| 02:44 Uhr

Geschäft mit der Not oder gut gemeintes Angebot

Wer in der Region als Kassenpatient einen Termin beim Augenarzt will, muss Geduld haben.
Wer in der Region als Kassenpatient einen Termin beim Augenarzt will, muss Geduld haben. FOTO: fotolia
Cottbus. Eine Cottbuser Augenärztin soll Kassenpatienten für Geld schneller behandelt haben. Das weist sie nun zurück. Extrem langes Warten auf einen Termin beim Augenarzt zeigt, wie realitätsfern Fachärztebedarf geplant werden kann. Simone Wendler / sim

Sven Sch. (Name geändert) hatte etwa ein Dutzend Augenarztpraxen in der Region angerufen. Er brauchte eine Kontrolluntersuchung. Doch kein niedergelassener Augenarzt, bei dem er anfragte, wollte dem Kassenpatienten einen Termin geben. Überall hieß es nur: "Wir nehmen keine neuen Patienten mehr auf."

In einer Cottbuser Augenarztpraxis wurde ihm von der Sprechstundenhilfe jedoch ein Ausweg angeboten. Wenn er 50 Euro mitbringe, könne er in drei Wochen kommen, als "Premium-Patient". Sven Sch. will bezahlen: "Was bleibt mir weiter übrig."

Die Praxis mit dem "Premium"-Angebot steht seit einer Woche wegen solcher Angebote in der öffentlichen Kritik. Auch Helga T. (Name geändert) hat als Kassenpatientin nach eigenen Angaben dort kürzlich bezahlt. Weil sie immer schlechter sah, bat sie um einen Untersuchungstermin. Die Sprechstundenhilfe habe sie dann vor die Wahl gestellt: 85 Euro mitbringen oder ein Termin in einem Jahr.

Die Kassenpatientin zahlte, habe jedoch trotz ausdrücklicher Bitte weder Quittung noch Rechnung bekommen. Bei der Untersuchung wurde ein grauer Star festgestellt und sie zur Operation geschickt.

Privattermine mit Rechnung

Die betroffene Augenärztin wehrt sich nun gegen solche Vorwürfe in einer Stellungnahme an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Brandenburg, die der RUNDSCHAU vorliegt. Mit rund 3000 Kassenpatienten pro Quartal und einer 50 bis 60 Stunden-Arbeitswoche behandle sie weit überdurchschnittlich viele gesetzlich Versicherte. Einen Teil davon wegen der großen Gesamtzahl schon mit abgesenktem Honorar. Weitere Kassenpatienten könne sie deshalb nicht aufnehmen.

Von einem "Termin-Verkauf" könne bei ihr jedoch keine Rede sein. "Ich biete Kassenpatienten, die unbedingt einen Termin wollen, eine Behandlung in meiner Privatsprechstunde am Mittwochnachmittag oder Samstag an", sagt die Medizinerin. Nach der Gebührenordnung koste eine Augenuntersuchung etwa 50 Euro. Daher käme diese Zahl. Ein Cottbuser, der dieses Angebot annahm, bestätigt, an einem Mittwochnachmittag behandelt worden zu sein und eine Rechnung bekommen zu haben.

Keine Unterschrift geleistet

Die gez ahlten 85 Euro von Helga T. kann sich die kritisierte Augenärztin nur mit einer IGEL-Leistung erklären. Das sind Untersuchungen und Behandlungen, die die Kasse nicht bezahlt. Darüber muss der Patient aber aufgeklärt werden und eine Unterschrift leisten. Helga T. versichert jedoch, dass sie nichts unterschrieben habe und von Zusatzleistung keine Rede gewesen sei .

Der Pressereferent des Berufsverbandes Deutscher Augenärzte, Dr. Georg Eckert, stärkt der Cottbuser Augenärztin den Rücken: "Die Kollegin ist intensiv kassenärztlich tätig. Wenn sie zusätzlich Kassenpatienten privat versorgt, ist das kein Problem und völlig legal."

Wie viel ein Kassenarzt arbeiten muss, ist nur sehr ungenau geregelt. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Brandenburg, die den Vorwürfen gegen die Cottbuser Augenärztin nachgeht, sind mindestens 20 Stunden öffentliche Sprechstunde pro Woche vorgeschrieben. Und der Kassenarzt soll seine Leistung so anbieten, "dass der Behandlungsbedarf abgedeckt wird".

Wie er das ausgestaltet, sei seine Entscheidung. "Wir können nur diese Öffnungszeiten kontrollieren", räumt KV-Sprecher Ralf Herre ein. Und er erklärt, warum es eigentlich gar keine Probleme mit Augenarztterminen geben dürfte. Theoretisch jedenfalls.

Denn auf dem Papier sind genug niedergelassene Augenärzte vorhanden. Grundlage dafür ist die "Bedarfsplanung" des gemeinsamen Bundesausschusses, die Gesetzescharakter hat. Die erfasst für das Einzugsgebiet eines Kassensitzes die Einwohnerzahl, die statistische Häufigkeit, mit der ein bestimmter Facharzt benötigt wird und einen demografischen Faktor.

Laut dieser Planung ist Cottbus mit elf niedergelassenen Augenärzten sogar "überversorgt". Warum Kassenpatienten trotzdem monatelang auf einen Termin warten müssen, kann Herre nur vermuten. Eine Ursache könne der überdurchschnittlich hohe Anteil alter Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung sein. "Das gleicht der Demografiefaktor nicht aus", sagt der KV-Sprecher. Ältere Menschen gingen aber überdurchschnittlich oft zum Augenarzt.

Ein anderes Problem sieht Herre im Trend ambulanter Augenoperationen. In manchen Praxen mache das Operieren inzwischen bis zu 80 Prozent der Tätigkeit aus. Wer operiert, könne jedoch nicht gleichzeitig Patienten konservativ behandeln. In der Bedarfsplanung werde das aber nicht unterschieden. Praxis sei da gleich Praxis.

Dass allein eine Niederlassungserlaubnis für weitere Augenärzte die Probleme nicht lösen würde, zeigen Finsterwalde und Elsterwerda. Dort sind Augenarztpraxen nicht besetzt. Seit Monaten gelingt es der KV nicht, Mediziner dort hinzulocken.

D ass auch im sächsischen Teil der Lausitz das Thema Augenarzttermin und damit verbundene Geldforderungen nicht unbekannt ist, zeigt ein anderer Fall. Ein Kassenpatient, der im September in einer Praxis im Landkreis Görlitz nach einem Termin fragte, sei nach seiner Schilderung vor die Alternative gestellt worden, im Dezember zu kommen oder am nächsten Tag mit 40 Euro .

Anzeige wegen Nötigung

Auch diese Augenärztin bestreitet gegenüber der RUNDSCHAU eine Verknüpfung von Terminvergabe und Geldzahlung: "Das schließe ich aus." Sie sei auf Monate ausgebucht, Patienten mit akuten Problemen würden aber immer behandelt: "Die müssen dann warten."

Eine Zahlung von 40 Euro konnte sich die sächsische Augenärztin nur für die Glaukomvorsorge, eine nicht von der Kasse bezahlte IGEL-Leistung, vorstellen. Dazu sei aber kein Patient verpflichtet. Dass sie Kassenpatienten privat behandele wie die Cottbuser Kollegin, käme bei ihr höchst selten vor.

Der Patient, der die nach seiner Schilderung in ihrer Praxis geforderten 40 Euro nicht bezahlen wollte, fuhr zur augenärztlichen Notarztvertretung nach Görlitz. Auf ein Beschwerdeschreiben an die KV Sachsen habe er nur "eine dumme Antwort" bekommen. Er ließ die Sache aber nicht auf sich beruhen und stellte Strafanzeige wegen Nötigung. Jetzt prüft die Staatsanwaltschaft Görlitz den Fall. Die Staatsanwaltschaft Cottbus hat wegen der mit Vorwürfen belasteten Cottbuser Augenärztin Vorermittlungen einleitet. Ob daraus offizielle Ermittlungen werden, wird vor allem davon abhängen, ob sich Zeugen bei der Ermittlungsbehörde melden.

Zum Thema:
Eine nahe Verwandte der kritisierten Cottbuser Augenärztin betreibt in einem Nebenraum der Praxis einen Shop für rezeptfreie Augentropfen und -pflegeprodukte. Patienten schildern, dass ihnen dort im Zusammenhang mit Arztkonsultationen Produkte verkauft worden seien, ohne auf alternative Erwerbsmöglichkeiten (Apotheke) hinzuweisen.Laut Landesärztekammer Brandenburg ist eine solche gewerbliche Tätigkeit Medizinern nur erlaubt, wenn sie organisatorisch, räumlich, zeitlich und rechtlich getrennt von der ärztlichen Tätigkeit erfolgt. Ob das eingehalten werde, könne nur durch Prüfung jedes Einzelfalles ermittelt werden. sim