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Gift im Grundwasser breitet sich weiter aus

Mitglieder des Umweltausschusses haben sich die Grundwasserbehandlungsanlage in der Parzellenstraße angeschaut.
Mitglieder des Umweltausschusses haben sich die Grundwasserbehandlungsanlage in der Parzellenstraße angeschaut. FOTO: Hering
Cottbus. Die Stadt Cottbus reagiert auf erhöhte Schadstoffwerte im Grundwasser. In Ströbitz dürfen Grundstückseigentümer ihre Brunnen nicht mehr nutzen. Die vor gut sechs Jahren eingerichtete Sperrzone wird größer. Sven Hering

Die Entscheidung ist gefallen: Weil das Gift im Grundwasser weiter zugenommen hat, wird die rund drei Kilometer lange Sperrzone, die vom Gelände des ehemaligen Potsdamer Chemiehandels in der Parzellenstraße bis nach Ströbitz reicht, ausgeweitet. Weitere Ströbitzer Grundstückseigentümer und Kleingärtner dürfen damit ihre Brunnen nicht mehr nutzen.

Bereits im vergangenen Jahr beobachteten die Umweltexperten im Cottbuser Rathaus einen besorgniserregenden Trend. Die Konzentrationen an sogenannten leichtflüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen LCKW im Grundwasser stieg an einigen Messpunkten in Ströbitz an. 20 Mikrogramm pro Liter sind zuletzt ermittelt worden, so der Cottbuser Umweltbeigeordnete Thomas Bergner (CDU). Der Grenzwert liegt bei zehn Mikrogramm.

Dabei hätte die Schadstoffbelastung eigentlich sinken müssen. Denn seit dem Jahr 2003 wird die Quelle des verseuchten Grundwassers, das Gelände des ehemaligen Potsdamer Chemiehandels in der Parzellenstraße, aufwendig saniert.

Rund 15 Tonnen LCKW-Schadstoffmasse sind seitdem aus dem Boden geholt worden, informierte Geologe Klaus Greulich in dieser Woche die Mitglieder des Umweltausschusses. Rund eine Million Euro kostet die Sanierung pro Jahr. 90 Prozent der Summe übernimmt das Land Brandenburg.

Ein positiver Effekt: Die ursprüngliche Schadstofffahne im Grundwasser hat keine Verbindung mehr zum Gelände des Chemiehandels. Sie ist eine Schadstoffwolke geworden. Doch warum werden die Messwerte in Ströbitz dennoch schlechter? Thomas Bergner hat eine Theorie. "Wir vermuten, dass es noch weitere Quellen gibt, die nichts mit dem ursprünglichen Chemiehandel zu tun haben."

So arbeitet die Stadt jetzt an zwei Fronten: Die neue Quelle muss gefunden und die Ursprungsaltlast beseitigt werden. Letzteres ist eine Mammutaufgabe. Denn nach Berechnungen des Ingenieurbüros lagern unter der Parzellenstraße insgesamt 51 Tonnen Säuren, Lösungsmittel, Insektizide, Farben und Lacke. Mit dem jetzigen Verfahren würde die Stadt noch rund 100 Jahre brauchen, um den Boden sauber zu bekommen.

So viel Zeit gibt es aber nicht. Denn das Förderprogramm zur Sanierung der Fläche läuft nur noch bis zum Jahr 2023. Danach wird der Geldhahn zugedreht. Die Stadt alleine kann das Vorhaben nicht stemmen. Umweltamtsleiter Stephan Böttcher sagt: "Wir stehen vor einer sportlichen Aufgabe."

Um mehr Tempo in die Sanierung zu bekommen, werden künftig zusätzliche Verfahren eingesetzt. So sollen laut Klaus Greulich Grundwasserzirkulationsbrunnen und Doppel-Injektionsbrunnen errichtet werden. Bei dem ersten Verfahren wird das belastete Grundwasser in etwa 20 Metern Tiefe entnommen, gereinigt und der Grundwasserleiter durchgespült. Durch Eingabe von Biosubstraten sollen die Schadstoffe zusätzlich mikrobiologisch abgebaut werden. Im Doppel-Injektionsbrunnen wird zunächst das Grundwasser-Schadstoff-Gemisch abgesaugt. Anschließend wird Luft in den Grundwasserleiter gepresst. Die aufsteigenden Luftblasen nehmen Schadstoffe aus dem Grundwasser auf. Dieses Gemisch wird abgesaugt und über Aktivkohlefilter gereinigt.

Ein Problem zeichnet sich allerdings ab. Bei beiden Verfahren muss die bestehende Infrastruktur, sprich Straßen, Geh- und Radwege auf dem Stadtring, zum Teil in Anspruch genommen werden. Selbst die Mittelinsel auf dem Stadtring ist nicht tabu.

Außerdem drängt die Zeit. In diesem Jahr soll die Planung stehen. Bis zum Jahr 2021 können die Brunnen arbeiten. Dann bleiben noch zwei Jahre, um die Nachsorge auf dem Grundstück zu regeln.

Zum Thema:
Eine Informationsveranstaltung zur Kontamination des Grundwassers in Ströbitz hat das städtische Umweltamt für den heutigen Donnerstag, 17 Uhr, in der Sportgaststätte "Auf Wacker", Zahsower Straße 12, organisiert. Dabei werden die betroffenen Grundstückseigentümer und Kleingärtner über das Verbot der Entnahme des Grundwassers informiert. Im nächsten Amtsblatt wird die Allgemeinverfügung dann laut Umweltamtschef Stephan Böttcher veröffentlicht. Damit tritt das Verbot offiziell in Kraft.