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| 18:59 Uhr

Bühne
Großes Theater auf kleiner Bühne

Hauke Grewe, Josephine Egri, Werner Bauer, Daniel Ratthei, Maria Schneider und Matthias Heine (v.l.) in Reineke Fuchs.
Hauke Grewe, Josephine Egri, Werner Bauer, Daniel Ratthei, Maria Schneider und Matthias Heine (v.l.) in Reineke Fuchs. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Das Piccolo-Theater zeigt den Klassiker „Reineke Fuchs“ unter freiem Himmel.

Es hatte noch ein paar Tropfen geregnet am Nachmittag. Keine guten Voraussetzungen für eine Sommertheater-Premiere unter freiem Himmel. Das Piccolo-Theater hatte am Freitagabend zu „Reineke Fuchs“ eingeladen – und fast so, als hätte Petrus es nicht übers Herz gebracht, den Abend ins Wasser fallen zu lassen, zeigte sich der Cottbuser Abendhimmel sommerlich-blau. Gut so, sonst hätten viele einen großartigen Theaterabend versäumt.

Reineke Fuchs hat ein paar Jahre auf dem Buckel. Irgendwann im 15. Jahrhundert geschrieben, wurde „Reynke de vos“ zum Bestseller im 16. Jahrhundert. Goethe nahm sich des Stoffes im frühen 19. Jahrhundert an, schrieb zwölf Gesänge über den Bösewicht Reineke, dem der König der Tiere den Prozess machen will. Famos, was Goethe dort einst schrieb, aber auch reichlich angestaubt. Reinhard Droglas Version fürs Piccolo-Theater schüttelt eine Menge von dem Staub ab und lässt die Jahrhunderte alte Geschichte so modern wie irgend möglich wirken.

„Love me tender“, „Get on up“, ... Die Klassiker des Rock and Roll und Soul reihen sich zwischen die nicht mehr ganz so bleischweren Verse Goethes. Das Ensemble singt live, mal Englisch, mal Französisch, wirkt durchweg so, als hätten sie genauso viel Spaß wie das Publikum. Die Musik kommt nicht aus der Konserve, sondern aus Keyboard, Bass und Schlagzeug von Detlef Bielke, Heinz Noack und Stefan Friedrich. Werner Bauer gibt den bestimmen wollenden König, der nicht selten über seine eigene Trotteligkeit stolpert, Hauke Grewe ist der Zigarren rauchende Bär, der ebenso trottelig wirkt, das aber gar nicht erst verbergen will und die List des Fuchses hautnah zu spüren bekommt. Letzterer – gespielt von Daniel Ratthei – ist so arrogant und gleichzeitig so cool, dass Parallelen zu Marvel-Antiheld Deadpool gar nicht mehr so abwegig scheinen. Maria Schneider ist Gieremund, teils ebenso arrogant wie Reineke und damit viel mehr Gespielin denn Opfer des listigen Fuches. Matthias Heine ist der herrlich überhebliche Wolf, der an seiner Rache an Reineke nur scheitern kann. Auch der Dachs, gespielt von Josephine Egri – vielleicht der sicherste der königlichen Entsandten, kann Reinekes unverschämte Schlauheit nicht überwinden. Es sind vor allem kleine Details, kurze Einwürfe, Wortwitze, die die endlosen Hexameter aufbrechen, auflockern und populär machen. Die Geräusche der Straße nebenan, die Kulisse zwischen Piccolo-Theater und Bürogebäude, das Grün rund um den Theaterhof – sie alle machen das Sommertheater zu dem, was es sein soll – urban, erholsam, ein Erlebnis.

Nicht gezwungen kindgerecht, nicht gezwungen überliterarisch – das Ergebnis Droglas Bearbeitung des Klassikers aus dem Mittelalter und der Version Goethes ist gelungen. Reduktion – Drogla selbst bringt das Konzept auf den Punkt. Ein Stück beim Sommertheater muss zum Weißwein passen, sagt der Theaterleiter und beschreibt damit ziemlich genau, wie die Piccolo-Version des Klassikers wirkt. Leicht, locker, vor allem im Sommer wohltuend, wenn’s der richtige Wein ist, gleichzeitig anspruchsvoll, keineswegs trocken.

Spiel-Termine bis Ende August stehen bereits fest, Petrus sollte sich die rot in seinem Wetter-Kalender notieren.