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| 17:52 Uhr

Cottbuser diskutieren über das Schulessen
Gemüse kämpft gegen Hamburger

 Nicht einmal die Hälfte aller Schüler in Cottbus nimmt das Essensangebot wahr. Mit steigendem Alter verzichten sie  öfter darauf.
Nicht einmal die Hälfte aller Schüler in Cottbus nimmt das Essensangebot wahr. Mit steigendem Alter verzichten sie öfter darauf. FOTO: dpa / Hauke-Christian Dittrich
Cottbus. Fachleute erforschen mögliche Gründe für das sinkende Interesse an Mahlzeiten in der Schule. Von Rene Wappler

Die Konkurrenz lauert überall. Knusperseelachsfilet steht den Schülern zur Wahl, ebenso Rindfleisch mit Meerrettichsoße und Gemüseschnitzel mit Volkornnudeln. Dieses Menü haben die Mitarbeiter der Procon Service & Verwaltung GmbH für den vergangenen Freitag zusammengestellt. Sie beliefern Cottbuser Schulen mit Essen für die Mittagspausen.

Doch viele Jugendliche entscheiden sich für ganz andere Angebote. Lieber besuchen sie einen benachbarten Supermarkt oder einen Fast-Food-Stand. Gegen diese Konkurrenz werben die klassischen Anbieter des Schulessens um ihre Kunden – und das Geschäft wird härter.

Die Mitarbeiter des Cottbuser Rathauses haben eine Statistik zusammengestellt. Daraus geht hervor, dass nur 44,7 Prozent der Jahrgangsstufen Eins bis Zehn am Schulessen teilnehmen. Je älter die Kinder werden, desto öfter verzichten sie auf diesen Service. So berichtet der Vorsitzende des Bildungsausschusses in Cottbus, Dieter Schulz von der Fraktion aus AUB und SUB: „Am Pückler-Gymnasium strömen die Massen in alle Richtungen aus, um sich zu versorgen.“ Von einem „grundsätzlichen Problem an den Oberschulen“ spricht Mario Jähnichen. Er leitet den Bereich für Küchen und Catering bei der Procon Service & Verwaltung GmbH. Als Beispiel nennt er die Sachsendorfer Oberschule. Nur 20 von 230 Besuchern nehmen dort am Essen teil. Dabei bietet die Firma stets mehrere Alternativen an, zu denen auch eine vegetarische Mahlzeit zählt.

Über die Gründe für die sinkende Nachfrage rätseln selbst Fachleute. Die zuständigen Mitarbeiter der Stadtverwaltung trafen sich am vergangenen Donnerstag mit den Mitgliedern des Bildungsausschusses. Sie wüssten nicht genau, warum diese Tendenz auftrete, stellten sie sie bei der Konferenz im Stadthaus fest. So sei für einige Schulen zu befürchten, dass sich bald kaum noch ein Anbieter finde, wenn die Menge des gelieferten Essens weiter schrumpfe.

Im Cottbuser Bildungsausschuss arbeitet Christina Gerth für die CDU mit. Sie erinnert sich an eine Umfrage am Humboldt-Gymnasium. „Es liegt nicht am Essen, nicht an der Qualität, nicht an der Zeit“, sagt sie. „Viele Schüler finden es einfach nicht schick, gemeinsam essen zu gehen.“ Von einem „veränderten Essverhalten in der Gesellschaft“ spricht der Rektor der Regine-Hildebrandt-Grundschule in Cottbus, Lothar Nagel. Er nimmt für die SPD an den Konferenzen des Bildungsausschusses teil. Der Trend weist nach seinen Worten in vielen Familien zum Fastfood. „Bei Elternabenden können wir uns wirklich den Mund fusslig reden“, sagt Lothar Nagel. „Es ist ungeheuer schwer, gegen Döner, Hamburger und Fritten anzukommen.“ Der Schokoriegel sei hingegen gar nicht mehr das Problem, anders als noch vor zehn Jahren.

In der 7. und 8. Klasse lassen sich Schüler während der Pausen eben nicht mehr auf dem Schulhof halten. Das gibt Gudrun Breitschuh-Wiehe zu bedenken, Mitglied bei Bündnis 90/Grüne in Cottbus. „Auch wir neigen doch manchmal zu Fastfood“, merkt sie an. „Dieser Aspekt gehört zur Realität des Erwachsenwerdens.“ Zwar halte sie es für wichtig, an den Grundschulen ein Bewusstsein für gesundes Essen zu schaffen. „Aber wir hatten bestimmt alle mal so eine Phase, in der wir andere Ernährung vorzogen“, sagt Gudrun Breitschuh-Wiehe. „Deshalb finde ich das jetzt nicht so dramatisch.“

Dabei beobachten die Anbieter des Mittagessens, dass gerade bei Grundschülern doch wieder ein Interesse an gesunder Ernährung aufflammt. So gehen die Mitarbeiter der Procon Service & Verwaltung Gmbh bei ihrer Auswahl auf diese Wünsche ein. Doch der Service für das Schulessen bräuchte auch Hilfe aus der Politik. Das erklärt der Fachbereichsleiter der Firma, Mario Jähnichen.  „Die Mehrwertsteuer ist zu hoch“, sagt er. „Der Kostendruck würde sinken, wenn wir nicht mehr die 19 Prozent abführen müssten.“ Für dieses Jahr sei darüber hinaus ein weiterer Anstieg bei den Preisen für Rohstoffe zu erwarten.

Bei der Verbraucherzentrale arbeitet Annett Reinke als Expertin für Lebensmittelrecht. Gemeinsam mit anderen Fachleuten setzte sie 2016 bei der frühen Entwicklung an. Sie analysierten die Speisepläne von Kindertagesstätten. „Wir haben festgestellt, dass in Brandenburg noch zu viel Fleisch und zu wenig Fisch auf den Speiseplänen steht“, berichtete sie im April 2018 im Landesausschuss für Verbraucherschutz. Die vegetarischen Gerichte seien sowohl für die Eltern als auch die Kinder nicht immer auf dem Speiseplan erkennbar. „Da besteht Verbesserungspotenzial.“