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| 14:18 Uhr

Geschäftsidee
Neues Sozialkaufhaus öffnet in Sachsendorf seine Türen

Wilhelm Töller (l.) und Rainer Kern feiern die Eröffnung des Sozialkaufhauses in der Thierbacher Straße
Wilhelm Töller (l.) und Rainer Kern feiern die Eröffnung des Sozialkaufhauses in der Thierbacher Straße FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. Ehemaliger Kapitän will Gutes tun – und Geld verdienen.

Rainer Kern (57) ist sichtlich aufgeregt. Die meiste Zeit seines Lebens hat der Cottbuser auf dem Meer verbracht, als Kapitän der Handelsmarine. Jetzt wird er von seinen Eltern gebraucht, muss sich auf dem Festland eine Existenz aufbauen. Vor einem Jahr ist er auf die Idee der „Help 2007“-Sozialkaufhäuser gestoßen, ein bundesweit agierendes Franchise-System. Kern bewarb sich übers Internet, konnte am Dienstag tatsächlich ein Kaufhaus in der Thierbacher Straße in Sachsendorf eröffnen. 430 Quadratmeter groß, früher Sitz einer Videothek. Jetzt stehen gebrauchte Sofas und Schränke neben alten Waschmaschinen, Hausrat und Second-Hand-Kleidung. Kindersachen ab 50 Cent, die Winterjacke gibt es für drei Euro. Stühle kosten fünf, ein alter Büroschreibtisch immerhin stolze 80 Euro.

Neugierig streifen schon am frühen Morgen die ersten Kunden durch das neue Kaufhaus, Fragen bei den Verkäufern nach Lieferbedingungen, Ratenzahlung und der Möglichkeit, Sachen ein paar Tage zurückzulegen. „Dann ist wieder Geld auf dem Konto“, sagt eine junge Mutter, sie liebäugelt mit einer Waschmaschine. Nach einem Berechtigungsschein oder Einkommensnachweis wird sie hier nicht gefragt, im Sozialkaufhaus darf jeder einkaufen. „Wir bekommen auch keinerlei Fördermittel“, beteuert Wilhelm Töller, Geschäftsführer und Gründer des gemeinnützigen Vereins „Help 2007“ und der gleichnamigen Holding. Vor zehn Jahren hat der Münsteraner das erste Sozialkaufhaus in Magdeburg eröffnet. Mittlerweile gibt es 18 Läden in ganz Deutschland, die mit einer ganz eigenen Mischung aus Wohltätigkeit und Geschäftssinn geführt werden.

„Hier die Balance zu finden, ist das Geheimnis“, sagt Töller. Die Grundidee der „Help“-Geschäfte: In den Läden werden Dinge verkauft, die irgendwo überflüssig geworden sind. „Sachspenden“ nennt Töller sie, gibt aber zu, dass viele dieser diesen Spenden eigentlich auf den Sperrmüll oder in die Altkleidersammlung gehören. „Wir schauen uns die Sachen vor Ort an. Was noch für den Verkauf taugt, transportieren wir kostenlos ab. Für die Entsorgung der anderen Dinge nehmen wir eine kleine Gebühr.“

So landen ausrangierte Möbel, Kleidung und Hausrat in den Läden. Transport und Verkauf übernehmen Langzeitarbeitslose, die zunächst auf Stundenbasis angestellt werden. Läuft der Laden, kann eine Vollzeitstelle daraus werden. In Sachsendorf stehen aktuell fünf Verkäufer im Geschäft, vier von ihnen kommen aus der Arbeitslosigkeit. „Sie können sich bei uns wieder an einen strukturierten Tagesablauf gewöhnen, Mindestlohn ist garantiert“, sagt Töller. „Help2007“ stattet Obdachlose kostenlos mit Decken und Kleidung aus, Frauen in Not bekommen zinslose Darlehen für ihre Wohnungseinrichtung. Die Erlöse aus dem Verkauf der Waren gehen, nach Abzug von Unkosten und Franchise-Gebühren, an den Geschäftsinhaber Rainer Kern.  

(hil)