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Größtes Geschäftshaus der Stadt

Die Gebrüder Schocken bauten 1913 das Kaufhaus um. Stuck und Schnörkel verschwanden, das Haus erhielt ein modernes Aussehen (l.). In den 80er-Jahren wurden das Kaufhaus und das südliche Nachbarhaus in der Sprem abgerissen. Es entstand ein neues Wohn- und Geschäftshaus.
Die Gebrüder Schocken bauten 1913 das Kaufhaus um. Stuck und Schnörkel verschwanden, das Haus erhielt ein modernes Aussehen (l.). In den 80er-Jahren wurden das Kaufhaus und das südliche Nachbarhaus in der Sprem abgerissen. Es entstand ein neues Wohn- und Geschäftshaus. FOTO: dli
Cottbus. Die Cottbuser Heimatforscherin Dora Liersch ruft die Geschichte des Kaufhauses Schocken in Erinnerung. Sie kommentiert eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Dora Liersch / dli9

Wir befinden uns in der Spremberger Straße, und dieses Gebäude stand auf dem Grundstück Nummer 10. Natürlich gab es einen alten Vorgängerbau. Er war ein schlichtes, zweigeschossiges Wohnhaus mit hohem Satteldach. Eigentümer Wilhelm Weingärtner betrieb hier eine Seifenhandlung. Etwa um 1902 verkaufte er Haus und Grundstück an den Kaufmann Adolph Bromberg.

Dieser hatte große Pläne. Er wollte an dieser Stelle, einschließlich zur Burgstraße Nr. 5, ein großes Geschäfts- und Warenhaus errichten lassen. Mit der Cottbuser Architektur- und Baufirma Dümpert & Haucke hatte er den passenden Baubetrieb gefunden. Die alten Gebäude wurden abgerissen und 1903 ein interessanter Neubau mit viel Glas, geschwungenem Giebel und Jugendstilelementen errichtet. Die relativ kurze Bauzeit von knapp acht Monaten wurde eingehalten. Adolph Bromberg konnte für Sonnabend, 26. September 1903, zur Eröffnung seines Kaufhauses einladen. Attraktion war ein elektrischer Fahrstuhl bis ins ausgebaute Dachgeschoss. Das Kaufhaus war seinerzeit das größte und modernste Geschäftshaus von Cottbus und Umgegend.

Im Parterre gab es alle Arten von Stoffen, Kurzwaren, Trikotagen, Strümpfe, Handschuhe, Herrenartikel, Papier- und Schreibwaren, Schul- und Büroartikel, Lederwaren Seifen, Lichte, Toilettenartikel und selbstverständlich eine große Lebensmittelabteilung. In der ersten Etage wurden Damen- und Mädchenkonfektion, Pelzwaren, Tücher, Bänder, Hut- und Dekorationsblumen, Wäsche, Schürzen, Miederwaren, Gardinen, Teppiche, Läufer, Tischdecken, Reise-, Stepp- und Bettdecken sowie Schuhwaren angeboten.

In der zweiten Etage gab es Glas-, Porzellan-, Steingut- und Emaillewaren, Lampen, Bronzen und Japanwaren, Bürsten und Rohrwaren, Holz- und Korbwaren, Solinger Stahlwaren, Nickelwaren, Spiegel, Wandbilder und vieles mehr. Außerdem befand sich in dieser Etage ein in ganzer Breite des Hauses eingerichteter "Erfrischungsraum", sprich Gastronomie, die aber erst zum 1. November 1903 fertig wurde. In der dritten Etage gab es Betten, Matratzen, Bettfedern, Spielwaren und Puppen.

Wie gut damals dieses Warenhaus angenommen wurde, wissen wir leider nicht. Gegenüber befanden sich in der Spremberger Straße das Kaufhaus Waldschmidt und das Damenkonfektions- und Textilkaufhaus von Brummer & Schießer. Jedenfalls ist nur drei Jahre nach der Eröffnung von Adolph Brombergs Warenhaus, das er aber weiterhin besaß, ein neuer Betreiber bekannt: Max Blochert.

Im Jahre 1911 wirbt der Kaufmann Reinhold Reeck mit Damenmoden und Ausstattungen. Er hatte an der Fassade des Hauses und auf dem Dach jeweilige Werbeschriften anbringen lassen. Trotzdem scheint der Erfolg ausgeblieben zu sein. Reinhold Reeck gibt auf und Adolph Bromberg findet 1913 in der Firma Schocken Söhne einen Käufer für seine Immobilie. Die neuen Eigentümer bauen noch im Sommer 1913 das Geschäftshaus innen und außen um. Stuck und Schnörkel verschwinden. Das Haus erhält dadurch ein gefälliges und modernes Aussehen. Im "Cottbuser Anzeiger" vom 26. und vom 30. September 1913 stellen die neuen Eigentümer ihr Geschäftshaus mit der veränderten Außenansicht, wie sie auf der Postkarte zu sehen ist, und mit den Warenangeboten in den einzelnen Etagen vor. Am 30. September 1913 fand die feierliche Eröffnung des Kaufhauses Schocken in Cottbus statt.

Die Kunden wurden mit Billigpreisen gelockt. Tatsächlich war und blieb Schocken ein Kaufhaus für Besitzer kleiner Geldbeutel. Über alle Hindernisse wie Krieg und Inflation schafften es die Gebrüder Schocken, das Cottbuser Kaufhaus, wie auch deutschlandweite Filialen, gut zu führen oder gar neu zu eröffnen.

In Cottbus erwarben sie noch das Grundstück Schlosskirchplatz 5 und konnten das Kaufhaus nach dieser Seite erweitern und am 19. Oktober 1926 feierlich einweihen. Dieser Gebäudeteil steht heute noch und ist liebevoll saniert worden. Am frühen Morgen des 20. Januar 1930 kam es in der ersten Etage des Kaufhauses zu einem größeren Brand. Ob ein technischer Defekt dazu geführt hatte oder ob es Brandstiftung war, ist nie geklärt worden.

Der Schockenkonzern mit allen seinen Nebenformen war jüdischer Besitz, und so können wir uns vorstellen, was ab 1933 geschah. Die Konzernleitung setzte zunächst nichtjüdische Geschäftsleiter ein und versuchte, als der Druck zunahm, ausländische Käufer zu finden. Zwei holländische Banken waren dazu bereit, doch mischte sich das deutsche Reichwirtschaftsministerium mit zwei deutschen Banken ein. Man wollte die Konzernmasse in deutsche Hände bringen, was Mitte 1938 gelang. Der Kaufhausname "Schocken" verschwand und die "Merkur Aktiengesellschaft" trat als neuer Eigentümer auf. Das Cottbuser Kaufhaus hatte zwar leichtere Kriegsschäden, ist aber erst nach dem Einmarsch der Roten Armee im April 1945 geplündert und in Brand gesteckt worden. Etliche Jahre blieb die Ruine in der Spremberger Straße stehen. Dann wurde das Gebäude instand gesetzt und am 28. Juli 1950 das Haus als Konsum-Warenhaus wieder eröffnet.

Zum Kauf angeboten wurden alle Artikel des täglichen Bedarfs, Textil- und Schuhwaren, Geschenkartikel, Spielwaren, Möbel, Artikel für den Haushalt, für Schule, Reise und was man sonst so brauchte. Nur kurz standen alle Etagen zur Verfügung, dann machten sich Statikmängel bemerkbar und die oberen Etagen durften nicht mehr genutzt werden. Zuletzt wurde am 26. November 1963 das ganze Gebäude baupolizeilich gesperrt. Die Konfektionsabteilungen zogen in den NAW-Pavillon am Berliner Platz. Untertrikotagen und Kinderbekleidung wurde weiterhin im Seitenflügel des Kaufhauses Schlosskirchplatz 5 angeboten. Das Erdgeschoss des Haupthauses diente als Warenlager. Mit der Eröffnung des Konsument-Warenhauses in der Karl- Liebknecht-Straße schloss man die provisorischen Verkaufsstellen.

Mitte der 1980er-Jahre erfolgte der Abriss des alten Schocken-Kaufhauses und des südlichen Nachbarhauses, ehemals Gerlach/Büschen, in der Spremberger Straße. Dafür wurde ein doppelt breites Wohn- und Geschäftshaus errichtet, wie es heute noch vorhanden ist und von einer Optik-Kette genutzt wird.

Alle Teile der Serie gibt es hier: www.lr-online.de/

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