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| 16:09 Uhr

Alkohol, Übermut, Gruppendynamik
Gewalt im Freibad: So ist die Situation in der Lausitz

 Ein Massen-Streit im Düsseldorfer Rheinbad löste jüngst eine Diskussion über Aggressivität in Schwimmbädern aus. Der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister warnte, der Ton in Freibädern sei rauer geworden.
Ein Massen-Streit im Düsseldorfer Rheinbad löste jüngst eine Diskussion über Aggressivität in Schwimmbädern aus. Der Bundesverband Deutscher Schwimmmeister warnte, der Ton in Freibädern sei rauer geworden. FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Cottbus. Ruhestörungen, Schlägereien, Belästigungen – solche Vorfälle geschehen immer wieder mal in deutschen Freibädern. Die RUNDSCHAU geht der Frage nach, ob gewalttätige Auseinandersetzungen in Lausitzer Bädern an der Tagesordnung sind. Von Stephan Meyer

Erst kürzlich sind sich ein 13-jähriger deutscher Jugendlicher und ein 15-jähriger Syrer im Finsterwalder Freibad in die Haare gekommen. Eine verbale Auseinandersetzung endete mit Schlägen. Die Polizei musste hinzugerufen werden, um die Situation zu klären. Dass solche Vorfälle in den letzten Jahren zugenommen hätten, kann Torsten Marasus aber nicht bestätigen. Er arbeitet bei den Finsterwalder Stadtwerken und ist dort für die Leitung der  Bäder, sowohl der Schwimmhalle als auch des Freibads, zuständig. „Solche Vorfälle gab es auch in der Vergangenheit“, sagt er. „Ein zunehmender Trend ist hierbei nicht für uns erkennbar.“ Die Schwimmmeister der beiden Einrichtungen würden größtenteils als Respektpersonen angesehen. Doch wenn etwas passiert, sind es vorrangig jüngere Gäste und Jugendliche, die versuchen, die Grenzen auszuloten, weiß der Bäderleiter.

Bei kleineren Unstimmigkeiten reiche es oft aus, wenn das Aufsichtspersonal deeskalierend einwirke. Dabei werden zum Teil auch Hausverbote ausgesprochen. „Für deren Durchsetzung ist es in wenigen Fällen notwendig, die Unterstützung der Polizei anzufordern“, so Marasus. Das Personal ist angehalten, sachlich und ruhig auf die Gäste einzuwirken. In regelmäßigen Teambesprechungen werden solche Zwischenfälle besprochen und ausgewertet. Mindestens zwei Mitarbeiter sind als Aufsichtspersonal in den Bädern eingesetzt. Abhängig von der Gästezahl, insbesondere beim Freibad, werde mehr Personal eingesetzt.

Schwerpunkte sind das Tropical Islands und die Lagune

Eine statistische Erhebung zu Straftaten oder Polizeieinsätzen in Schwimmbädern gibt es nicht, teilt Lutz Miersch, Sprecher bei der Polizeidirektion Südbrandenburg, mit. Aus seiner Erfahrung heraus sagt er: „Rückblickend gab es in den letzten 30 Jahren immer mal wieder Vorfälle – jemand wurde angefasst, genötigt oder gestänkert.“ Meist würde die Polizei aber wegen Ruhestörung gerufen. Hier seien aber eher die Badeseen betroffen.

Wenn es zu aggressiven Auseinandersetzungen kommt, stecken dahinter in der Regel junge, heranwachsende Männer, erklärt Miersch. „Oft spielt Alkohol, Übermut oder Gruppendynamik eine Rolle dabei.“ Schwerpunkte, die sich in Südbrandenburg herauskristallisiert haben, sind vor allem das Tropical Islands in Krausnick und die Lagune in Cottbus. Das sei jedoch auf die Größe der Bäder zurückzuführen. „Dort gehen einfach sehr viele Menschen hin“, weiß Miersch.

 Die Lagune in Cottbus.
Die Lagune in Cottbus. FOTO: Jens-Uwe Gohr

Sexuelle Belästigungen sind selten

Ein absolut seltenes Phänomen seien sexuelle Belästigungen in Schwimmbädern. In den letzten acht Jahren habe es dahingehend nur sporadisch Anzeigen gegeben. Miersch kann jedoch nicht einschätzen, wie groß die Zahl der Vorfälle ist, die nicht zur Anzeige gebracht werden. Zum Beispiel weil das Opfer die Belästigung nicht öffentlich machen möchte. Wenn etwas schwerwiegend sei, werde es aber meist zur Anzeige gebracht, weil sich in diesen Fällen Angehörige unterstützend einschalten, so die Einschätzung des Polizeisprechers.

Auch wenn laut Miersch die Lagune unter Südbrandenburger Bädern einer der Polizeieinsatzschwerpunkte ist, kann Lagune-Geschäftsführer Ronald Kalkowski keine Tendenz feststellen, dass sich der Ton unter den Badgästen verschärft hätte. Er teilt die Einschätzung seines Finsterwalder Kollegen Torsten Marasus. Klar gab es in der Vergangenheit Vorfälle, doch zugenommen hätten sie nicht. Aber Kalkowski weiß, aggressive Gäste sind in Schwimmbädern schon ein Problem. „Ich höre in Seminaren und bei Treffen mit anderen Badbetreibern raus, dass das schon ein Thema ist.“ In der Lagune selbst ereignete sich der letzte Vorfall am 30. Juni. „Da haben sich Gäste gegenüber dem Schwimmmeister im Ton vergriffen, ihn beleidigt“, erklärt der Lagune-Geschäftsführer. Zügig hätten sie die Polizei angerufen und ihnen Hausverbot erteilt. Die Angestellten der Lagune zögern nicht lange. „Wir haben unsere Mitarbeiter dahingehend sensibilisiert, schnell die Polizei zu rufen“, sagt Kalkowski.

Friedlicher als in Berlin

Dass ein erhöhtes Gästeaufkommen und aggressives Verhalten in der Lagune in Verbindung stehen, verneint er. Das sei davon unabhängig. Was das Alter der Täter anbelangt, sagt er: „Wenn es zu Vorfällen kommt, stecken dahinter sowohl jüngere als auch ältere Gäste“. Das zeigt ein weiteres Beispiel. Ein Schwimmer habe sich auf einer Bahn so verhalten, als wäre er dort alleine. Dabei habe er andere Gäste im Vorbeischwimmen auch geschlagen. „Das war ein älterer Gast“, sagt  Kalkowski. Auch in diesem Fall wurde ein Hausverbot erteilt. Insgesamt seien es auch nach seiner Erfahrung eher jüngere, die sich auffällig verhalten.

Öfter sei es vorgekommen, dass sich Gäste erst im Nachhinein bei der Lagune gemeldet haben, wenn etwas passiert ist. Kalkowski schlägt daher vor, „sich sofort bei den Bademeistern zu melden, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt oder sie sich unwohl fühlen“.

Die Lagune werde nicht nur von Lausitzern frequentiert. Es kämen sogar jeden Sommer Gäste aus Berlin. Die bescheinigen Kalkowski immer wieder, das Bad sei „schön, angenehm, friedlich und nicht zu überlaufen“, im Gegensatz zu Bädern in der Hauptstadt.

 Besuchermagnet: das Tropical Islands.
Besuchermagnet: das Tropical Islands. FOTO: dpa / Bernd Settnik

Andere Wertevorstellungen

„99 Prozent unserer Gäste verhalten sich ordentlich“, sagt Michael Biener, Leiter der Schwimmbäder in Spremberg. Seine Einschätzung deckt sich ebenfalls mit der seiner Kollegen in Finsterwalde und Cottbus. Nur gelegentlich kommt es zu Vorfällen aggressiven Verhaltens. Bisher habe das Bäderpersonal alles gut regeln können. Polizeieinsätze habe es dort noch nie gegeben.  Probleme gebe es zum Teil mit Flüchtlingen, gibt Michael Biener zu. Er selbst habe vor nicht allzu langer Zeit einen 14-jährigen Flüchtling gerettet, der nicht schwimmen konnte. Einer seiner Freunde, der ebenfalls nicht schwimmen konnte, wollte Bieners Aufforderung, das Becken zu verlassen, nicht Folge leisten, sei laut und beleidigend geworden. So ein Verhalten müsse sich das Badpersonal nicht gefallen lassen, erläutert er. In solchen Fällen wird dann auch mal ein Hausverbot erteilt.

Auch hätten weibliche Angestellte schon Probleme gehabt, sich gegenüber Flüchtlingen durchzusetzen. Biener begründet das mit dem kulturellen Hintergrund jener Gäste. Sie würden sich nicht immer von Frauen etwas sagen lassen. Biener möchte die vereinzelten Vorfälle in den Spremberger Bädern nicht an den Nationalitäten seiner Gäste festmachen. Respektloses Verhalten komme nicht nur von ausländischen Besuchern. „Die Wertevorstellungen von Jugendlichen sind doch heute anders als früher“, erklärt er. Das sei nicht nur ein Problem in Bädern.

Überkochende Emotionen

Gänzlich entspannt scheint es im Lausitzbad Hoyerswerda zuzugehen. Matthias Brauer, Leiter Bad und Sauna, kann die Frage nach gewalttätigen Auseinandersetzungen im Bad nur verneinen. „Wenn wir in zehn Jahren ein Hausverbot erteilen müssen, dann ist das viel“, sagt Brauer. Damit sich keine „Betriebsblindheit“ einschleiche, werde das Personal regelmäßig geschult. Inhalt der Weiterbildungen sei auch das Thema Aggression und wie sich das Personal im Fall der Fälle gegenüber Gästen deeskalierend am besten verhält.

„Die Bäder sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft“, argumentiert Markus Wittich. Er ist Vorsitzender des Landesverbands Brandenburg/Berlin der Deutschen Schwimmmeister. „Wie zurzeit überall wird auch in den Bädern der Umgangston leider sehr viel rauer, mitunter gefährlich aggressiv.“ Bundesweit beklagen Schwimmmeister, dass sie immer mehr mit den Gästen diskutieren müssen, bevor diese eine Maßnahme des Personals akzeptieren, weiß Wittich. Von seinen Brandenburger Kollegen sind ihm derzeit nur die „üblichen verbalen Auseinandersetzungen“ mit den Gästen bekannt – vornehmlich an heißen und daher „gemütsstressigen“ Tagen. „Da kochen die Emotionen doch gerne auch mal über“, so der Schwimmmeister.

Viele Diskussionen wegen Shishapfeifen

Einen Trend, den der Verband der Deutschen Schwimmmeister beobachtet hat und der regelmäßig für Diskussionen mit den Gästen sorgt, sind Shishapfeifen. Die können die Badbetreiber nicht dulden, erklärt Wittich. „Unter anderem wegen der Brandgefahr auf vertrockneten Liegewiesen, und weil man nicht weiß, welche Substanzen geraucht werden.“ Da seien langwierige Diskussionen mit den Gästen vorprogrammiert.

Einen Punkt den Wittich in dem Zusammenhang bemängelt, ist der allgemeine Stellenabbau und den Fachkräftemangel in den Bädern. Die vorhandene Personaldecke sei so dünn, dass das Personal sich zeitlich nicht ausreichend um die Vorfälle kümmern könnte. Diese hätten dann mehr Zeit, sich negativ zu entwickeln. „Wenn man hier mehr Personal einsetzen würde, könnte man auf eventuelle Stresssituationen bereits bei Beginn entsprechend einwirken“, sagt Wittich. „Das würde vieles entschärfen.“