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| 15:03 Uhr

Graffiti in Cottbus
Kein Platz für Kunst aus der Dose

 In der Nähe des Busbahnhofs befindet sich eine der wenigen legalen Sprühmöglichkeiten für Graffiti-Künstler in Cottbus. Hier hat Dirk Hiekel einen Schriftzug mit Figuren kreiert.
In der Nähe des Busbahnhofs befindet sich eine der wenigen legalen Sprühmöglichkeiten für Graffiti-Künstler in Cottbus. Hier hat Dirk Hiekel einen Schriftzug mit Figuren kreiert. FOTO: LR / Julian Münz
Cottbus. Graffiti-Künstler aus Cottbus suchen nach freien Flächen für ihre Arbeiten. Von Julian Münz

Direkt gegenüber des Staatstheaters, auf der kleinen Terrasse des Jugendclubs, warten Johannes Mattner und Dirk Hiekel auf ihren Kollegen Martin Jainz. Die Graffiti-Künstler sind gerne hier – für sie ist der Ort nicht nur ein Jugendtreffpunkt, sondern gewissermaßen auch ihre künstlerische Heimat. Doch die Lage des vom Humanistischen Jugendwerk geleiteten Jugendzentrums im Schatten der Hochkultur trügt. Denn während das Staatstheater wohl wie kein anderes Gebäude das kulturelle Leben der Stadt repräsentiert, müssen die Graffiti-Sprüher um ihren Platz  kämpfen.

Schon vor Jahren etablierte sich Im „Humi“, gefördert durch intensive Jugendarbeit und zahlreiche Workshops, ein Zentrum der Cottbuser Graffiti-Szene. Auch Mattner und Hiekel verbesserten hier in jungen Jahren ihre Sprayer-Fähigkeiten und bekamen Möglichkeiten, ihr Hobby auf legale Weise auszuleben  Der Vetschauer Martin Jainz stieß später dazu. Er fand den Weg zur Stadtkunst, als er in seiner Heimatstadt damit begann, rechtsradikale Schmierereien zu übersprühen.

 Dirk Hiekel und Martin Jainz sind begeisterte Graffiti-Künstler.
Dirk Hiekel und Martin Jainz sind begeisterte Graffiti-Künstler. FOTO: LR / Julian Münz

Häufig müssen sich die Drei mit dem schlechten Image ihrer Kunst auseinandersetzen. Graffiti, das klingt für viele mehr nach Untergrund und Kriminalität als nach Stadtkultur. „Die Berichterstattung über Graffiti wird gerne auf die Vandalismusschiene gedrückt“, erzählt Jainz. „Wenn ich sprühe, kommen oft Leute zu mir und sagen: Das ist schön, was Sie hier machen, aber woanders ist das nichts!“, so der 30-Jährige. Auch die anderen sind negative Rückmeldungen von Passanten, auch wenn sie legal sprühen, gewohnt. Hin und wieder kommt auch die Polizei vorbei. Johannes Mattner hält sein Hobby privat deshalb oft bedeckt. „Es ist nichts, von dem ich auf der Arbeit herumerzähle“, so der 28-Jährige.

Die Drei haben früher selbst Erfahrungen im illegalen Sprayen gemacht, auch wenn sie längst nur noch auf legalen Flächen aktiv sind. „Ich bin froh, dass das vorbei ist“, sagt Johannes Mattner über diese Zeit. „Generell finde ich illegale Graffiti heute schwierig, gerade für denjenigen, der damit leben muss“, so der 28-Jährige. Aus Sicht des Sprühers sehe er aber auch immer die anspruchsvolle Technik hinter den Schriftzügen. „Nur, weil es illegal ist, bedarf es nicht weniger Können“, zitiert er die amerikanische Fotojournalistin Martha Cooper, die seit Jahren Graffiti-Werke dokumentiert. Weniger anfangen kann Mattner mit den auch in Cottbus zahlreich präsenten Tags, bei denen Sprayer in einem Strich ihre Unterschrift an die Wand setzen. „Tags sind Schmierereien, es ist nicht die hohe Kunst“, sagt er.

Dirk Hiekel schätzt vor allem die niedrige Zugangsschwelle seiner Profession. „Graffiti ist eine der wenigen Kunstformen, die für jeden in der Stadt sichtbar ist“, schwärmt er. In Cottbus ist dies aber nur noch an wenigen legalen Stellen der Fall. Nach der Schließung des beliebten Stadtstrands bleiben den Sprayern nur noch zwei frei zugängliche Wände in der Stadt verfügbar. Eine davon befindet sich in der Nähe des Busbahnhofs. Und auch diese kann nur noch am Wochenende genutzt werden. „Das macht es uns, die das ernsthafter betreiben, schwer, einen Boden zu finden“, so Mattner.

Seit Langem suchen sie deshalb nach neuen Flächen, an denen sie ihre Leidenschaft ausleben können. Frei zugänglich soll sie sein, die Sprayer sollten ungestört auf ihr malen können, und auch die Form muss interessant sein. „Cottbuser, habt Vertrauen, gebt uns die Möglichkeit und lasst uns Euch überraschen!“, appellieren sie an die Stadt.

Aufhören werden die drei Künstler mit dem Sprühen wohl nicht mehr. „Wir haben uns auch mal gefragt, ob wir das mit 50 auch noch machen“, so Mattner. „Da war die klare Antwort: ja, natürlich!“