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| 02:33 Uhr

Geschickte Eichen mit dicken Bäuchen

Baumbesichtigung in der Schwanstraße: v.l. Daniela Siemoneit-Goerke, Sarah Bullmann, Stefanie Sonntag, Thomas Bergner, Jörg Lohmann und Dora Liersch.
Baumbesichtigung in der Schwanstraße: v.l. Daniela Siemoneit-Goerke, Sarah Bullmann, Stefanie Sonntag, Thomas Bergner, Jörg Lohmann und Dora Liersch. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Sie sind etwas ganz Besonderes und doch besonders gut versteckt: Die wintergrünen Eichen in der Schwanstraße bilden ein grünes Spalier in der schmalen Einbahnstraße. Eine solche Allee gibt es in ganz Ostdeutschland kein zweites Mal. Peggy Kompalla

Heimatforscherin Dora Liersch kennt und liebt die Allee in der Schwanstraße. "Das war mein alter Schulweg", erzählt die 75-Jährige mit einem Lächeln. Sie räumt auch gleich mit dem Missverständnis auf, dass die Bäume immergrün wie Nadelbäume seien. Sie betont: "Sie sind wintergrün." Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn die Eichen werfen - wie es sich für einen ordentlichen Laubbaum gehört - ihre Blätter ab. Allerdings machen sie es nicht wie die Mehrheit. Sie werfen ihr Blattwerk nicht im Winter ab, sondern tragen es bis zum Blattaustrieb im Frühjahr. "Das machen sie so geschickt, dass es kaum auffällt, weil sich das frische Blatt gleich nachschiebt", sagt Dora Liersch. Der unaufmerksame Beobachter könnte also tatsächlich glauben, dass sie ihre Blätter immer tragen.

Die Heimatforscherin weiß natürlich auch Näheres über die Geschichte der Bäume, die Anfang des 20. Jahrhunderts gepflanzt wurden. Im Jahr 1906 hatte der Stadtrat beschlossen, so erzählt sie, 27 wintergrüne Eichen am Altmarkt zu pflanzen. Es gebe sogar Postkarten, die das belegen. "In diese Zeit muss auch die Bepflanzung in der Schwanstraße fallen", mutmaßt sie. Möglicherweise wurden die Bäume vom Wissenschaftler und Wohltäter Clemens Ruff (1845 bis 1915) beschafft. "Es ist anzunehmen, dass er daran beteiligt war", sagt Dora Liersch. Denn der Gönner der Stadt ließ sich um 1900 in der Schwanstraße 10 eine Villa errichten.

Die Eichen sind besonders frostempfindlich, erklärt der Baumsachverständige Jörg Lohmann. Denn sie sind eine Kreuzung aus der Stiel-Eiche und der mediterranen Stein-Eiche. Lohmann ist sich sicher, dass der geschützte Standort für das lange Leben der Allee gesorgt hat. "In dieser Vollständigkeit und in diesem Alter gibt es wintergrüne Eichen kein zweites Mal in ganz Ostdeutschland", sagt er. "Das ist meine Lieblingsallee. Sie ist klein und versteckt." Doch leider seien die Bäume durch die Enge der Straße auch gefährdet. Die Veredlungsstellen, die wie dicke Bäuche in die Straße hereinragen, werden gelegentlich von großen Fahrzeugen gerammt.

Die Stadt weiß um die empfindlichen Schützlinge. Umweltamtsleiter Thomas Bergner erklärt: "Einen einst geplanten grundhaften Ausbau der Straße haben wir nicht zugelassen." Auch bei der Verlegung von Wasserleitungen vor einigen Jahren mussten die Bauleute besondere Vorsicht walten lassen. Mittlerweile schützen die meisten Bäume Metallbügel, damit ihnen parkende Autos nicht allzu nahe rücken. Dora Liersch wünscht sich, "dass die entstandenen Lücken in der Allee wieder gefüllt werden".

Zahlen & Fakten
20 wintergrüne Eichen bilden in der Schwanstraße eine Allee. An dem geschützten Standort konnten die frostempfindlichen Bäume etwa 110 Jahre alt werden.

Weitere Standorte: Mehrere Exemplare finden sich im Wendischen Viertel in der Klosterstraße und zwei im Brunschwigpark. Im Jahr 2003 wurde eine Baumreihe entlang der Wernerstraße gepflanzt.

Der lateinische Name der wintergrünen Eiche lautet Quercus turneri. Es handelt sich um eine Kreuzung von Stiel-Eiche und Stein-Eiche. Sie sind damit Hybride.

Die wintergrünen Eichen in der Schwanstraße haben dicke Wülste in etwa zwei Metern Höhe. Das sind die Veredlungsstellen, wo die Pflanzen aufgepfropft wurden. Im Oktober 1981 wurden sie unter Naturschutz gestellt.

Die Eichen tragen auch Früchte, doch ist es bislang noch niemandem gelungen, daraus neue wintergrüne Eichen zu ziehen. Selbst der Cottbuser Baumfachmann und frühere Stadtförster Manfred Rescher ist daran gescheitert. Im Heimatkalender aus dem Jahr 2003 verrät er: "Ich selbst habe keinen Sämling über drei Winter durchgekriegt."

Der Engländer S. Turner hat schon um 1870 winterfeste Eichen durch Pfropfung vermehrt.