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| 02:33 Uhr

Generation Praktikum – Der Selbstversuch

Margarethe Köhler (links) sammelte auch bei der RUNDSCHAU als Praktika-Erfahrung. Hier recherchierte sie auf einer Bildungsmesse in Cottbus.
Margarethe Köhler (links) sammelte auch bei der RUNDSCHAU als Praktika-Erfahrung. Hier recherchierte sie auf einer Bildungsmesse in Cottbus. FOTO: Helbig/mih1
Cottbus/Altdöbern. Wie geht es nach der Schule weiter? Vor der Frage stand Margarethe Köhler. Die Abiturientin hat sich aber nicht gleich für eine Ausbildung oder ein Studium entschieden, sondern ihre Wunschberufe vorher ein Jahr lang auf Herz und Nieren getestet. In der RUNDSCHAU schreibt die Altdöbernerin über diese Erfahrung.

Es gibt zwei Sorten von Schülern: die, die schon seit Kindheitstagen wissen, was sie werden wollen und die, die sich jedes Halbjahr umentscheiden und nach dem Abi erst mal nach Neuseeland reisen. Dazwischen befindet sich eine breite Grauzone. Dort finden sich die Planlosen, die Optimistischen oder die Es-Ist-Noch-So-Lange-Zeit-Erstmal-Abi-Machen-Schüler. Irgendwo dazwischen befand auch ich mich. Eigentlich hatte ich immer einen ausgeklügelten Plan in der Tasche, doch nie auf Dauer. Und auf einmal war es da, das letzte Schulhalbjahr. Was streng genommen keines mehr war, da es lediglich aus vier Monaten bestand. In dieser Zeit warteten eine mündliche Englisch-Prüfung, diverse freiwillige Notenverbesserungsmaßnahmen sowie zu guter Letzt die Abiturprüfungen auf mich. All dies musste gewissenhaft erledigt werden und dann stellt sich wohl jeder Schüler die Frage: "Und jetzt noch Bewerbungen schreiben? Jetzt noch Vorstellungsgespräche führen? Ach und womöglich noch eine Wohnung suchen?"

Wobei wir wieder am Anfang wären. An diesem Punkt entschließt sich der gefühlte halbe Jahrgang dazu, fürs Erste eine Auszeit zu nehmen. Die meisten fliegen viele Stunden, um an dem Ort ihrer Träume zu sein. Die Eltern zuhause machen work, ihre Schützlinge in Neuseeland, Australien, Amerika, Timbuktu ziehen travel vor. Manch einer bleibt jedoch in der Heimat und absolviert ein Freiwilliges soziales oder soziales Jahr (FSJ/FÖJ), geht zur Bundeswehr und manche, ja manche verdienen Geld.

Die andere Hälfte des Jahrgangs beginnt kurz nach dem Abschluss ein neues Kapitel. Die werdenden Anwälte, Lehrer, Physiotherapeuten und Tourismuskaufleute wollen und können nicht warten. Der Ernst des Lebens beginnt schließlich. Und jeder hofft, dass es die richtige Entscheidung war. Wissen kann man es schließlich nie. Irgendwo zwischen Gedanken von FÖJ bis hin zum dualen Studium entschied ich mich für diverse Praktika. Sicher, das Vorhaben war gewagt, was wenn ich nur zuhause sitzen würde, die Familienkasse streikt oder Mama und Papa aus allen Wolken fallen würden? Nun, zumindest Letzteres traf fast ein. Wie stellte ich mir das vor, etwa sieben Monate Praktikantin zu sein, bestenfalls sieben Mal? Das würde schon werden, Hauptsache möglichst viel kennenlernen, lautete zig Male meine Antwort.

Im September ging es los, mein erster Interessenschwerpunkt wurde auf Herz und Nieren untersucht. Biologie hatte sich für mich zu einem wirklich spannenden und umfangreichen beruflichen Thema entwickelt, doch nach langen Überlegungen stand fest, dass ich nie Biologie studieren würde, wegen der Tierversuche. Deshalb hoffte ich, in der Apotheke als pharmazeutisch-technische Assistentin ähnlich spannende Bereiche kennenzulernen. Das Praktikum zeigte mir das Gegenteil und offenbarte auch gleich, was viele Arbeitgeber von Praktikanten halten und wie sie mit ihren Vorurteilen umgehen. Mein Tipp dazu: Standhaft bleiben und ruhig auch mal die ehrliche Meinung kundgeben - kann Wunder wirken. Im Oktober das komplette Gegenteil, ein familiär geführter Betrieb, aufgeschlossene Menschen und ein persönlicher, warmer Umgang untereinander. Ich befand mich in einer Feinbäckerei, mein zuckersüßes Hobby sollte dran glauben und die folgenden Wochen mir die schwierige Wirklichkeit zeigen: In einer meisterhaften Konditorei in Luckau lernte ich den Berufsalltag der Konditoren kennen und ahnte ziemlich schnell, dass die körperliche Anstrengung auf Dauer zu viel werden könnte. So ging es im nächsten Monat zunächst ans Geld verdienen, die ganzen Fahrkarten und Mittagessen wollten schließlich bezahlt werden. Und nur nebenbei: Bus und Bahn fahren kostet wirklich ein kleines Vermögen. So zahlte ich im Monat Dezember knapp 105 Euro, Ermäßigungen gibt es nicht, da ich weder Student noch Azubi war.

Doch die Bahn brachte mich jeden Tag nach Cottbus zur Lausitzer Rundschau, denn auch der Journalismus war spannend und stand auf meiner Berufsfindungsliste ganz weit oben. Trotzdem merkte ich nach fünf Wochen, dass auch dieser Beruf einige persönliche Schwachstellen hat, wie beispielsweise die große Flexibilität und Erreichbarkeit. Zwischenbilanz: Das Ausschlussverfahren funktionierte etwas zu gut.

Trotzdem, aufgeben war keine Lösung. Weitere 1,5 Monate schnupperte ich in den Beruf des Augenoptikers herein, was eigentlich eine spontane Reaktion auf einen mitreißenden Vortrag auf der Abimesse in Berlin war. Ja, auch solche Veranstaltungen standen regelmäßig im Kalender. Gesagt, getan und endlich überwogen die Vorteile. Unerwarteterweise konnte ich mich wirklich für diesen Beruf begeistern, viel Abwechslung und ein Gleichgewicht von Theorie und Praxis waren für mich sehr attraktiv. So kam auch ich Ende Februar in die "heiße" Bewerbungsphase. Nach einem Test und einem Bewerbungsgespräch in Leipzig stand recht schnell fest, dass ich dort anfangen könnte. Könnte, ja. Denn trotzdem bewarb ich mich zeitgleich noch für einen weiteren Ausbildungsberuf: Veranstaltungskauffrau. Durch frühere Minijobs hatte ich etwas Erfahrungen sammeln können und wollte es einfach mal versuchen. Es folgten Bewerbungsgespräche in Dresden, Leipzig und Lübbenau.

Am besten sagte mir eine Event-Agentur aus Dresden zu, dort mussten jedoch ausgewählte Bewerber ein einwöchiges Praktikum absolvieren, gespickt mit allerlei Aufgaben und Präsentationen. Eigentlich erst dabei wurde mir bewusst, dass mir diese Herausforderungen mehr Spaß machten als das Geschäft mit Brillen. Nebenbei ergatterte ich noch ein Praktikum in einer kleinen Veranstaltungsfirma aus Cottbus, das ging jedoch gehörig daneben. Schlechte Absprachen und Missverständnisse führten zu einem vorzeitigen Abbruch des Praktikums. Trotzdem unterschrieb ich Mitte März meinen Ausbildungsvertrag zur Veranstaltungskauffrau in der Event-Agentur aus Dresden. Im August geht dann auch für mich "der Ernst des Lebens los". Was die Zukunft bringt und ob es tatsächlich der Traumjob ist, werde ich wohl erst in einigen Jahren erfahren.