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| 02:34 Uhr

Hohe Dunkelziffer bei sexueller Gewalt im Kinderzimmer

2010 musste im Landkreis Dahme-Spreewald in zwölf Fällen das Familiengericht entscheiden - das kann bis zum Entzug des Sorgerechtes gehen.
2010 musste im Landkreis Dahme-Spreewald in zwölf Fällen das Familiengericht entscheiden - das kann bis zum Entzug des Sorgerechtes gehen. FOTO: Ramesh Amruth (epd)
Cottbus. Sexueller Missbrauch von Kindern sorgt immer wieder für Entsetzen. Die Staatsanwaltschaft Cottbus hat im vergangenen Jahr 138 Anzeigen solcher Taten in Cottbus und den Kreisen Spree-Neiße, Elbe-Elster und OSL registriert. "Die Zahl ist seit zehn Jahren konstant", sagt Staatsanwältin Martina Eberhart. Allerdings gehen die Experten davon aus, dass auf eine Anzeige bis zu 40 nicht angezeigte Straftaten kommen. Ulrike Elsner

138 Fälle sexueller Gewalt an Kindern: Hinter dieser nüchternen Zahl stehen Schicksale, die schockieren. Martina Eberhart greift zwei Fälle, die im vergangenen Jahr vor dem Landgericht Cottbus verhandelt wurden, heraus. Für sie gilt, was für Missbrauchsopfer typisch ist: Erst Jahre nach den Taten haben sie den Mut gefunden, zur Polizei zu gehen.

So wie eine 18-jährige Cottbuserin. Sie ist aggressiv gegen Lehrer, schlägt und beschädigt immer wieder Gegenstände. Nach den Gründen befragt, offenbart die junge Frau eines Tages, dass sie von ihrem Pflegevater Jahre zuvor schwer missbraucht wurde. Sie erstattet Anzeige. Es kommt zur Verhandlung. Missbrauch in 16, darunter in zwei besonders schweren Fällen, kann das Gericht dem Täter nachweisen. Das Urteil lautet: vier Jahre und sechs Monate Haft, dazu eine Entschädigungszahlung von 5000 Euro für das Opfer.

Der zweite Fall hat sich in Falkenberg abgespielt. Ein Mann missbraucht seine Nichte im Alter zwischen sieben und 13 Jahren immer wieder. Sie verbringt meist die Ferien bei diesem Onkel, will die kranke Mutter mit ihrem Problem nicht belasten. Sogar am Tag ihrer Jugendweihe wird sie vom Onkel vergewaltigt. Das Mädchen macht Abitur, verbringt anschließend zwei Jahre im Ausland und findet einen Freund. Erst mit 20 Jahren hat sie den Mut, ihr Geheimnis zu lüften. Der Onkel wird zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Doch für sie ist damit die schreckliche Vergangenheit längst nicht vorbei. "Mindestens zwei Drittel der Opfer sind auf Dauer schwer gestört", sagt Martina Eberhart. "Sie sind verhaltensauffällig, kommen mit dem Leben nicht zurecht und werden Zeit ihres Lebens nicht damit zurechtkommen."

In beiden Fällen - und auch das sei typisch, betont die Staatsanwältin, hätten die Täter ihre Schuld vehement bestritten.

Seit einigen Jahren lernen die Täter ihre Opfer immer häufiger im Internet kennen. Die Staatsanwältin berichtet von einem 33-jährigen Mann, der über Knuddel.de mit einem zwölfjährigen Mädchen aus Cottbus Kontakt aufgenommen hat. "Er hat sie systematisch darauf vorbereitet, dass sie Sex mit ihm haben würde", berichtet Martina Eberhart. Daraufhin habe er sich mit dem Kind mehrmals in Cottbuser Hotels eingemietet. Das Urteil des Gerichts in diesem Fall: vier Jahre Haft für schweren sexuellen Missbrauch.

Kürzlich hat Martina Eberhart bei einer Fachtagung im Cottbuser Frauenzentrum vor Lehrern und Erziehern über ihre Erfahrungen gesprochen. Ihr Appell an die Pädagogen lautet, auch auf kleine Hinweise zu achten, zuzuhören, den Kindern Glauben zu schenken. Das ist besonders wichtig, weil Missbrauchsopfer von den Tätern immer wieder gesagt bekommen: Wenn Du etwas erzählst, glaubt dir sowieso niemand. Doch Martina Eberhart weiß aus ihrem jahrelangen Kampf gegen Missbrauch: "Die Angst der Kinder ist die Macht der Täter."

Die Täter erscheinen häufig unauffällig und gehören den verschiedensten Berufsgruppen an. Was sie nach der Erfahrung der Staatsanwältin von anderen Menschen unterscheidet, ist die Besonderheit, "dass sie in der Gesellschaft nicht sonderlich anerkannt sind und deshalb andere Wege suchen, Macht auszuüben und zu beweisen: Ich bin der Stärkere."

Der Anstoß sich zu offenbaren, kommt selten von den Opfern selbst. Meist sind es Freunde oder der Partner, die spüren: Da stimmt etwas nicht.

Martina Eberhart möchte Betroffenen Mut machen, zur Polizei oder zur Staatsanwaltschaft zu gehen. "Sie erleben es als Erlösung und Befreiung, endlich über das Geschehene sprechen zu können", sagt sie. Danach werde gemeinsam über Lösungen nachgedacht. Meist führt dieser Weg über Opferberatungsstellen oder Traumatherapeuten.