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Historisches
Gotha-Wagen-Flotte in Cottbus

Die historische Aufnahme aus dem Jahr 1957 zeigt die Inbetriebnahme der ersten fünf Gotha-Wagen vom Typ ET 57 auf dem damaligen Betriebshof von Cottbusverkehr an der Berliner Straße. ⇥Foto: Cottbusverkehr
Die historische Aufnahme aus dem Jahr 1957 zeigt die Inbetriebnahme der ersten fünf Gotha-Wagen vom Typ ET 57 auf dem damaligen Betriebshof von Cottbusverkehr an der Berliner Straße. ⇥Foto: Cottbusverkehr FOTO: Cottbusverkehr
Cottbus. In Cottbus ging vor 60 Jahren die damals modernste Straßenbahn-Flotte in Betrieb. Ein Wunsch der aktuell unerfüllt bleibt. Von Christoph Pohl

Der Cottbuser Straßenbahnbetrieb war in der DDR der erste, der den Linienverkehr ausschließlich mit Neubauwagen abwickeln konnte. Und auch 1991 wiederum der erste, der auf alle Fahrzeuge dieser Generation verzichten konnte, als der Bestand an tschechischen Tatra-Wagen entsprechend groß geworden war, um alle Linienleistungen abzudecken. Mittlerweile ist es genau 60 Jahre her, dass die ersten Gotha-Wagen geliefert und in Cottbus auf die Schienen gingen.

Während es früher vielfältige Lieferbeziehungen zwischen Waggonbaufirmen und Verkehrsbetrieben gab und die Serien oft sehr klein waren, setzte man zu DDR- Zeiten auf die Entwicklung von Einheitswagen. Im Straßenbahnwesen gab es solche Bestrebungen seit dem Beginn der 1940er-Jahre. Die Eisenbahn war da schon weiter. Dort hatte der Vereinheitlichungsprozess bereits in den 1920ern begonnen – mit dem Zusammenschluss der deutschen Länderbahnen zur Reichseisenbahn. Die bis dahin vorherrschende Typenvielfalt wurde durch wenige Lokomotiven und Personenwagen in Einheitsbauart abgelöst.

Von der ersten Straßenbahn-Einheitsbauart konnten nur 30 Beiwagen nach Berlin und Hannover ausgeliefert werden. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden aber ab 1942 auch die Kriegsstraßenbahnwagen hergestellt. Sie sollten durch Kriegshandlungen verloren gegangene Fahrzeuge ersetzen. Sie lehnten sich an bisher produzierte Modelle an, waren aber innen sehr spartanisch ausgestattet. In Cottbus kamen diese Kriegsstraßenbahnwagen nicht zum Einsatz.

Nach Kriegsende wurde der Gedanke der Straßenbahn-Einheitswagen wiederum in beiden beiden deutschen Wirtschaftsgebieten aufgegriffen. In der späteren DDR wurde der Bau von Straßenbahnwagen zunächst dem Waggonbau in Werdau übertragen.

Die dort ab 1950 hergestellten zweiachsigen Fahrzeuge wurden auch als Lowa-Wagen bezeichnet. Im Jahr 1954 wurde die Straßenbahnproduktion zum Waggonbau Gotha verlagert und das alte Lowa-Modell bereits verbessert ausgeliefert. Nach Cottbus gelangten insgesamt vier Trieb- und neun Beiwagen der Lowa-Bauart, teilweise waren es gebrauchte Fahrzeuge.

Die Gothaer Waggonbauer hatten den Bonus, Neu- und Weiterentwicklungen immer gleich vor der Haustür ausprobieren zu können: Auf dem kleinen Netz der örtlichen Straßenbahn waren Fahrzeuge für den Stadtverkehr gefragt und die Thüringerwaldbahn zwischen Tabarz und Gotha ist eine Überlandstraßenbahn mit einer kurzen Stichbahn nach Waltershausen. Der Lowa-Typ wurde zunächst weiter produziert, bis im Jahr 1957 der zweiachsige Gotha-Wagen vorgestellt wurde. Während die Lowa-Wagen äußerlich eine schlichte winklige Form aufwies, waren die Gothaer Fahrzeuge mit ihrer rundlichen Form freundlicher.

Sowohl beim Einsatz der Lowa-Wagen (zwei Beiwagen 1951/52) als auch der Gotha-Wagen (1957 fünf Triebwagen, 1958 fünf Beiwagen) waren die Cottbuser ganz vorn. Der Fahrzeugbestand stieg in den folgenden Jahren kontinuierlich. In den Jahren 1967 und 1968 kamen auch die Gotha-Nachbauten T2D und B2D von CKD Praha (zehn Trieb- und elf Beiwagen) an die Spree.

Damit konnten im Jahr 1968 die letzten Altbaufahrzeuge stillgelegt werden. Etwas was sich Cottbusverkehr heute mit seiner überalterten Fahrzeugflotte wünschen würde. Die Straßenbahnen sind im Schnitt 30 Jahre alt und gehören damit in Ostdeutschland zu den ältesten Dienstfahrzeugen. Eine Neuanschaffung kann sich der Betrieb ohne Förderung nicht leisten – und die gibt es bislang nicht vom Land Brandenburg.

Im Jahr 1969 folgte noch einmal ein Beiwagen aus Gotha, der nach dem Ende der Straßenbahnproduktion aus vorhandenen Teilen aufgebaut worden war. Insgesamt lag der größte Bestand dieser Fahrzeuge bei 32 Trieb- und 39 Beiwagen. Das war im Jahr 1978, inzwischen waren auch einige gebrauchte Fahrzeuge dazu gekommen. Sie verkehrten sowohl als Solowagen, als auch in Zugzusammenstellung aus Trieb- mit ein oder zwei Beiwagen. Im gleichen Jahr wurden auch die ersten Tatra- Triebwagen aus Prag geliefert und der Stern der Gotha-Wagen begann langsam zu sinken.

Im März 1991 waren die Gotha- Fahrzeuge das letzte Mal im Linienverkehr in Cottbus unterwegs. Ein Teil der Bahnen wurde zunächst noch erhalten, einige Wagen an andere Verkehrsbetriebe abgegeben und der Rest im Laufe der Zeit abgebrochen. Heute existieren noch je ein Arbeits- und Museums-Triebwagen dieses Typs. Ein früheres Cottbuser Exemplar ist sogar als Touristik-Bahn in Istanbul unterwegs. Das letzte vorhandene Lowa-Fahrzeug, ein Triebwagen des Baujahres 1951, war 1990 stillgelegt worden.


Die Triebwagen 92 und 901 sind die einzigen in Cottbus erhaltenen Gothatriebwagen vom Typ ET 57 des Baujahres 1957.
Die Triebwagen 92 und 901 sind die einzigen in Cottbus erhaltenen Gothatriebwagen vom Typ ET 57 des Baujahres 1957. FOTO: Cottbusverkehr