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Handfester Streit in Cottbus um Pücklers Utopia

Roland Renner als Fürst Pückler mit der Sopranistin Sarah Behrendt am Donnerstag (28.102010) während der Fotoprobe von "Fürst Pücklers Utopia" im Staatstheater in Cottbus.
Roland Renner als Fürst Pückler mit der Sopranistin Sarah Behrendt am Donnerstag (28.102010) während der Fotoprobe von "Fürst Pücklers Utopia" im Staatstheater in Cottbus. FOTO: Bernd Settnik (dpa-Zentralbild)
Cottbus. Die „Utopia“-Inszenierung am Cottbuser Staatsheater von Johann Kresnik, eine Auftragsarbeit zum 225. Geburtstag des Fürsten Pückler, sorgt in Cottbus für so lange nicht mehr dagewesene Debatte. Dabei überwiegt Empörung, es gibt aber auch vereinzelte Zustimmung. Der Cottbuser Kulturausschuss will Intendant und Regisseur zur nächsten Sitzung vorladen. Von Andrea Hilscher und Sven Hering

Vernichtende Kritiken in den überregionalen Tageszeitungen wie auch in der RUNDSCHAU, empörte Leserbriefe (u.a. von der Pückler-Fördervereinschefin Heidemarie Konzack) und Ablehnung der vereinten Stadtprominenz (Pücklerkenner Siegfried Kohlschmidt buhte die Inszenierung aus) mündeten jetzt in der Forderung des Kulturausschuss, dass Intendant und Regisseur vor dem Gremium zu ihrem Werk Stellung beziehen sollen.

Einzige Unterstützerin des umstrittenen Theaterprojekts ist Brandenburgs Kulturminsterin Martina Münch (SPD). Ihr Kommentar zur Affäre: „Ich sage ganz klar: Kunst ist frei. Ich mische mich nicht in eine künstlerische Entscheidung des Cottbuser Theaters ein, weder als Cottbuser Abgeordnete noch als Kulturministerin. Im Übrigen fand ich die Aufführung ganz amüsant. Sie war eine vielfarbige Geburtstagsfeier für die schillernde Persönlichkeit Fürst Pückler. Und wer sich eine Kresnik-Inszenierung bestellt, der bekommt auch einen Kresnik. Esspricht für die Kunst, wenn sie gesellschaftliche Debatten anstoßen kann.“

Nun gelten Kresnik und sein Partner Christoph Klimke als „Berserker des Theaters“ und sind bekannt für Aufführungen, die nicht mit Blut und Sperma geizen. Allerdings, so bekannte Christoph Klimke vor der Uraufführung auf einem RUNDSCHAU-Talk, hatte es zunächst eine Forderung des Theaters gegeben, mit kleiner Besetzung von vier bis sechs Personen zu arbeiten. Er aber habe sich durchgesetzt und letztlich ein Massenspektakel mit „Saxophonistinnen, Bäumen, Kleinwüchsigen, Bauchtänzern, Korpulenten, Stripteasetänzern, Transvestiten, Feuerspuckern und Bodybuildern“, so der Programmtext.

Auch ein Pferd hat er auf die Bühne gebracht, und dieses wird von Kresnik-Kritikern derzeitig gern als „Zeuge der Anklage“ zitiert: Es reagierte während der Uraufführung mit Durchfall.

René Serge Mund, der den erkrankten Intendanten Martin Schüler auf der Premierenfeier vertrat, erklärt: „Natürlich nehmen wir Kritiker des Stückes ernst. Aber wir haben auch positive Reaktionen auf das Stück und wir sind immer froh, wenn in der Stadt so heftig über ein Stück gesprochen wird. Wir wissen ja auch von anderen gesellschaftlichen Themen, dass sich Protest immer lauter äußert als Zustimmung."

Staatstheater-Intendant und Regisseur sollen in die nächste Sitzung des Cottbuser Kultur-Ausschusses eingeladen werden. Diesen Vorschlag hat der SPD-Stadtverordnete Denis Kettlitz unterbreitet. Noch immer schäme er sich für die Aufführung, so Kettlitz. Das Stück sei des Festaktes unwürdig gewesen. „Viele der Ehrengäste haben einfach nur mit dem Kopf geschüttelt“, sagt er. „Wir beteiligen uns an der Stiftung mit nicht wenig Geld, es handelt sich auch nicht um ein Privattheater, sondern um ein Staatstheater“, so der SPD-Abgeordnete weiter.

Kulturschaffende zitiert man nicht vor einen Ausschuss, dafür sei dieser nicht da, sagt hingegen Christian Eicke von den Linken. Es gebe genügend Möglichkeiten, Kunst zu kritisieren. Die Kunstfreiheit sei im Grundgesetz verankert. „Das ist nicht eingeschränkt nur auf die Kunst, die mir gefällt“, so Eicke.