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| 13:41 Uhr

Frauenwoche
Grünenvorsitzende spricht in Cottbus über Sexismus im Bundestag

Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, beim Frauenpolitischen Gespräch im Café „Sweet Candy“ in Cottbus.
Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, beim Frauenpolitischen Gespräch im Café „Sweet Candy“ in Cottbus. FOTO: Bodo Baumert / LR
Cottbus. Vergiftete Komplimente, herablassende Kommentare – für Frauen ist es in der Politik nicht immer einfach. Annalena Baerbock (37) weiß das. In Cottbus hat die Bundesvorsitzende der Grünen am Samstag ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert. Von Bodo Baumert

Seit vier Jahren sitzt Annalena Baerbock als Brandenburger Grüne im Deutschen Bundestag. Genausolange kommt sie schon zu den Frauenpolitischen Gesprächen im Rahmen der Frauenwoche nach Cottbus. Seit wenigen Wochen ist die 37-Jährige Bundesvorsitzende ihrer Partei. Den Plausch in kleiner Runde im Cottbuser Café „Sweet Candy“ hat sie sich dennoch nicht nehmen lassen.

Zum diesjährigen Thema der Brandenburgischen Frauenwoche „Selber schuld" kann sie einiges beitragen. Die 37-Jährige berichtet etwa aus den Jamaika-Sondierungen im vergangenen Jahr. „Vergiftete Komplimente“ habe sie sich da öfter anhören dürfen. „Ihre jungen Frauen sind ja ganz schön fit in ihren Themen“, habe es da etwa gegenüber anderen Grünen-Vertretern geheißen. „Warum sollten wir nicht fit in unseren Themen sein? Wir sitzen im Bundestag“, wundert sich Annalena Baerbock. Jens Spahn von der CDU sei genauso alt wie sie, habe sich mit den gleichen Themen befasst. „Bei ihm hat keiner gesagt: Oh, der junge Herr Spahn.“

„Frauen werden immer noch auf ihr Äußeres reduziert“, hat Annalena Baerbock festgestellt. Das gelte bei Bewerbungsgesprächen ebenso wie an der Supermarktkasse. „Das ist ein Heruntersetzen“, beklagt die Bundestagsabgeordnete – und bringt ein weiteres Beispiel aus dem Wirtschaftsausschuss. Da habe sie nach einem Redebeitrag zu hören bekommen: Das haben sie ganz toll vorgetragen. „Und dann haben die meisten im Saal gelacht. Wenn mehr Frauen in so einem Gremien sitzen – egal von welcher Partei – würde da nicht gelacht“, ist sie überzeugt.

Der Anteil der Abgeordneten im Bundestag ist mit der jüngsten Wahl allerdings erstmals wieder zurückgegangen – auf 30 Prozent. Im weltweiten Vergleich hinke Deutschland damit hinterher. Frauen müssten sich also mehr einbringen. Das werde in der Politik allerdings auch durch eine strukturelle Diskriminierung erschwert, die nicht sichtbar, aber dennoch vorhanden sei.

Einen wichtigen Beitrag kann die #metoo-Debatte leisten, die jahrzehntelangen Missbrauch von Frauen in der Filmbranche und darüber hinaus aufdeckt. Doch selbst Annalena Baerbock, als politische Kämpferin, hat sich schwergetan, sich in diese Debatte einzuklinken. „Ich habe lange nachgedacht, ehe ich mich geäußert habe“, gibt sie zu. Ihr Erlebnis spielt in einem Bus. Sie war 13. Ein Mann setzte sich neben sie, legte ihr die Hand aufs Knie, rückte immer näher. „Ich hätte in diesem Moment etwas sagen sollen“, weiß Annalena Baerbock heute. Damals tat sie es nicht. „Ich habe drei Stationen lang nicht gewagt aufzustehen, dann habe ich den Bus verlassen, obwohl das gar nicht meine Haltestelle war“, erzählt sie. Zur Schule sei sie dann zu spät gekommen. Erzählt habe sie von dem Vorfall allerdings nichts. Stattdessen gab sie vor, den Bus verpasst zu haben.

Diese und andere Erlebnisse seien der Grund, warum es sich weiter lohne, für Frauenrechte zu kämpfen. „Wir sollten uns nicht dafür rechtfertigen müssen, wenn wir nicht angemacht werden wollen“, sagt Annalena Baerbock und verspricht: Nächstes Jahr zur Frauenwoche kommt sie wieder – egal wie voll der Terminkalender ist.