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Historie
Branitzer Geheimnissen auf der Spur

Manche Beziehungen im Branitzer Park lassen sich nur auf historischen Karten oder aus der Vogelperspektive erkennen.
Manche Beziehungen im Branitzer Park lassen sich nur auf historischen Karten oder aus der Vogelperspektive erkennen. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Land- und Wasserpyramide kennen alle, viele Besucher zieht es auch ins Branitzer Schloss. Aber nur wenige wussten bisher, dass hinter dem Pücklerschen Parkkunstwerk ein ganz besonderes Konzept stecken könnte. Von Isabel Damme

Der Branitzer Park ist ein international bedeutendes Gartenkunstwerk und wurde von Fürst Hermann von Pückler-Muskau gestaltet. Kürzlich präsentierte Parkleiter Claudius Wecke im ausverkauften Besucherzentrum auf dem Gutshof seine persönlichen Deutungsansätze der Parkgestaltung. Es geht um Toleranz, Erinnerungen und eine dritte Pyramide.

Während Fürst Pückler ein Buch über interpretatorische Ansätze der Parkanlage in Bad Muskau hinterließ, gibt es für den Branitzer Park keine ähnlichen Quellen. Parkleiter Claudius Wecke vermutet, dass dahinter ein Konzept steckt. „Hermann von Pückler-Muskau lässt den Betrachtern somit breiten Raum für eigenes Erleben und eine eigene Interpretation.“

Doch wer sich heute den Park ansieht, verfällt der Annahme, Fürst Pücklers Park zu betrachten. Durch Digitalisierung und Überlagerung historischer Karten und verschiedener Luftbilder aus den letzten 165 Jahren wurden für die Branitzer Pückler-Stiftung die Entwicklungsschritte des Parks nun sichtbar. Somit kann man eine Vorstellung gewinnen, wie der Park zu Pücklers Zeit aussah und welche Veränderungen erst nach seinem Tod vorgenommen wurden. „Daraus lesbar wird dann beispielsweise, welcher Wegeabschnitt, welche Baumgruppe, welche Uferlinie oder welche Architektur  in welcher Zeit entstanden ist und ob sie heute noch existiert“, erklärt Claudius Wecke. Er fasst zusammen, dass sich Seen, Kanäle und Bodenmodellierungen kaum verändert haben. „Einige Wege, die wir heute entlang spazieren, gehören hingegen nicht zur Pücklerschen Gestaltung.“

Was die Bepflanzung anbelangt, ist auffällig, dass bedeutende Gebäude durch Blutbuchen betont werden und besondere Sichtachsen von Graupappeln gerahmt werden, stellt der Parkleiter fest. So findet man beispielsweise südlich des Schlosses eine große Blutbuche. Eine weitere Besonderheit bilden drei markante Hügel, der Lindenberg, der kleine Hermannsberg und der Hügel „Vergrabener Bauer“. Auf jedem Hügel steht an höchster Stelle eine Linde.

Neben der sagenumwobenen Bedeutung dieses Baumes im sorbischen Volk sieht Claudius Wecke eine mögliche Intention dieser Bepflanzung im Schweizer Hirzel. Im Kanton Zürich findet man ähnliche, mit einer Linde bepflanzte Hügel vor. „Dabei handelt es sich um Erinnerungsbäume, die an politische Ereignisse oder an die Geburt von Stammhaltern erinnern sollen.“ Es sei wahrscheinlich, dass Pückler ihnen auf seinen Reisen durch die Schweiz begegnet ist.

Der Branitzer Park ist eine Sammlung vieler persönlicher Erinnerungen des Fürsten. So setzte Pückler wichtigen Personen, wie der Opernsängerin Henriette Sontag, und geliebten Tieren, wie seiner Hündin Nini, ein Denkmal. Auch hielt er seine außergewöhnlichen Reisen zwischen England, Italien und dem Orient fest. In der Wolfsschlucht stellte er außerdem eine Stelle aus seiner Lieblingsoper, dem Freischütz von Carl Maria von Weber, dar. Claudius Wecke stellt fest: „Der kürzlich erst durch Holger Hanelt im Ehrenamt freigelegte Brunnen in der Mitte der Branitzer Wolfsschlucht scheint diese teuflische Metaphorik zu übersetzen. Pückler stellt dem Brunnen ein Kreuz gegenüber und schafft somit ein spannungsvolles Gegenüberstellen von Himmel und Hölle.“

Den höchsten Punkt des Branitzer Parks bildet der 15 Meter hohe Hermannsberg in der Pyramidenflur. Pücklers Ziel war es, von dort ein Panorama zu schaffen, welches das Bautzener Gebirge, die Bäume des Spreewaldes und die Muskauer Anhöhen beinhaltet. Laut Claudius Wecke sind Blicke auf den Kirchturm von St. Martin, die Spree in südlicher Richtung und die Stadtsilhouette mit Oberkirche und Gerichtsturm in nördlicher Richtung nachweisbar. Bis zum Tod Pücklers im Jahr 1871 konnte der Hermannsberg nicht mehr fertiggestellt werden. Hier stellten die Reichsgrafen Pückler später einen sechs Meter hohen Aussichtsturm auf, um den Blick auf Cottbus erleben zu können. Er wurde bereits um 1900 baufällig und wieder abgetragen.

Bereits der frühere Direktor der Branitzer Stiftung, Berthold Ettrich, vermutete hinter dem Hermannsberg eine dritte Pyramide. Erste Beweise in diese Richtung brachte eine im vorletzten Jahr durchgeführte engmaschige Vermessung mittels Drohnentechnik durch das Vermessungsbüro Schultz, sagt Wecke. Deutlich zeige sich darauf ein auffällig gradliniges Relief zweier Seitenflächen und die Grundform, die nahezu einer fertig modellierten Erdpyramide gleicht.

Auch ein Briefwechsel zwischen Pückler und dem Berliner Gartenkünstler Gustav Meyer gibt Hinweise für den Hermannsberg als dritte Pyramide im Branitzer Park. Parkleiter Claudius Wecke ist sich sicher: „Wer einen Hügel von 15 Meter Höhe unter schwersten Bedingungen auftürmen lässt, als höchste künstliche Erhebung des Parks, und ihm den eigenen Namen verleiht, der hatte etwas Besonderes damit vor.“

Wer die Parkarchitekturen genauer betrachtet, wird auf den Dächern sehr häufig achtstrahlige Sterne entdecken. Beispielsweise auf der Parkschmiede, dem Kavalierhaus, Schloss, Cottbuser Torhaus und auch auf der Rosenlaube. Für die Branitzer Kustodin Dr. Simone Neuhäuser ist dies ein Symbol für jüngst Verstorbene und für die Besucher ein „dezenter Hinweis darauf, wer hier lebte: der europaweit berühmte Autor der 1830 anonym erschienenen Briefe eines Verstorbenen“.

Seine gesamte Parkgestaltung scheint Pückler laut Wecke am Verlauf der Sonne orientiert zu haben. Im Osten, hinter der Parkschmiede, geht die Sonne auf. „Ihr loderndes Feuer ist ein Zeichen des Sonnenaufgangs und steht somit für den Beginn allen Lebens.“ Gegen Mittag stehe die Sonne über dem Schloss, dem Ort des täglichen Lebens, um am Abend im Westen hinter den Pyramiden, seiner Grabstelle, unterzugehen. „Auf diese Weise stellt Pückler Leben und Tod gegenüber“, bemerkt der Parkleiter.

Beim Spazieren fällt es kaum auf, aber Claudius Wecke konnte mithilfe von Computerprogrammen exakte geometrische Zusammenhänge zwischen den wichtigsten Parkarchitekturen nachweisen. Seepyramide, Landpyramide und Hermannsberg bilden ein stumpfwinkliges, ungleichseitiges Dreieck, genauso wie Schloss, Parkschmiede und Cottbuser Torhaus. „Bei genauem Nachmessen stellt sich heraus, dass die Winkelbezüge beider Dreiecke hundertprozentig identisch sind“, erklärt der Parkleiter. Der Größenmaßstab der beiden Formen beträgt 1:2.

Der Halbmond auf den Mondbergen und das Kreuz auf dem Heiligen Berg bilden dafür die Spiegelachse. Für Claudius Wecke kann das kein Zufall sein. Kreuz und Halbmond, Christentum und Islam, stehen sich in einer Blickachse genau gegenüber, weshalb er sie als „Toleranzachse“ bezeichnet.

Einem weniger bekannten Denkmal schreibt der Parkleiter eine große Bedeutung zu. Es geht um die verspiegelte Glaskugel auf dem Kugelberg am Schilfsee. Früher wurde sie von einer achteckigen Bank umgeben, von der aus die Sitzenden in die Kugel schauten. Claudius Wecke beschreibt: „Für mich zeigt sich in der Kugel das Spiegelbild der Utopie Branitz, einer Idealwelt, von fürstlicher Natur und Landschaft, ein Ort des friedlichen und toleranten Miteinanders der Menschen unabhängig ihres Glaubens.“ Dem Parkleiter wäre es eine große Freude, wenn sich Parkbesucher zu eigenen Denkansätzen über den Branitzer Park anregen lassen würden.

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