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| 20:16 Uhr

Geschichtliches
Als der Krieg an die Neiße kam

Günter Erfurth hat seine Erlebnisse aus der Kriegszeit an der Lausitzer Neiße aufgeschrieben und dem Krauschwitzer Bürgermeister Rüdiger Mönch überreicht.
Günter Erfurth hat seine Erlebnisse aus der Kriegszeit an der Lausitzer Neiße aufgeschrieben und dem Krauschwitzer Bürgermeister Rüdiger Mönch überreicht. FOTO: LR / Daniel Schauff
Cottbus/Klein-Priebus. Günter Erfurth hat erlebt, wie die Kämpfe 1945 die Gemeinde Buchwalde im Kreis Weißwasser auseinandergerissen haben. Seine Erlebnisse hat der heute in Cottbus lebende 89-Jährige in einem Buch zusammengefasst. Von Daniel Schauff

Günter Erfurth erzählt gerne. Und gut. Stundenlang kann man ihm zuhören, wenn er über seine Erlebnisse als Sparkassendirektor in Guben spricht, über seine Zeit in Bad Muskau, seine Kindheit in Klein-Priebus, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Krauschwitz an der Lausitzer Neiße. Es sind viele schöne Geschichten, die der 89-Jährige in seinem Leben erlebt hat, Erfurth erzählt von der Zeit mit seinem Vater, seiner ersten Freundin, seinen Besuchen bei der Muskauer Gesellschaft. Und er erzählt vom Krieg, das wohl dunkelste Kapitel in Erfuths so bewegtem Leben.

Günther Erfurth hat erlebt, wie seine Heimat, die einstige Gemeinde Buchwalde, auseinandergerissen wurde. Gemeinsam mit zwei seiner Freunde war Günter Erfurth im Februar 1945 der Letzte, der trotz Evakuierung und Flucht in Klein-Priebus geblieben war – bewaffnet, umherstreifend im ausgestorbenen Ort. Der Feind hatte Buchwalde auf der anderen Neißeseite bereits erreicht. Am 20. Februar war es, als die drei Letzten im Dorf von einer Detonation aus dem Schlaf gerissen wurden, Balken „wie Streichhölzer“ umherfliegen sahen. Eine der beiden Brücken über die Neiße war gesprengt worden, wenig später die zweite. Soldaten drängten Erfurth und seine Kumpel, Klein-Priebus so schnell wie möglich zu verlassen – die Front war angerückt, die einstige Gemeinde Buchwalde zu einem tödlichen Ort geworden.

Die Neißebrücke bei Klein-Priebus. Günter Erfurth war einer von drei Augenzeugen, die ihre Zerstörung 1945 miterlebt haben.
Die Neißebrücke bei Klein-Priebus. Günter Erfurth war einer von drei Augenzeugen, die ihre Zerstörung 1945 miterlebt haben. FOTO: Günter Erfurth / Sammlung Günter Erfurth

Erfurth floh, holte sich die Krätze, weil er sich nicht waschen konnte, in Kuhställen die Nächte verbrachte. Die Krätze sollte sich später als Lebensretter erweisen – sie hatte dem jungen Mann den Kampf erspart, Erfurth musste ins Krankenhaus, weil keine Apotheke die heilende Salbe verkaufte.

In einem Gutshaus war Erfurth untergekommen, nach Wochen der Flucht. „Hitler kaputt, Hitler kauptt“, sangen russische Soldaten vor dem Haus, als Erfurth erfuhr, dass der Krieg vorbei war. Es war der 9. Mai 1945.

Erfurth erinnert sich: Einer der russischen Soldaten wollte dem damals 16-Jährigen 60 000 Mark aus einem aufgebrochenen Panzerschrank eines Gutshauses in die Hand drücken. Es wäre der Start in ein wohlhabendes Leben für den jungen Mann gewesen – Erfurth aber lehnte ab. Sein Gerechtigkeitssinn kam ihm dazwischen. Der heute 89-Jährige weiß noch, wie sauer der Soldat wurde, dass der Junge sein vermeintliches Geschenk einfach zurückwies.

Eine Woche später zog es den jungen Günter Erfurth zurück ans heimische Neißeufer. Mit einem Pferdetreckwagen machte er sich mit anderen auf nach Klein-Priebus, nicht wissend, wie sein Zuhause nach langen Kämpfen aussehen würde. Es dauerte bis Pfingsten 1945, bis Erfurth und seine Weggefährten in Klein-Priebus ankamen. Ein trauriger Anblick, beschreibt der heute 89-Jährige. Viele Häuser seien zerstört gewesen, Dächer durchlöchert von Granateneinschlägen. Trotzdem – zwischen all die Trauer mischte sich die Freude, endlich wieder zu Hause zu sein. Das Haus, in dem Erfurth mit seiner Familie gelebt hatte, stand noch, beschädigt, vielleicht vermint. Erfurth traute sich nicht hinein, verbrachte die nächste Zeit in einem Haus im Dorfzentrum, das sicherer schien. Rund 20 Klein-Priebuser, beschreibt Erfurth, waren wieder zurückgekehrt.

Erst einige Tage später erfuhr Erfurth, dass das Gebiet östlich der Neiße den Polen zugesprochen worden war. Buchwalde, wo Erfurths Großmutter lebte, war plötzlich nicht mehr Deutschland. Bei einem Besuch auf der östlichen Neißeseite musste Erfurth das schmerzlich erfahren. Ein polnischer Soldat hielt ihn von der Rückkehr nach Klein-Priebus ab, Erfurth musste sich unerlaubt über einen Steg zurück nach Hause schleichen, sich dabei vor den verbliebenen Minen auf beiden Neißeseiten in Acht nehmen.

Im Frühsommer war es, als polnische Soldaten nach Klein-Priebus kamen und verlangten, dass Erfurth gemeinsam mit weiteren Männern und Jugendlichen die gefallenen Soldaten auf der Neißeinsel bestatteten. Die Toten hatten bereits wochenlang dort gelegen, die Temperaturen stiegen, die Gefahr von Epidemien ebenso. Rund 100 Menschen haben Erfurth und seine Mitstreiter bestattet, beschreibt er. Noch immer fragt sich Erfurth, warum keiner der gefallenen polnischen Soldaten auf der Neißeinsel eine Waffe bei sich trug – vielleicht, vermutet er, haben die Deutschen die Waffen an sich genommen, als der Feind unschädlich gemacht worden war. Warum die Soldaten aber nicht bereits früher bestattet worden waren, dafür hat Erfurth bis heute keine Erklärung.

Erfurth hatte den Krieg überstanden – nicht aber die Ängste. Erfurth war einer von mehr als 100 000 Deutschen, die bis 1950 von den Russen ohne Urteil festgenommen wurden. Erfurth überlebte, trotz wochenlanger Einzelhaft und Folter, wie er beschreibt.

Es vergingen Jahre, bis sich das Leben für die Kriegsüberlebenden wieder einigermaßen normalisierte. In einer neuen Gesellschaftsform, dem für Erfurth noch gänzlich unbekannten Sozialismus, machte er Karriere, wurde Bankier, später Direktor der Sparkasse. Auch diese Erlebnisse hat Erfurth aufgeschrieben. Trotz schrecklicher Erfahrungen an der Frontlinie und in den ersten Tagen der Nachkriegszeit blickt Erfurth mit positiven Gefühlen in die Zukunft. „Die zunehmenden freundlichen Verbindungen mit den polnischen Nachbarn zeigen, alle wollen den Frieden. Eine sehr gute Aussicht für die Zukunft“, schreibt er als Schlusssatz in seinem Werk. Das hat er dem aktuellen Bürgermeister von Krauschwitz, Rüdiger Mönch (Freie Wähler) bereits übergeben, erzählt er, damit „die vielen traurigen und schwierigen Lebensverhältnisse der Menschen in Klein-Priebus und Buchwalde nicht in Vergessenheit geraten“.