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| 13:57 Uhr

Leitstelle Lausitz
Geht beim Notruf bald keiner mehr ran?

Cottbus. Ohne sie geht nichts. Die Disponenten in der Leitstelle Lausitz in Cottbus nehmen Notrufe entgegen, koordinieren die Rettungseinsätze. Doch genau an diesen spezialisierten Mitarbeitern fehlt es. Von Lydia Schauff

Die Disponenten in der Leitstelle Lausitz nehmen Notrufe entgegen und koordinieren das Personal der Feuerwehr und der Rettungsdienste in Cottbus und den Landkreisen Spree-Neiße, Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster. Die Disponenten entscheiden, welche und wie viele Fahrzeuge zum Ort des Notfalls fahren, ob ein Rettungswagen oder auch ein Rettungshubschrauber notwendig ist. Dafür müssen sie „vor die Lage kommen“ und mit psychologischer Gesprächsführung und wenigen gezielten Fragen herausfinden, wie die Situation am und wo der Ort des Notfalls ist, ob es Verletzte gibt. Es ist eine verantwortungsvolle, unverzichtbare Aufgabe.

Und die ruht aktuell auf zu wenigen Schultern. Ingolf Zellmann, Chef der Leitstelle Lausitz mit Sitz in Cottbus, wählt ernste Worte für die Personalsituation, sagt: „Die Lage ist sehr besorgniserregend.“ Von derzeit 48 Stellen seien nur 40 besetzt. Zwar gebe es sechs Bewerber für die Nachbesetzung, doch die können erst Ende des Jahres anfangen. Mit Blick auf künftige Herausforderungen sei die vorgesehene Zahl an Disponentenstellen generell nicht ausreichend. Eine Erhöhung des Personalstamms sei unbedingt geboten.

Dass die dringend benötigten Disponenten fehlen, liege aber nicht daran, dass es niemanden gebe, der für diese Position infrage käme, sondern daran, dass die Zugangsvoraussetzungen für Disponenten extrem hoch sind: eine Qualifikation als Notfallsanitäter oder Rettungsassistent, der Abschluss einer Ausbildung zum Gruppenführer der Berufsfeuerwehr und ein Disponentenlehrgang an der Landesschule und Technischen Einrichtung für Brand- und Katastrophenschutz oder einer ähnlichen Einrichtung sind Pflicht. Bis dann die Arbeit als Disponent aufgenommen werden kann, gehen viele Jahre ins Land. Laut Ingolf Zellmann zu viele, um den vorhandenen Personalbedarf adäquat decken zu können.

Die Qualifikationsvorgaben stammen aus den 90er-Jahren und sind aus Sicht des Cottbuser Leitstelle-Chefs längst überholt. Technische und auch inhaltliche Anforderungen hätten sich seitdem extrem gewandelt.

Der Mangel an Disponenten ist nicht nur ein Problem in Cottbus. Es ist ein Problem in allen – insgesamt fünf – Rettungsleitstellen in Brandenburg und deutschlandweit. Der Länderausschuss Rettungswesen hat deshalb versucht, ein Berufsbild Leitstellen-Disponent zu entwickeln, das den geänderten Anforderungen gerecht wird und potenzielle Kandidaten für diese Position schneller und zielgenauer ausgebildet werden können. Der Versuch, einen gemeinsamen Ansatz zu finden, scheiterte jedoch.

Deshalb setzen sich die Vertreter der Brandenburger und der norddeutschen Leitstellen zusammen und strickten ein Konzept einer modularen Ausbildung, um die leeren Stühle in den Leitstellen bald wieder besetzen zu können. Der Grundgedanke: Es müssen nicht drei verschiedene Ausbildungswege nacheinander absolviert werden, sondern es wird auf die vorhandene Ausbildung aufgebaut.

Wer von der Berufsfeuerwehr kommt, erhält eine kombinierte Ausbildung im Bereich Rettungsdienst und Disposition. Wer Rettungs- oder Notfallsanitäter ist, belegt Module, die Wissen aus Bereichen Feuerwehr und Disposition vermitteln. Abhängig vom Vorwissen strukturiert sich also die geplante modulare Ausbildung, die zwei Jahre dauern soll.

Schon 2007 veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in Deutschland ein Papier unter dem Titel „Qualifikationsanforderungen für Leitstellenpersonal integrierter Leitstellen für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz“. Hier werden die konkreten Anforderungen an den Beruf und die Ausbildung formuliert.

Geht es nach dem Cottbuser Leitstellen-Chef Ingolf Zellmann, wird das Konzept zur modularen Ausbildung von Disponenten für die Rettungsleitstellen lieber heute als morgen umgesetzt. Denn die sowieso schon angespannte Personallage droht sich durch strukturelle und gesellschaftliche Veränderungen weiter zu verschärfen. Künftig wird sich das Aufgabengebiet der Disponenten vergrößern.

Dahinter stehen Neuregelungen und gesellschaftliche Veränderungen. Bereits 2019 muss laut UN-Menschenrechtskonvention ein barrierefreier Notruf möglich sein. Das heißt, die Disponenten müssen zusätzlich eine Art Chat betreuen, mit Hilfesuchenden hin und her schreiben. So können dann etwa Gehörlose einen Notruf absenden.

Eine zunehmende Herausforderung ist auch, dass immer mehr Notrufe in englischer Sprache eingehen, etwa von Touristen oder von Flughäfen. Zudem, so Zellmann, sei generell eine Zunahme der Notrufe zu verzeichnen. Etwa 160 000 waren es 2017, und damit vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Um die Leitstellen-Disponenten dafür vorzubereiten und deren Wissen auf dem neuesten Stand zu halten, werden theoretische und praktische Fortbildungen notwendig. 160 Stunden sind jedes Jahr Pflicht. Doch schon jetzt, so Zellmann, wird die Ermöglichung derselben aufgrund der Personalsituation zum Drahtseilakt zwischen der Pflicht zu helfen und der Pflicht fortzubilden. Und im Zweifel geht Erstere vor.

Ingolf Zellmann hofft deshalb, dass Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) noch diesen Sommer eine entsprechende Verordnung unterzeichnet, die den Weg für die Trendwende im Bereich der Ausbildung von Leitstellendisponenten frei macht. Denn die Realisierung der neuen Ausbildung wird rund drei Jahre dauern. Bis dahin gilt es unter anderem zu klären, wo und von wem die Ausbildung durchgeführt wird.

Zellman geht davon aus, dass diese Aufgabe in Brandenburg von den Leitstellen übernommen werden muss, da die Landesfeuerwehrschule schon jetzt mit ihren Kapazitäten am Ende sei. Zwar gebe es Pläne, diese zu erweitern, aber auch das wird noch dauern.

Auch Sachsen ringt zurzeit um eine schnellere Ausbildung von Leitstellen-Disponenten. Im Freistaat sind die Anforderungen ebenfalls so hoch, dass es Jahre dauert, bis potenzielle Leitstellendisponenten die Arbeit aufnehmen können. Es gebe zwar geeignete Kräfte, die die Arbeit ausführen könnten, es aber wegen der hohen formalen Hürden nicht können. Ein Quereinstieg etwa für Rettungsdienst-Beschäftigte ist kaum möglich. Die qualifizierten Disponenten kämen fast überwiegend aus Berufsfeuerwehrkreisen. Doch die hätten ja selbst Schwierigkeiten, Personal zu finden.

Dramatisch sei die Personallage in den fünf Integrierten Leitstellen in Sachsen, heißt es seitens der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft, die im April einen Brandbrief an die sächsische Landesregierung geschickt hat. Auch hier wird als Lösung eine modulare Ausbildung gefordert. Statt komplette Berufsausbildungen abzufordern, sollten fehlende feuerwehrtechnische oder medizinische Kenntnisse im Rahmen einer neuen Modularausbildung vermittelt werden. Um das zu ermöglichen, müssten an der Landesfeuerwehrschule Sachsen die entsprechenden Kapazitäten geschaffen werden.