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| 18:18 Uhr

Cottbus
Was wusste die Stasi über mich?

2,9 Regal-Kilometer nehmen die Cottbuser Stasi-Akten in der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder) ein. Hinzu kommen 1550 Säcke mit zerrissenen Unterlagen aus Frankfurt und Cottbus.
2,9 Regal-Kilometer nehmen die Cottbuser Stasi-Akten in der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder) ein. Hinzu kommen 1550 Säcke mit zerrissenen Unterlagen aus Frankfurt und Cottbus. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Großes Interesse an Bürgerberatung der Stasi-Unterlagenbehörde in Cottbus. Von Stephan Meyer

Hat die Staatssicherheit Informationen über mich gesammelt? Diese Frage beschäftigt nach wie vor viele ehemalige DDR-Bürger. Obwohl die Anträge auf Akteneinsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde langfristig zurückgehen, sei das Interesse noch höher als anfangs erwartet. Das teilte Roland Jahn, Bundesbeauftragter der Behörde, Ende Dezember gegenüber der Deutschen Presse Agentur mit. 2017 wurden bundesweit  48 855 Anträge gestellt, 221 mehr als im Vorjahr.

Die Akten aus dem einstigen DDR-Bezirk Cottbus lagern in Frankfurt (Oder). 2,9 Kilometer nehmen sie in den Regalen der Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) ein. Entgegen dem Bundestrend sind die Anträge auf Akteneinsicht dort rückläufig. Nach Angaben von Elmar Kramer sind 2017 in Frankfurt (Oder) 2170 Anträge eingegangen. Das sind laut dem stellvertretenden BStU-Pressesprecher circa 330 weniger als im Vorjahr (2506).

Wie viele Anfragen aus der Niederlausitz kommen, kann er nicht weiter aufschlüsseln. Die letzte Bürgerberatung der Behörde in Cottbus erweckte jedoch nicht den Eindruck, als sei das Interesse hier zurückgegangen. Rüdiger Sielaff, Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder), war Ende  Januar zu Gast im Stadtmuseum. Anlass war ein Vortrag über den Einfluss der Stasi auf das Cottbuser Gesundheitssystem. Vor der Veranstaltung hatten die Besucher eine Stunde lang Zeit, bei ihm und seiner Kollegin ihre zahlreichen Fragen zum Thema Akteneinsicht loszuwerden. Diese Art der Beratungen findet üblicherweise einmal im Monat im Technischen Rathaus statt.

Eine Dame, die anonym bleiben möchte, erkundigte sich nach einem Wiederholungsantrag. Da noch immer Stasiunterlagen erschlossen werden, kann ein solcher Antrag nach einigen Jahren zu neuen Ergebnissen führen. Dieser mache Sielaff zufolge inzwischen nicht immer Sinn. Wer vor fünf bis zehn Jahren einen Antrag gestellt hat, würde auf einen Antrag, der 2017 gestellt wurde, die gleichen Informationen erhalten. Die Frau hatte aber bereits Anfang der 90er Jahre einen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Weil ihr heutiger Ex-Mann damals einen Ausreiseantrag gestellt hat, war sie sich damals sicher, dass etwas über sie vorliegt. Viele Unterlagen zum Einsehen gab es für sie kurz nach der Wende hingegen nicht. Trotzdem hatte sie Dinge erfahren, die sie überrascht haben. Aus den Berichten habe sie schlussfolgern können, welche Personen aus dem näheren Bekanntenkreis sie ausspioniert hätten. Am Telefon konfrontierte die Cottbuserin später ihre Verdächtigen mit den Decknamen aus ihren Akten. Sie hätten daraufhin kommentarlos aufgelegt und den Kontakt abgebrochen.

Betroffene haben das Recht, den Namen der Personen zu erfahren, die über sie berichtet haben. Weil aber nicht jeder Betroffene diese wissen möchte, würden sie prinzipiell in den zur Verfügung gestellten Unterlagen weggelassen.

Sielaff warnt vor falschen Verdächtigungen und weist auf den Antrag zur Decknamenentschlüsselung hin. Der Antrag ist notwendig, um den Klarnamen eines inoffiziellen Stasimitarbeiters zu erfahren. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe es in manchen Fällen darauf angelegt, dass jemand für eine IM gehalten wird, während die echten Spitzel unentdeckt blieben. „Das waren geschickte Ablenkungsmanöver.“  Auf einen Betroffenen seien drei bis zehn Personen angesetzt gewesen. IMs hätten auch über IMs berichtet, ohne von der Tätigkeit des anderen zu wissen.

Doch von allen können die Klarnamen nicht offengelegt werden. Die Behörde könne sich erst dazu entschließen, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher ist. Dazu müsse die Informationslage eindeutig sein. Nicht selten wurden aber offene Fallakten, die auf den Schreibtischen des MfS lagen, in den letzten Tagen der DDR vernichtet. Damit sind manche Unterlagen, sowohl von Betroffenen, als auch von IMs, nicht mehr vorhanden. Wurden hingegen Personalakten der Inoffiziellen vom MfS archiviert, haben Betroffene eine große Chance, den Klarnamen ihres Spitzels zu erfahren.

Aber nicht jeder hat eine eigene Akte, weiß der BStU-Außenstellenleiter. „Die Stasi lebte davon, dass die Menschen glaubten, das MfS wüsste alles.“ Das sei aber nicht der Fall gewesen. Für ehemalige DDR-Bürger, deren Wiederholungsantrag negativ ausgefallen ist, gibt es eine weitere Recherchemöglichkeit. Wer glaubt, in einer Akte einer anderen Person erwähnt worden zu sein, kann auch die Einsicht in diese Unterlagen beantragen. Wegen erforderlicher besonderer Angaben empfiehlt die Stasi-Unterlagenbehörde, dazu ein Beratungsgespräch zu vereinbaren.

Unter den Antragstellen befinden sich mittlerweile auch die Nachfahren der Betroffenen. Laut Roland Jahn hätten die Anfragen aus der „Enkelgeneration“ inzwischen bei den BStU-Außenstellen zugenommen. Auch wenn es sich um Angehörige handelt, sind Unterlagen zu anderen Personen grundsätzlich nicht zugänglich. In bestimmten Fällen gibt es jedoch Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn es sich um nahe Verwandte handelt, die verstorben oder vermisst sind.