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Hoffnung und Angst ganz dicht beieinander

Proben zum "Cottbus-Projekt" in der Kammerbühne.
Proben zum "Cottbus-Projekt" in der Kammerbühne. FOTO: Annett Igel
Cottbus. In der Kammerbühne wird am heutigen Samstag "Das Cottbus-Projekt" uraufgeführt. Nach 50 Gesprächen mit Menschen der Stadt über ihr Leben vor und nach der Wende spüren die Regisseure Christiane Wiegand und Harald Fuhrmann und die Schauspieler des Staatstheaters Träumen und Ängsten nach. Annett Igel-Allzeit

Ballons schweben durch den Bühnensaal. Mauersteine halten sie fest. Die Schauspieler umwandern sie. Mal sehen sie in ihnen ein Wunderding, mal den Sandsack, mal albernen Firlefanz, das geliebte Gesicht. Harald Fuhrmann lächelt über jedes neue Sein, dass die Schauspieler für die Ballons erfinden. Der Boden knarrt unter ihren Schritten, bis jeder seinen Platz findet. "Hört ihr mich? Soll ich lauter sprechen?" Sigrun Fischer, die eine Journalistin im Herbst 1989 spielt, schließt kurz die Augen. Sie will mit Michael Becker, der den ehemaligen SED-Parteisekretär und späteren Unternehmer Eberhard Noch mimt, und mit Gunnar Golkowski in der Rolle des Peter Model, einem der führenden Aktivisten der Umweltgruppe Cottbus in jener Wendezeit, ein Sprechtempo finden. Oder ist es spannender, wenn sie einander auch ein wenig Echo sind? Mal vereint sie die Proben für den ersten und dritten Teil des poetischen Theaterabends im großen Saal. Für den Mittelteil aber verteilen sie sich im ganzen Haus. In der Kantine will Juliane Linde - gespielt von Ariadne Pabst - ihre Mutter Tanja Linde (Heidrun Bartholomäus) zurück ins Leben zwingen. Vor der Wende war sie HO-Gaststättenleiterin, danach Langzeitarbeitslose. Im Atelier steht die Journalistin nach einer Reportage unter Druck. In der Probenbühne arbeiten Rolf-Jürgen Gebert und Jochen Paletschek als Vater und Sohn ein Kindheitstrauma auf. Im Konferenzzimmer versucht Michael Becker als ehemaliger Parteisekretär ehrlich seine DDR-Vergangenheit mit "Verdienstmedaille" sich so zurechtzurücken, dass er doch weiter damit leben kann. Und in einem flotten Battle im Pausenraum der Kammerbühne überlegen die beiden Jugendlichen Lucie Thiede und Michael von Benningsen, ob sie in Cottbus bleiben sollen. Bühnenmanager Jörg Trost, der souffliert, legt sich Karten mit Zahlen zurecht. Sie helfen den Schauspielern, die richtige Daten zu den sich überschlagenden Ereignissen zu rufen. Es war ein so windiger Herbst. Doch dann zieht sich der Großteil des Ensembles zurück.

Sigrun Fischer sorgt für Gänsehaut, wenn sie sich an die Vorfreude auf die ersten freien Wahlen erinnert - und an die Enttäuschung danach. Und es wird nach all den Jahren doch noch einmal genau hingehört, wenn Helmut Kohls Stimme ertönt, von den blühenden Landschaften erzählt und die Sprechchöre am Brandenburger Tor erschallen. Auch Heidrun Bartholomäus darf als Tanja Linde kurz aufblühen in den Erinnerungen an die erste Reise in den Westen. Staunend, verwundert, sarkastisch, traurig - wie hat seine Figur Peter Model Volker Brauns "Das Eigentum" (1990) gelesen? Gunnar Golkowski blättert in der Gedichtsammlung. "Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. Mein Eigentum, jetzt habt ihr's auf der Kralle. Wann sag' ich wieder mein und meine alle." Heidrun Bartholomäus und Sigrun Fischer wecken die Erinnerung an die DDR-Kinderchöre. "Die Heimat hat sich schön gemacht", singen sie glasklar und zweistimmig. Gerd Natschinski komponierte die Melodie. Der Dichter Manfred Streubel war 18, als er 1950 die Worte vom "Lied der jungen Naturforscher" schrieb, schämte sich später dafür, litt seit den 80er-Jahren unter Depressionen und nahm sich 1992 auf seinem Dachboden das Leben.

Schicksale wie das des Dichters Streubel gibt es einige. Aber es gibt auch viele Menschen, für die die Wende befreiend war und blieb. Es war verdammt viel Stoff für einen poetischen Theaterabend über Cottbus. Aber es regt an, miteinander zu reden - mit Kollegen, den Eltern und Kindern, mit dem einstigen besten Freund, der sich jahrzehntelang nicht gemeldet hat.

Die heutige Premiere ist ausgebucht. Für alle weiteren Termine gibt es Karten im Besucherservice oder am Ticket-Telefon unter 0355 78242424.

Die Termine in dieser Spielzeit sind der 21., 23., 24., 25., 28., 29. und 30. April sowie der 2., 3. und 5. Mai jeweils um 19.30 Uhr sowie am 26. April um 19 Uhr.