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| 18:47 Uhr

Gesundheit
Wartezeiten und Ärztemangel

 Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (l., SPD), Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), CTK-Geschäftsführer Götz Brodermann und Peter Noack, Vorstand der KV Brandenburg, beim Bürgerdialog.
Stadtverordnetenvorsteher Reinhard Drogla (l., SPD), Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), CTK-Geschäftsführer Götz Brodermann und Peter Noack, Vorstand der KV Brandenburg, beim Bürgerdialog. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Warum die Arztpraxen voll sind, obwohl genügend Mediziner in Cottbus arbeiten. Von Andrea Hilscher

Es ist paradox: Obwohl Cottbus rein rechnerisch mit Ärzten überversorgt ist, finden viele Patienten keinen Hausarzt mehr. Andere warten monatelang auf Facharzttermine oder nehmen lange Anfahrtswege bis nach Berlin oder Dresden in Kauf. Warum das so ist? Peter Noack, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung KV Brandenburg, und Götz Brodermann, Geschäftsführer des Carl-Thiem-Klinikums haben währen des neunten Bürgerdialogs Antworten gegeben. Vor rund 80 Zuhörern im Stadthaus zeigte Peter Noack zunächst, dass rein rechnerisch in Cottbus die Welt noch in Ordnung ist: In fast allen Fachrichtungen liegt die Versorgung mit Medizinern bei über 100 Prozent.  

„In Cottbus haben wir pro 429 Einwohner je einen ambulanten Arzt, das ist ein besseres Verhältnis als etwa in Berlin oder Hamburg“, so Noack. Auf 1316 Einwohner kommt jeweils ein Hausarzt – laut KV ein Spitzenwert in Brandenburg. Bei den Fachärzten liegt Cottbus mit 636 Einwohnern pro Facharzt ebenfalls an der Spitze Brandenburgs. „Wir wissen, dass es manchmal Probleme mit Arztterminen gibt“ sagt Peter Noack. „Aber laut einer Befragung müssen in Deutschand 83 Prozent aller Patienten weniger als einen Monat auf einen Termin warten. Das ist weltweit ein sehr guter Wert.“

„Warum“, so will ein Hausarzt aus dem Publikum wissen, „warum sagen mir dann immer mehr Menschen, dass viele Praxen überhaupt keine neuen Patienten mehr annehmen?“ Der Chef der KV hat dafür mehrere Erklärungsansätze: „Cottbus steht zwar in der Versorgungsstatistik brandenburgweit ganz vorn. Spree-Neiße aber liegt fast in allen Kategorien auf dem letzten Platz.“ Patienten, die im Cottbuser Umland nicht behandelt werden, drängen also in den städtischen Markt. Folge: Die Praxen behandeln 20 Prozent mehr Patienten als der Bundesdurchschnitt, viele Ärzte arbeiten mit 50 Wochenstunden bereits jetzt doppelt so viel, wie Gesundheitsminister Spahn gesetzlich vorschreiben möchte. Peter Noack wirft noch einen anderen Gedanken ein: „Unsere Praxen sind manchmal auch einfach deshalb so voll, weil Menschen hier sehr viel öfter zum Arzt gehen als anderswo in Europa üblich.“

„Die Gesundheitskompetenz ist erschreckend gesunken“, bestätigt Götz Brodermann, Geschäftsführer des Carl-Thiem-Klinikums. „Wenn ein Kind heute Fieber hat, landet es sofort beim Kinderarzt oder in der Notaufnahme. Früher haben die Eltern es erst mal mit Wadenwickeln probiert.“ Probleme mit dem Ärztenachwuchs, die die KV für den ambulanten Bereich erst für 2025 prognostiziert, kennt auch Brodermann an seinem Haus. In den vergangenen Jahren gab es auf fast 50 Prozent aller Chefarztposten Personalwechsel. „Bis auf Berlin gibt es heute schon bundesweit einen absoluten Fachkräftemangel bei Ärzten und in der Pflege“, so Brodermann. Er rechnet vor: Aktuell sind am CTK 323 Vollzeitkräfte beschäftigt, davon haben 21,7 Prozent nicht deutsche Wurzeln. Sie versorgen jährlich 44 000 Patienten. „Wären die Ärzte ohne deutsche Wurzeln weg, könnten wir nur noch 34 000 Patienten versorgen, müssten von 940 Betten 261 abbauen“, so Brodermann. Da auch viele der Chef- und Fachärzte nicht aus Deutschland stammen, müssten ganze Stationen geschlossen werden. Ebenso dramatisch sei die Lage bei den Pflegekräften. OB Holger Kelch: „Wir als Stadt sind uns des Problems bewusst. Uns ist klar: Wir müssen auf ausländische Kräfte zugehen, sonst können wir die Pflege von Alten und Kranken nicht mehr stemmen.“