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Großenhainer Straße ist Geschichte

Die Grünanlage am "Bahnhofsberg" mit Blick zur 1911/12 errichteten Lutherkirche.
Die Grünanlage am "Bahnhofsberg" mit Blick zur 1911/12 errichteten Lutherkirche. FOTO: Sammlung Krause
COTTBUS. Die Cottbuser Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte von der Thiemstraße mit einer Erinnerung an die Großenhainer Straße. Zum Vergleich nutzt sie eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Dora Liersch / dli9

Diesmal muss man wieder ältere Stadtpläne zu Hilfe nehmen, um die Entwicklung dieser Straße und einer ihrer Nebenstraßen nachzuvollziehen. Natürlich denkt man: "Na, diese Straße kenne ich doch!" Aber: Eine uralte Wegeverbindung vom Spremberger Tor aus zweigte nur wenige Hundert Meter südlich von der Dresdener Straße ab. Es war die Taubenstraße und sie führte vorbei am "Gasthof zur weißen Taube" weiter nach Südsüdwesten. Erst mit dem Bau der Eisenbahntrasse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die alte direkte Verbindung nach Klein Gaglow und Drebkau unterbrochen, denn der Weg führte künftig mit einem Schlenker zum Queren der Gleisbetten als Feldstraße zu den genannten Orten. Bis in die 1970er-Jahre war noch das Kürzel der Feldstraße auf den Stadtplänen ersichtlich. Die Feldstraße selbst erhielt nach dem Bau der Vereinigten Städtischen und Thiemschen Heilanstalt in den Jahren bis zur Einweihung am 27. Juni 1914 den Namen des verdienstvollen Arztes der Unfallchirurgie Dr. Carl Thiem.

An Bauwerken vorhanden waren bis zu diesem Zeitpunkt in der Feldstraße 124 die Diakonissenanstalt Salem an der Ecke zur Finsterwalder Straße, in der Feldstraße 32/39 das Garnisons-Lazarett und in Feldstraße 26 die Lutherkirche. Unsere Ansichtskarte zeigt die gepflegte Grünanlage am "Bahnhofsberg" mit Blick zur 1911/12 errichteten Lutherkirche. Die Thiemstraße selbst war beidseitig mit rot blühenden Kastanien bepflanzt, die zum Teil auch noch nach dem Krieg die Menschen erfreuten. Auffällig auf der alten Postkarte ist die interessante Bebauung auf der linken Bildseite. Hier handelt es sich um eine Straße, die im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau angelegt worden war. Direkt an der Bahntrasse entstand zwischen der Feldstraße und der Dresdener Straße die Görlitzer Straße, die heute noch verlängert und vorhanden ist. Parallel dazu, nur etwas südlicher, gab es die Großenhainer Straße. Sie kreuzte sogar noch die Feldstraße in westlicher Richtung. 1893 wurde dieser westliche Teil in Vetschauer Straße umbenannt.

Die Großenhainer Straße begann an der Dresdener Straße (Straße der Jugend) gleich hinter den Gebäuden der Cottbuser Maschinenbauanstalt (zuletzt VEB Kraftverkehr). Sie war auf ihrer Südseite relativ gleichmäßig bebaut. Die Nummer 1, eines der ältesten Häuser, gehörte viele Jahrzehnte der Familie Platzek. Nummer 2 war im Besitz des Malermeisters Paul Busse, Nummer 3 gehörte Fritz Schlodder, einem Installateur und Lagerverwalter, Haus Nummer 4 der Familie des Lokführers Wilhelm Kanter. Die Nummer 5 war noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg vom Maurermeister Oscar Hausten erbaut worden. Hier wechselten die Eigentümer öfter, war es in den 1920er-Jahren der Fleischermeister Carl Pesker, so in den 30er- und 40er-Jahren Reinhold Röhrig, der aber nicht selbst im Hause wohnte. Das wunderschöne Eckhaus gehörte zur Feld-/Thiemstraße und trug die Nummer 7. Eigentümer war der Materialwarenhändler Heinrich Milde. Für viele Cottbuser aber war die Gaststätte im Erdgeschoss des Hauses ein besonderer Anziehungspunkt. Es war der "Großenhainer Hof". Die Gastwirte wechselten: Emil Langematz (1909) Heinrich Brusk (1913), Fritz Gehla (1921), Franz Hentschel seit Anfang der 1930er-Jahre. Zuletzt betrieb die HO diese Gaststätte.

Waren die Häuser dieser Straßenseite meist mit Erdgeschoss und drei Etagen versehen, so waren die Häuser auf der nördlichen Straßenseite meist eine Etage niedriger. Noch vor 1913 hatte die Brauerei von Gustav Schultze, die in der Görlitzer Straße ansässig war, zwei Grundstücke in der nördlichen Großenhainer Straße (10 und 11) erworben, die an ihre Grundstücke anstießen. Dort konnten sie eine weitere Zufahrt, aber auch Garagen und Wagenhallen errichten.

Die Großenhainer Straße aber sucht man inzwischen vergeblich. Mit dem Bau einer Süd-Ost-Tangente als erster Teil eines Stadtringes, von der Vetschauer Straße aus kommend, wo das neue Empfangsgebäude des Bahnhofs entstehen sollte, die zunächst bis zur Peitzer Straße führen sollte, war die Großenhainer Straße mit ihrer Bebauung schlicht im Wege. Die Häuser wurden einfach abgerissen oder gesprengt. Darunter waren etliche interessante Mietswohnhäuser bekannter Cottbuser Architekten. Für den 19. Oktober 1973 ist die Fertigstellung dieses Tangententeiles dokumentiert.

Viele Jahre stand noch an der Straße der Jugend eine Birke. Mit der Gestaltung des Knappschaftsplatzes ging diese verloren. Es war der letzte Straßenbaum der Großenhainer Straße. Beim Betrachten der Bildvergleiche müssen wir uns den "Großenhainer Hof" direkt auf der bebauten Fläche der Knappschaft vorstellen. Davor befand sich dann die Straße. Die Tangente verläuft heute bei dieser Sichtweise hinter dem Knappschaftsgebäude.

Alle Teile der Serie "Cottbus früher und heute" gibt es hier: lr-online.de/historischelausitz

Wo heute das Knappschaftsgebäude steht, befand sich einst der "Großenhainer Hof".
Wo heute das Knappschaftsgebäude steht, befand sich einst der "Großenhainer Hof". FOTO: Dora Liersch/dli1