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Goldgräberland-Entdeckung und manch Cottbuser Juwel

Günter Bayerl mit der Studentin Elisa Golk, Mit-Autorin des Handbuchs zum Zeit-Reise-Führer 2.
Günter Bayerl mit der Studentin Elisa Golk, Mit-Autorin des Handbuchs zum Zeit-Reise-Führer 2. FOTO: Elsner
Cottbus. "Es hat mit einem Reiseführer begonnen und mit zwei Reiseführern aufgehört", sagt Prof. Günter Bayerl, bis vor kurzem Inhaber des Lehrstuhls Technikgeschichte der BTU über den Cottbuser Abschnitt seines Berufslebens. Auch im Ruhestand will der gebürtige Augsburger von der Lausitz aus weiter publizieren. Ulrike Elsner

Zum Wintersemester 1994 ist Günter Bayerl von der Uni Hamburg an die BTU gekommen. "Ich war begeistert von der Cottbuser Industriearchitektur", sagt er. Manches habe er jedoch als beklemmend empfunden, vieles Grau in Grau, die Leute hier und da ein wenig "mufflig". Wer Bayerl kennt, weiß, dass er auf die Menschen zugeht, sich über das normale Maß hinaus engagiert. So sind die "Technisch-historischen Spaziergänge" entstanden. "Das war der Einstand meines Lehrstuhls für die Stadt", sagt der 68-Jährige und lobt die Offenheit, mit der ihm der Leiter des Stadtmuseums Steffen Krestin und der damalige Stadtarchivchef Steffen Kober begegnet sind.

"Kultur und Technik" gehören zur Ingenieurausbildung, ist sich Bayerl sicher. Einerseits als Teil der Allgemeinbildung, andererseits um künftigen Ingenieuren bewusst zu machen, welche Folgen ihr Handeln haben kann.

Schon bei den Recherchen für das erste in Cottbus entstandene Buch ist dem Historiker klar geworden: "Ich bin hier im Goldgräberland." Cottbus und die Region verfügten über eine "tolle historische Substanz". Vieles sei aber in den 1990er- und 2000er-Jahren dem vermeintlichen Fortschritt geopfert worden. Die Villa des Textilfabrikanten Ruff, "einer der letzten Barockbauten, in dem gewohnt und gearbeitet wurde", gehört ebenso dazu wie das "Sternchen, das für eine ganze Geschichtsepoche dieser Stadt steht".

Einmal hat Günter Bayerl 50 bayrische Bürgermeister durch Cottbus geführt, und sie waren begeistert. Vom E-Werk und der Mühleninsel, "dem Kraftzentrum an der Spree", das auch der Wissenschaftler für ein Juwel hält. Vom Ostrower Damm, "dem Tuchrevier", wo allerdings zu leichtfertig mit der Substanz umgegangen wurde. Vom Jugendstiltheater und dem ganzen Viertel rund um den Schillerplatz.

Eine Ursache für das Dilemma der Stadtpromenade sieht Bayerl in der "Fetischisierung von Kaufhäusern". Wäre das Blechen-Carré am Brandenburger Platz entstanden, wäre die Stadtpromenade nicht zerstört, sondern die Stadtmitte vergrößert worden. Für ein sehr gelungenes Beispiel der Stadtentwicklung hält der Historiker hingegen das Osttor.

"Cottbus war für mich 'ne Zeitreise", gibt der Wissenschaftler zu und schwärmt vom "morbiden Charme der Hinterhöfe", die es Mitte der 90er-Jahre noch gab. Zu gern hätte er Cottbus während der DDR-Zeit gesehen. "Aber wenn man sich die Bilder von Erich Schutt anschaut, bekommt man ein Gefühl davon."

Von Ruhestand will Günter Bayerl nichts wissen: "Ich arbeite zu Hause weiter, werde weiter publizieren, Vorträge halten und mich nach einem Ehrenamt umschauen". Allerdings werde dabei genügend Zeit bleiben, um mit Ehefrau Christine durch die Lausitz zu streifen.

Zum Thema:
Günter Bayerl gibt u.a. die Reihe "Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt heraus", die bisher 41 Bände umfasst.Die zwei Zeit-Reise-Führer "Adelslandschaft, Indus trielandschaft, Zukunftslandschaft" und "Kultur-Landschaft im Zentrum Europas" sind kostenlos erhältlich bei der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.