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| 02:33 Uhr

Hier mahlt Familie Paulick seit 1889

Dirk Paulick ist stolz auf die historische, aber voll funktionstüchtige Technik in seiner Mühle.
Dirk Paulick ist stolz auf die historische, aber voll funktionstüchtige Technik in seiner Mühle. FOTO: Becker
Müschen. Seit über 125 Jahren stehen die Mühlräder nicht still, es singt, brummt und klappert, ein Geruch von Mehl liegt in der Luft. Dirk Paulick und sein Sohn Stephan führen die Müschener Wassermühle in der fünften und sechsten Paulick-Generation. Peter Becker

Dieser Singsang der Geräusche, einem vielstimmigen Orchester vergleichbar, lässt Dirk und Stephan Paulick mal Zeit für eine Pause im Hof, aber immer in Hörweite ihrer Ohren. "Wir merken sofort, wenn Misstöne dazwischengeraten und wissen meist auch schon, an welcher Stelle wir dann eingreifen müssen", erklärt der junge Müllermeister. Beide bewältigen täglich Dutzende Male die engen Stiegen zwischen den Etagen, mal mit, mal ohne Werkzeug oder Mehlsack. "Unser Fitnessprogramm", lächelt Stephan Paulick. Er ist Jahrgang 1989 und schon genauso erfahren wie sein Vater Dirk (Jahrgang 1965). Stephan Paulick hat in Braunschweig das Müllerhandwerk erlernt und die Meisterprüfung abgelegt. Sein Vater ist Facharbeiter für Be- und Verarbeitung pflanzlicher Produkte (Mühlenindustrie), wie zu DDR-Zeiten etwas umständlich der Müller genannt wurde. Später studierte er an der Fachhochschule für Getreideverarbeitung. Beide setzen heute fort, was ihre Ahnen begonnen hatten.

Im Revolutionsjahr 1848 erhielt Müller Kerstan die gräfliche Erlaubnis, eine Mühle am Greifenhainer Fließ (Kzschischoka) zu errichten. Anfangs lief es gut, aber 1889 musste die Mühle Konkurs anmelden. Wilhelm Paulick übernahm die Mühle, musste aber 13 Jahre später ebenfalls einen Schicksalsschlag hinnehmen: Ein von ihm entlassener Müllergeselle setzt die Mühle in Brand, so dass sie neu und im heute bekannten Stil aufgebaut werden musste. Es folgten Jahre später noch der Anbau einer Öl- und Schälmühle und 1936 eine Generalsanierung der Mühlentechnik. Mit dieser Technik mühten sich die Paulicks bis zur politischen Wende. Kurz zuvor, 1988, hatten sie noch einen Stilllegungsbeschluss der DDR-Behörden zu verkraften. Denn denen war es zu viel Privatwirtschaft geworden. Umgesetzt wurde er aber nicht mehr, weil der Perestroika-Wind schon kräftig aus Richtung Osten wehte.

Zu den Rekonstruktionsplänen der Mühlentechnik aus dem Jahr 1936 gehörte auch der Einbau einer Francis-Turbine, zu der es aber erst wegen der Kriegsereignisse 1949 kam. Diese Turbine mit stehender Welle ersetzt das bekannte Wasserrad und erweist sich als viel effektiver. Dirk Paulick: "Noch heute arbeitet sie unermüdlich und ist unser Garant für ökonomisches Wirtschaften." Was der Müller meint, ist die Tatsache, dass sie nur wenig Elektroenergie zukaufen, weil einige Maschinen stets mit der gleichen Leistung angetrieben werden müssen. Ansonsten surrt ein uralter Transmissionsantrieb mit zahlreichen Riemen und Wellen durch alle Etagen, allein durch Wasserkraft angetrieben. "Leider fließt es nicht immer so stetig, wie wir es uns wünschen. In Trockenzeiten wird durch illegale Wasserabnahmen der Mühlenbetrieb schon mal etwas ausgebremst", ärgert sich der Müller. Aber er hält am alten Antrieb fest. Einfach auch deshalb, weil es zu seinem Konzept passt: alternativ und ökologisch, regional und biologisch. "Nur so können wir der Billigkonkurrenz der Großmühlen widerstehen. Wir verarbeiten ausschließlich nur Bio-Getreide von zertifizierten Erzeugern der Region und beliefern die kleinen Handwerksbäckereien - für uns ist das eine regionale Wertschöpfungskette", berichtet Dirk Paulick über seine Vermarktungsstrategie. Manche holen sich das Mehl auch im Mühlenladen ab, sie können dann aus 30 Sorten wählen, das in 16 Stufen gemahlen wurde - feiner geht es nicht, das letzte Sieb hat kaum sichtbare Maschen. Das größte, wenn auch knappe Lob der Bäcker für den Müller ist: "Euer Mehl bäckt!" Der Müschener hält nicht mit einem Geheimtipp zurück: "Mehl bäckt nur dann richtig gut, wenn es eine Woche Zeit zum Lagern hatte. Nicht immer ist ganz frisch auch ganz gut."

Beide Müller sehen sich als Teil der regionalen Erzeugergemeinschaft, sie kaufen Getreide auf und verkaufen die Mehle und Schrote. Alles bleibt in der engeren und manchmal auch etwas weiteren Region. Sie haben ihren Platz gefunden und kämpfen sich durch, auch gegen die Backshops mit ihren Billigteiglingen aus Übersee. "Uns helfen Menschen, die immer besser verstehen, dass Heimisches gesund und letztlich umweltfreundlich ist. Schade nur, dass die Politik nur die Großen unterstützt", so Müller Dirk Paulick.

www.paulicks-muehle.de