Von Ida Kretzschmar

Im Sommer 1859 besuchte Theodor Fontane (1819 - 1898) die Spreewaldgemeinde Burg auf seinen Wanderungen durch die Mark. Was ist ihm hier begegnet, was hat er gesehen, und was lässt sich heute noch aus seiner Zeit entdecken? Diese Neugier ist Ausgangspunkt für eine besondere Aktion zum 200. Fontane-Geburtstag, zu der der Tourismusverein Burg gemeinsam mit der Touristinformation des Amtes aufgerufen hat. „Fontanezeitliches? Wecke den Entdecker in Dir! Sei Fontanezeit-Entdecker.“

Im „Geschichtsstübchen“ am Hafen 2 treffen wir dieser Tage den ersten Fontanezeit-Entdecker: Ingmar Steffen. In diesem altehrwürdigen Haus, das im 18. Jahrhundert gebaut wurde, erzählt er, dass einst der Urgroßvater Heinrich das Anwesen erworben hatte. Und dann packt der knapp 60-Jährige aus, was er aus Fontanes Zeiten entdeckt hat. „Alte Koffer haben etwas Magisches“, kündigt er an, während er den Deckel hochklappt und Schillers sämtliche Werke aus dem Jahre 1833 hervorzieht. „Damals gab es keinen Fernseher, da wurde gelesen“, erzählt er auch gern den Kindern, die hier in der geschichtsträchtigen Gaststube, die sein Urgroßvater im Jahre 1907 gründete, des Öfteren seinen Vorträgen lauschen.

Was ist noch im Koffer? Ein Familienfoto aus dem Jahre 1859, die älteste Aufnahme, die er in einer Holzkiste im Nachlass fand. Und ein Amtsbrief von 1855. Dazu Tagebücher des Urgroßvaters in platzsparender akkurater Schrift, Aufzeichnungen aus dem Jahre 1837, die die Erzählungen der Großmama für die Nachwelt erhalten. Zudem ein Militärpass aus dem deutsch-französischen Krieg...

„Mein Urgroßvater war ein interessanter Mann: Als angesehener Arzt, kam er aus Berlin, um mit Anna Schlodder in Burg zu leben. Und er schrieb nicht nur Tagebücher, Märchen und Geschichten. Vor allem hielt er mit seiner Kamera das wendische Leben in Burg fest“, berichet Ingmar Steffen, der als Fotograf auch in Heinrichs Fußstapfen trat und den Fotos von damals heutige an gleicher Stelle gegenüberstellt.

Und Steffen hat nicht nur unwiederbringliche fotografische Zeitzeugnisse, sondern auch ein Kameraobjektiv aus jener Zeit entdeckt. Die Leidenschaft fürs Historische aber hat er von seinem Vater übernommen. „Das war das Erste, was mir in die Hände gelangte, als ich nach Burg kam – diese Spreewald-Hefte, in denen Erhard Steffen Geschichte pur im Schnellformat vermittelte“, erinnert sich Christine Clausing, Vorsitzende des Tourismusvereins. Erhards Sohn Ingmar indes wollte anfangs „mit dem alten Krempel“ nicht so viel zu tun haben. Aber als der Vater 2005 starb, war die Arbeit noch nicht vollendet. Und so übernahm er sie, ließ sich auch von seiner Frau Gabriele überzeugen, das Haus fast in seiner früheren Gestalt zu rekonstruieren und darin all die wunderbaren alten Sachen zu bewahren, die über Generationen von Hand zu Hand gingen. Am 1. September gibt es das „Geschichtsstübchen“ nun fünf Jahre, dort, wo seine Vorfahren „Steffens Gasthaus zum Spreehafen“ 1907 eröffnet hatten. Heute wirkt die Gaststube wie ein einzigartiges Museum, das Ingmar Steffen mit seiner eigenen Familiengeschichte füllt – und mit der Historie von Burg.

Und da der Urgroßvater neun Kinder hatte, sind heute gerade für die Jüngsten sehr lebendige Zeitreisen möglich. Ein Schattentheater an der Wand erzählt von langen Winterabenden. In der Ecke aber steht ein freundlicher Geselle aus Holz, den Heinrich Steffen um 1880 für seine damals kleinen Kinder fertigte. „Der gute Hausgeist sollte Schutz bei schweren Gewittern spenden und Trost bieten bei Ängsten“, weiß Ingmar Steffen, der damit eine wunderbare Fontanezeit-Entdeckung vorweisen kann. Der Fotograf wird weiter stöbern nach Zeugnissen aus dem 19. Jahrhundert – wie auch viele andere Burger, die die Entdeckerlust gepackt hat. „Die Fontanezeit steckt ja noch in so manchem Gebäude, vielleicht auch in einer Brücke, in einer Kaffeetasse oder in einem Buch“, ist sich Nicole Schlenger, Leiterin Tourismus des Amtes Burg sicher. „Mit unseren Entdeckungen wollen wir bis in die Hauptstadt Aufmerksamkeit erregen.“

Bildergalerie Der Burger Fotograf Ingmar Steffen plaudert im Geschichtsstübchen Am Hafen über die Geschichte der traditionsreichen Fotografenfamilie Steffen und stellt dabei manchen Bezug zu Theodor Fontane her. Ein Koffer voller alter Bücher.