Eine Szene, beobachtet vor wenigen Tagen am Postparkplatz mitten in der Cottbuser Innenstadt: Ein Pärchen schlendert den Fußweg in Richtung Hochhaus entlang. Plötzlich hält die Frau zwei Finger in die Luft. Das Zeichen ist für eine andere Frau, die im Schutz des Mehrgeschossers ausharrt, das erhoffte Signal. Sie verschwindet. Allerdings nur kurz, dann kehrt sie mit zwei Stangen Zigaretten zurück. Das Geschäft hat geklappt. Nur ein Steinwurf vom Rathaus entfernt haben soeben wieder einige Hundert unverzollte Billig-Kippen den Besitzer gewechselt.

33 Millionen Zigaretten waren es in Berlin und Brandenburg im Jahr 2011, ein Jahr später sogar 35 Millionen, sagt Norbert Scheithauer, Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg. Vor ein paar Monaten hat Andreas Behnisch vom Hauptzollamt Frankfurt/Oder die Cottbuser Stadtverordneten über das illegale Treiben informiert. Seitdem hat sich an den acht bekannten Umschlagplätzen in der Stadt kaum etwas verändert. Zwar würden dem Zoll mit Testkäufen durch Ermittler in Zivil Nadelstiche gegen die Schmuggler gelingen, sagt Behnisch. "Doch damit erreichen wir nur einen kurzzeitigen Verdrängungseffekt", gibt er zu.

Besonders beliebt bei den Käufern von illegalen Zigaretten ist die Marke Jin Ling, was übersetzt gelbe Bergziege bedeutet. Das Ziegen-Logo und die gelbe Verpackung sollen an das "Camel"-Kamel erinnern, sagt Norbert Scheithauer. Regulär würden diese Zigaretten in einer Fabrik in Kaliningrad hergestellt. "Dafür wird ganz guter Tabak verwendet", sagt der Zollsprecher. Wenn man das Original erwische. Eine Stange koste in der Herstellung etwa 1,20 Euro. "Verkauft wird sie dann für 22 Euro - eine enorme Gewinnspanne", so Scheithauer. Das rufe die organisierte Kriminalität auf den Plan.

Dem Zollfahndungsamt sind ebenfalls zahlreiche Untergrundfabriken bekannt, in denen Jin Ling, aber auch bekannte Markenprodukte kopiert werden. "Alleine in Polen haben wir 14 derartige Fabriken festgestellt", erklärt Scheithauer. Diese würden oft in leerstehenden Agrarhallen eingerichtet. In einem vor wenigen Tagen abgeschlossenen Strafverfahren vor dem Landgericht Berlin, bei dem ein 43-Jähriger wegen gewerbs- und bandenmäßigen Schmuggels und Steuerhinterziehung zu neun Jahren Gefängnis verurteilt worden ist, sind auch Details zum Produktionsprozess ans Licht gekommen. Danach gelangte der Tabak von Brasilien und den Vereinigten Arabischen Emiraten über Litauen nach Polen. Dort würden Zigaretten von zweifelhafter Qualität hergestellt. "Rattenkot, geschredderte CDs oder Glassplitter sind schon darin gefunden worden", sagt Norbert Scheithauer. Von den Schadstoffen ganz zu schweigen.

Den Konsumenten sei das bewusst - und egal, weiß Scheithauer aus Gesprächen mit ertappten Käufern. "Die meisten sagen sich: Hauptsache der Preis stimmt."