Leichhardt (1813 – 1848). Die damals 90-jährige Elisabeth Wolf, eine Großnichte von Ludwig Leichhardt, Kunstmalerin und Ehrenbürgerin von Cottbus, enthüllte die Gedenktafel, die am Beginn der Allee an der Franz-Mehring-Straße angebracht war. Heute ist die Platte an gleicher Stelle auf einem Findling befestigt und dieser erste Alleeteil in Vorbereitung der Bundesgartenschau Cottbus 1995 gärtnerisch neu gestaltet, die Feuerdornhecke beseitigt, der Weg leicht geschwungen, neue Ziergräserrabatten und Sitzplätze angelegt worden.

An die Hutfabrik Gebr. Messerschmidt erinnert inzwischen nichts mehr. Die Fabrikgebäude wurden unterschiedlich genutzt, bis sie Platz für den Wohnungsbau machen mussten. Ein erster Teil musste noch zu DDR-Zeiten für die Wohnhäuser der heutigen Hainstraße 6, 7 und der Wehrpromenade 1 abgerissen werden. Der Rest, der dazwischen lag, ist für den Bau des U-förmigen Komplexes der Wehrpromenade vor über 20 Jahren beseitigt worden. Ohne Namensbezeichnung erinnern aber noch einige Altbäume in der Senke östlich des Weges stehend an den Fabrikantengarten der Gebrüder Messerschmidt.

Die Hutfabrik und die dazugehörige Anlage mussten zu großen Teilen dem Wohnungsbau weichen.
Die Hutfabrik und die dazugehörige Anlage mussten zu großen Teilen dem Wohnungsbau weichen. FOTO: Dora Liersch / Liersch Dora und Heinrich
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