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| 17:46 Uhr

Cottbus
Wenn Steine reden würden

Diplomgeologe Wolfgang Köbbel zeigt, wo der Warthauer Sandstein am Cottbuser Theater verbaut wurde.
Diplomgeologe Wolfgang Köbbel zeigt, wo der Warthauer Sandstein am Cottbuser Theater verbaut wurde. FOTO: LR / Nils Ohl
Cottbus. Aus wie vielen Millionen Steinen die Stadt Cottbus erbaut ist, hat bisher noch niemand gezählt. Doch jeder dieser Steine besitzt seine eigene Historie. Wenn man sie entziffert, kann man anhand der Fassaden in der Cottbuser Innenstadt zu einer Reise durch fast zwei Milliarden Jahre der Erdgeschichte aufbrechen. Von Nils Ohl

„Das wir so etwas in Cottbus haben, ist phantastisch“, freut sich Wolfram Köbbel. Der Cottbuser ist Leiter des hiesigen Arbeitskreises Natursteine und zeigt auf die rot-weiß gemusterten Säulen am Eingang einer Villa in der Cottbuser Inselstraße, die heute von der Reha Vita genutzt wird. „Das ist Rochlitzer Porphyr, auch sächsischer Marmor genannt. Die weißen Adern, die den Stein durchziehen, das sogenannte Steinmark, hat man im Mittelalter aus dem Gestein gekratzt und für medizinische Zwecke verwendet.“

Der Rochlitzer Porphyr ist mit seinen 275 Millionen Jahren geologisch gesehen ein Jüngling. Das wohl älteste Gestein findet sich ausgerechnet an einem noch sehr jungen Gebäude im Schlosskirchquartier. Dort ist an einer Fassade Indisches Migmatit verbaut – mit einem Alter von 1,8 Milliarden Jahren stammt es aus dem Präkambrium. In dieser Epoche entstand das Leben auf der Erde, wenn es auch längst noch keine Pflanzen oder Tiere gab, sondern nur Bakterien und Einzeller.

Der Weg von der Schlosskirchstraße zum Rathaus entspricht einem Zeitsprung von rund 1,2 Milliarden Jahren. Ziel sind die Säulen am Rathauseingang. Sie bestehen aus Lausitzer Granit, der im Kambrium vor zirka 540 Millionen Jahren entstand. Damals gab es immer noch kein Leben an Land, aber im Meer tauchten erstmals komplexe vielzellige Lebewesen auf – die Vorläufer der heutigen Pflanzen und Tiere. Der Stein kommt aus der sächsischen Oberlausitz und wurde schon in der Bronzezeit zu Mühlsteinen verarbeitet, im Mittelalter nutzte man ihn für Taufbecken und Grabsteine. Das ist beachtlich, denn dieser Granit ist sehr hart und schwer zu bearbeiten. Der industrielle Abbau begann um 1845/46, weil da die Eisenbahnlinie Dresden-Bautzen entstand und die Steine nun kostengünstig transportiert werden konnten. In den sächsischen Großstädten Dresden, Chemnitz und Leipzig wurden sie gern verwendet, beispielsweise als Pflastersteine. Auch viele Berliner bewegen sich noch heute täglich auf Trottoirplatten aus Lausitzer Granit. Selbst für Denkmäler war es nicht zu schade, wie an der Basis des Denkmals für König August II. von Sachsen direkt gegenüber der Frauenkirche.

Das nächste Lausitzer Gestein findet sich in Steinwurfweite des Rathauses am Eingang der Cottbuser Stadthalle. Der ist mit Lausitzer Lamprophyr verkleidet. Ein Gestein, das im Devon vor rund 400 Millionen Jahren aus Magma in großer Tiefe entstanden ist. „Das sind Gänge im Oberlausitzer Granit von einem Millimeter bis hundert Meter Mächtigkeit, die lassen sich dann abbauen“, erklärt Köbbel. Im Devon sah die Erde den heutigen Verhältnissen schon etwas ähnlicher. Damals lag zwar das heutige Südamerika am Südpol, aber es war die Blütezeit der Fische. Berühmt sind beispielsweise die Quastenflosser. Mit den Amphibien verließen in dieser Epoche die ersten Wirbeltiere das Wasser. Auf dem Land standen die ersten echten Wälder aus Farnen und Bärlappen, selbst Insekten stiegen schon in die Luft.

Doch zurück zur Reha Vita und damit ins Perm. Das Perm war eine vulkanisch sehr aktive Zeit. Recht bekannt ist der Zeisigwald-Vulkan bei Chemnitz, dessen Ausbruch die berühmten versteinerten Bäume hinterließ. Ein anderer Vulkan erhob sich an der heutigen Mulde bei Rochlitz. Er gab riesige Aschemengen ab, die den Rochlitzer Berg formten. Das beliebte Baumaterial ist also der Tuff, das heißt die verfestigte Asche dieses Vulkans. Rochlitzer Porphyr wurde schon lange vor unserer Zeitrechnung vom Menschen verwendet, zum Beispiel für Mahlsteine zum Zerreiben von Getreide. Ab dem Mittelalter begann für den „sächsischen Marmor“ die große Zeit als Baustoff. Mit ihm wurden Kirchen, Schlösser und Rathäuser errichtet. Die Cottbuser Reha Vita Gebäude befinden sich in so prominenter Gesellschaft wie dem Leipziger Alten Rathaus, der Augustusburg, dem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen oder der Stadthalle Chemnitz. Wobei dieser Stein nicht nur als Baumaterial Verwendung fand. Gemahlener Porphyr spielte in der Pharmazie eine Rolle, wo er bei Darmrissen, Blutauswurf, Koliken oder Vergiftungen helfen sollte. Fein gemahlenen Rochlitzer Porphyrtuff verwendete man auch für die Aschenbahn der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Das Perm endete mit einem dramatischen Klimawandel, rund 96 Prozent aller Meeresbewohner und 75 Prozent der Landlebewesen starben aus. Doch im Perm tauchten auch erstmals jene Reptilien auf, aus denen sich später die Säugetiere entwickelten.

Im darauf folgenden Trias begann die Blütezeit eines anderen Reptilienzweiges - der Dinosaurier. Und wir begeben uns zum ehemaligen Gebäude der Bundesbank in der Ewald-Haase-Straße, jetzt Sitz des Unternehmens IBAR. „Das Haus wurde in den 90er-Jahren kurz nach der Wiedervereinigung gebaut. Der Architekt sollte nur ostdeutsche Materialien verwenden“, weiß Wolfram Köbbel. „Deshalb findet sich hier Granit aus dem Harz, Seibis Pikrit und Saalburg Rot aus Thüringen.“ Ebenfalls aus Thüringen ist der Oberdorlaer Muschelkalk als Fassadengestein. Er entstand vor etwa 240 Millionen Jahren. Zu erwähnen ist, dass der offizielle geographische Mittelpunkt des wieder vereinigten Deutschland genau am Ursprungsort des Oberdorlaer Muschelkalkes liegt. Zur Würdigung dieser Tatsache wurde im Februar 1991 am auf den Meter ausgemessenen Punkt zwischen den Orten Ober- und Niederdorla eine Linde gepflanzt.

Der nächste Punkt auf dem Streifzug durch Cottbus ist das Staatstheater. „Auf einem Sockel aus Granit hat man hier 1907 Warthauer Sandstein aus Schlesien gesetzt“, erklärt Köbbel. „Später gab es dann viele Umbauten und Reparaturen, wo auch sächsischer Sandstein oder Beton zum Einsatz kamen.“ Deshalb sei es gar nicht so leicht, das ursprüngliche Material zu finden. „Aber man kann den sächsischen vom Warthauer Sandstein mit einem geübten Blick unterscheiden, weil der sächsische Sandstein Wühlstrukturen aufweist - Reste der Aktivitäten von Muscheln, Schnecken oder Würmern“, so Köbbel. Warthauer Sandstein war in preußischen Zeiten ein beliebter Baustoff – er fand im Neuen Palais in Potsdam genauso wie im Reichstag Verwendung. Er ist knapp 100 Millionen Jahre alt und entstand in der Kreidezeit, an deren Ende die Dinosaurier ausstarben.

Mit dem Aussterben der Dinosaurier gab es Raum für neue Arten, vor allem für Säugetiere – und damit auch für den Menschen. Das führt zum vorletzten Punkt des Stadtrundgangs: dem Enke-Brunnen am Breitscheidplatz. Sein Material ist Thüringer Travertin, ein Kalkstein. Der Thüringer Travertin ist mit weniger als 2,5 Millionen Jahren ein echter Jüngling unter den Gesteinen und wird dem Quartär zugerechnet. Während Kalkstein üblicherweise durch Meeresablagerungen entsteht, bildet sich Travertin in kalkhaltigem Süßwasser. Er enthält deshalb ganz andere Fossilien. In den Thüringer Travertinsteinbrüchen werden daher immer wieder bedeutende archäologische Funde gemacht – wie in Weimar Ehringsdorf, wo im Travertin sogar Überreste von frühen Neandertalern, ihren Feuerstellen und Beutetieren gefunden wurden. Als beliebter Baustein wurde Travertin schon früh genutzt: Für Schlösser, Burgen, Postmeilensäulen aber auch in Bauern- und Bürgerhäusern. Später fand er im Rathaus Berlin-Charlottenburg und in der DDR-Zeit beim Bau der Stalinallee Verwendung.

So wie der Rundgang mit einem alten Stein an einem jungen Gebäude startete, endet er mit einem jungen Stein an einem alten Gebäude: Der Klosterkirche.  In diesem ältesten Sakralbau der Stadt sind in Teilen der Außenmauer Raseneisenerzsteine verbaut. Die sind 9000 bis 4500 Jahre jung, stammen aus Brandenburg und entstehen bei eisenhaltigem Grundwasser. Weil Raseneisenerz viel leichter zu finden und abzubauen geht, als Erzablagerungen im Gestein, wurde es von Beginn der Eisenzeit über das Mittelalter bis hin zum Dreißgjährigen Krieg zur Eisengewinnung benutzt. Als Baustein wurde er einst, im ansonsten eher steinarmen Norddeutschand, sehr gern für Fundamente und Mauern verwendet. Teilweise wurde er – wie im Wörlitzer Park oder im Neuen Garten Potsdam – auch wegen seines rustikalen Aussehens gern für dekorative Gartenbauwerke eingesetzt.