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| 18:27 Uhr

Verhandlung am Cottbuser Landgericht
Sozialarbeiter berichten von früheren Hinweisen auf Gewalt

 Der Prozess findet am Cottbuser Landgericht statt.
Der Prozess findet am Cottbuser Landgericht statt. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Gutachter und Zeugen äußern sich im Gerichtsprozess um einen lebensgefährlichen Angriff eines Afghanen auf seine frühere Frau in Forst.

Der Gutachter hält den Angeklagten für schuldfähig. Ein Facharzt für Psychologie hat am Montag im Prozess am Cottbuser Landgericht um einen Mann aus Afghanistan ausgesagt. Der Beschuldigte Habib W. soll seine frühere Frau in Forst auf offener Straße mit dem abgebrochenen Hals einer Flasche angegriffen und nahezu getötet haben. Außerdem wirft ihm die Anklage vor, einen Dolmetscher in Cottbus attackiert zu haben. Wie mehrere Sozialarbeiter berichten, habe es schon in der Vergangenheit Hinweise darauf gegeben, dass der Angeklagte zu Gewalt gegenüber seiner Familie neige.

Der Vorsitzende Richter Frank Schollbach befragte gerade einen Sozialarbeiter im Zeugenstand, als der Angeklagte aufsprang und sich einen Verband vom Hals riss. Darunter klaffte eine Wunde, die er sich offenbar selbst zugefügt hatte. Wegen seines gesundheitlichen Zustands hatte das Gericht bereits mehrere Termine verschoben.

Der Angeklagte blickte in die Runde, als wolle er seine Wunde möglichst allen Menschen im Saal zeigen. Der Vorsitzende Richter wies ihn an, sich wieder zu setzen.

Schutz im Wohnheim

Zuvor hatten mehrere Zeugen von den Wunden berichtet, die Habib W. seiner früheren Frau zugefügt haben soll. Er war im Juli 2018 mit ihr in eine gemeinsame Wohnung gezogen, wie sich eine Sozialarbeiterin erinnerte. Kurz darauf habe der Sohn der Familie davon erzählt, dass der Vater die Mutter mit einem Messer bedroht und gesagt habe, er werde sie töten.

Die Sozialarbeiterin sagte vor Gericht: „Ich habe ihr versichert, dass sie im Übergangswohnheim Schutz bekäme.“ Eine Information an die Polizei sei ohne Reaktion geblieben. Daraufhin sei die Frau nach Forst gekommen, wo sie mit den Kindern in ein Zimmer zog. Der Wachschutz habe die Anweisung erhalten, ihren Mann nicht in das Haus zu lassen. Darüber hinaus dürfe niemand erfahren, wo sie sich aufhält. „Das hat ein paar Wochen geklappt“, sagte die Sozialarbeiterin. „Bis zu diesem Vorfall am 20. Oktober.“

Facharzt legt Gutachten vor

Auf diesen Tag bezieht sich der Gerichtsprozess. Habib W. muss sich wegen des Vorwurfs versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er soll am Morgen nach Forst gefahren sein und an der Gymnasialstraße mit einer leeren Wodkaflasche mehrmals auf den Kopf der Frau geschlagen haben. Nach übereinstimmenden Zeugenberichten schlug er weiter auf sie ein, als sie am Boden lag. Nur das Einschreiten von Passanten habe verhindert, dass die Frau an der Attacke starb.

Gutachter Dr. Jürgen Rimpel schätzte den Angeklagten am Montag vor dem Gericht ein. So verstehe Habib W. nach eigenem Bekunden nicht, „wie man seine Frau in einem Heim unterbringe, in dem auch ledige Männer leben“. Dem Beschuldigten sei zu Ohren gekommen, sie habe dort auch mal für andere Leute gekocht, und das könne er nicht nachvollziehen. Einst sei er mit seiner Frau aus Afghanistan geflohen, weil ein Gangster nach der Hochzeit die Familie bedroht habe. Sie hätten sich ein besseres Leben in der Türkei erhofft, doch dieser Wunsch habe sich nicht erfüllt. Also seien sie nach Deutschland weiter gezogen. Hier sei „alles viel schlimmer“, und eine Anzeige innerhalb der Familie, wie seine Frau sie gegen ihn erstattete, gelte in Afghanistan als eine Schande.

Der Gutachter schreibt Habib W. „ein hohes Maß an Sturheit“ zu, eine geringe Flexibilität, aber auch eine „Persönlichkeit ohne krankhafte Struktur“. Ihm hätten die Mittel gefehlt, die Familiensituation in Deutschland aufrechtzuerhalten. „Das wird ein Grund für die Eskalation sein“, sagte der Gutachter.

Der Prozess wird in den nächsten Tagen fortgesetzt.