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| 15:50 Uhr

Besonderes Projekt
Jugendliche, die aus dem Raster fallen

 Fallmanagerin Nadine Wolter und Sozialarbeiter Uwe Naumann (M.) arbeiten im Projekt „Next Level“ zusammen. Mit dem Projektbus werden auch Hausbesuche oder Möbeltransporte erledigt.
Fallmanagerin Nadine Wolter und Sozialarbeiter Uwe Naumann (M.) arbeiten im Projekt „Next Level“ zusammen. Mit dem Projektbus werden auch Hausbesuche oder Möbeltransporte erledigt. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Projekt „Next Level“ will Menschen bis zu 25 Jahren zurück in die Gesellschaft holen und hat mit dem Prinzip der Freiwilligkeit Erfolg. Von Silke Halpick

Sebastian* (Name geändert) ist 21 Jahre jung, hat keinen festen Wohnsitz und kommt mal bei dem einen oder anderen Bekannten unter.  Er geht nicht arbeiten, hat kein Geld und „schnorrt sich durch“, wie er selbst sagt. Bei einem Hausbesuch fiel er den Sozialarbeitern von „Next Level“ auf.

„Er war unser erster klassischer Fall“, sagt Uwe Naumann von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW), dem Maßnahmeträger. Mittlerweile ist Sebastian* einer von 13 Teilnehmern des im August 2018 gestarteten Projektes. Ziel ist, die aus dem Raster gefallenen Jugendlichen im Alter von 18 bis 25 Jahren wieder zurück in die Gesellschaft mit Normen und Regeln zu holen.

„Der Bedarf ist größer als man erwartet“, sagt Fallmanagerin Nadine Wolter. Finanziert wird „Next Level“ durch das Jobcenter der Arbeitsagentur. Die anfangs fünf Plätze wurden schnell auf 13 aufgestockt. Mehr geht nicht, weil sonst die Qualität leidet.

Mindestens zweimal pro Woche sollen die Teilnehmer in die Einrichtung in der Marienstraße kommen und hier gemeinsam  „geplant chillen“, wie als Überschrift über dem Wochenarbeitsplan steht.

„Das Besondere an dem Projekt ist die absolute Freiwilligkeit“, betont FAW-Leiterin Ivonne Bellen. Wer bei „Next Level“ mitmacht, muss keine Sanktionen des Jobcenters befürchten, wenn er vorfristig wieder aussteigt. Erklärtes Ziel ist, die Jugendlichen in eine Berufsausbildung oder einen Job zu bringen und Obdachlosigkeit zu vermeiden.

„Für viele Teilnehmer ist es schon eine große Hürde, einen Personalausweis zu beantragen oder die Krankenversicherung wieder herzustellen“, berichtet Bellen. Sozialarbeiter begleiten die Jugendlichen bei ihren Behördengängen. Psychologen, Juristen, Ärzte und Fallmanager kommen aber auch in die Beratungseinrichtung in der Marienstraße für individuelle Gespräche.

„Nicht immer klappt alles beim ersten Anlauf“, erzählt Naumann. Mit Rückschlägen hat der Sozialarbeiter gelernt zu leben. Doch erste Erfolge machen Mut: Einer der Teilnehmer will demnächst mit einer Ausbildung beginnen, andere arbeiten bereits in einen Mini-Job. Fallmanagerin Nadine Wolter ist mit der Quote „zufrieden“, wie sie sagt. „Next Level“ ist zunächst auf eineinhalb Jahre befristet, kann aber nochmals um denselben Zeitraum verlängert werden.

Unter den Betroffenen sind überdurchschnittlich häufig Jugendliche, die bereits im Heim groß geworden sind oder aus problematischen Familienverhältnissen stammen. „Oft stecken dramatische Schicksale wie eine viel zu früh gestorbene Mutter dahinter“, erzählt Bellen. Andere haben Drogen konsumiert, wurden abhängig und gerieten in den Strudel der Beschaffungskriminalität.

„Viele der Teilnehmer sind tatsächlich bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten“, sagt Bellen. „Wir nehmen die Menschen aber erst einmal so an, wie sie sind, ohne zu werten“, betont sie. In der Einrichtung können die Jugendlichen Billard oder Tischkicker spielen, ihre Wäsche waschen und trocknen und gemeinsam kochen. „Der kostenlose Internetzugang zieht am meisten“, räumt Naumann ein.

Für Sebastian* steht jetzt die Suche nach einer eigenen Wohnung an. Bislang konnte noch kein Vermieter gefunden werden. „Eine eigene Wohnung ist die Basis für alles Weitere“, betont Bellen. Geld vom Jobcenter bekommt der 21-Jährige aber schon wieder.