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| 17:34 Uhr

Veranstaltung
Großes Kino zu DDR-Geschichte

Regisseur Michael „Bully“ Herbig freut sich, dass sein erster Thriller „so gut angenommen“ wird.
Regisseur Michael „Bully“ Herbig freut sich, dass sein erster Thriller „so gut angenommen“ wird. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Michael „Bully“ Herbig spricht über Liveschaltung mit Kinobesuchern zu seinem neuen Film „Ballon“. Von Silke Halpick

Geschichtsunterricht mal anders: Mehr als 300 Schüler sehen den aktuellen Kinostreifen „Ballon“ über die Flucht zweier Familien aus der DDR im Weltspiegel in Cottbus und sprechen mit Zeitzeugen. Höhepunkt ist eine Liveschaltung zum Regisseur Michael „Bully“ Herbig, der „glücklich“ ist, dass „der Film so gut angenommen wird“.

An den authentische Fall aus dem Jahr 1979 und die „Stern“-Titelbildgeschichte könne er sich noch sehr gut erinnern, erzählt Herbig, der von der Großleinwand auf die Gäste schaut. Damals war er elf Jahre alt. Dass Familien von einem ins andere Deutschland fliehen, habe ihn „extrem beschäftigt“ und nicht mehr losgelassen. Nach seinen Erfolgskomödien wie „Der Schuh des Manitu“ oder „Bullyparade“, sei jetzt ein „Thriller fällig“ gewesen, sagt er.

„An den Dialogen haben wir sehr lange gefeilt, damit auch die Wortwahl stimmt“, verrät er weiter. Zum Filmteam gehörten Menschen, „die diese Welt kannten“, wie Schauspieler, die teils sogar eigene Fluchtgeschichten haben.

Im Film geht es um die Familien Strelzyk und Wetzel, die mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus dem thüringischen Pößneck fliehen. Der erste Versuch scheitert,  die Stasi findet die Ballonüberreste im Wald und beginnt mit den Ermittlungen. Es folgt ein Gegen-die-Zeit-Wettrennen. Am Ende gibt’s ein Happy-End und spontanen Applaus von den Jugendlichen.

„Von der Gründung der DDR bis 1990 verließen 3,8 Millionen Menschen das Land“, sagt Christoph Polster vom Verein Aufarbeitung Cottbus. Er moderiert gemeinsam mit Hana Hlaskova, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, die Veranstaltung. Zugeschnitten ist sie auf Zehnt- bis Zwölftklässler. Im Saal sitzen Schüler des Fürst-Pückler-Gymnasiums, der Lausitzer Sportschule, des Oberstufenzentrums sowie der Schule des zweiten Bildungsweges.

Als weitere Zeitzeugen kommen Peter Bieber und Rita Bergemann zu Wort, die beide aus der DDR geflohen sind. Bieber versteckte sich in einem Kleiderschrank und fuhr in einem Möbeltransporter über die Grenze, wie er erzählt. Später half er elf weiteren Menschen bei ihrer Flucht, wurde aufgrund von Verrat verhaftet und saß fünf Jahre lang in einem DDR-Gefängnis, bevor ihn die Bundesrepublik freikaufte.

Durch die Havel schwamm Rita Bergemann gemeinsam mit ihrem Verlobten, um nach Westberlin zu kommen. Noch immer träume sie davon, wie sie erzählt. Ihr Mann starb acht Jahre danach. „Ich habe einen hohen Preis für die Freiheit gezahlt, aber ich würde es immer wieder tun“, sagt sie.

„Die typische Flucht gibt es nicht“, betont Helge Heidemeyer, Beauftragter der Stasi-Unterlagenbehörde. Jede Geschichte sei einzigartig. Um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, schwammen die Menschen durch die Ostsee oder reisten mit gefälschten Pässen. Laut einer Stasi-Bilanz hat es zwischen 1979 und 1984 insgesamt 150 Fluchtversuche gegeben, 80 Prozent davon scheiterten jedoch.

Bei Schülern und Lehrern kommt die Veranstaltung gut an. „DDR-Geschichte ist erst relativ spät in der zehnten Klasse dran“, sagt Daniel Keding, Lehrer für politische Bildung an der Sportschule. Die Filmvorführung sei eine „andere Art der Herangehensweise“ und erleichtere den Schülern den Zugang zum Thema.

„Für mich war die DDR immer farblos, ich hatte kaum Vorstellungen. Das hat sich mit dem Film geändert“, bestätigt Lucas Liebegott, der sein Abitur am Oberstufenzentrum macht. Er und seine Mitschüler werden im Anschluss an die Veranstaltung eine Filmanalyse schreiben.

Rita Bergemann und Peter Bieber (2.v.l.) erzählen über ihre eigene Flucht aus der DDR. Helge Heidemeyer (l.) berichtet über die Methoden der Stasi, mit denen das verhindert werden sollte.
Rita Bergemann und Peter Bieber (2.v.l.) erzählen über ihre eigene Flucht aus der DDR. Helge Heidemeyer (l.) berichtet über die Methoden der Stasi, mit denen das verhindert werden sollte. FOTO: LR / Silke Halpick