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Integration
Werben um friedliches Miteinander

Ghazal Kasem Ahmad, Khaled Alswidan und Nadeen Manjouneh (v.l.) hoffen auf ein friedliches Miteinander von Syrern und Deutschen.
Ghazal Kasem Ahmad, Khaled Alswidan und Nadeen Manjouneh (v.l.) hoffen auf ein friedliches Miteinander von Syrern und Deutschen. FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. In Cottbus leben rund 3400 Geflüchtete, die große Mehrheit von ihnen kommt aus Syrien – und hofft auf ein friedliches Miteinander von Deutschen und Zugewanderten. Von Andrea Hilscher

Ghazal Kasem Ahmad ist 24. Die junge Frau lebt seit 2016 in Cottbus, studiert an der BTU Architektur und will sich zusammen mit ihrem Mann ein neues Leben in Deutschland aufbauen. Dem Krieg in Syrien ist sie glücklich entronnen. Die Angst aber ist geblieben. Angst vor Anfeindungen, vor Verfolgung, vor Übergriffen. „Nach den jüngsten Zwischenfällen zwischen unseren Landsleuten und Deutschen in der Stadt spüren wir, wie sich das Klima verändert“, sagt sie. „Die Menschen begegnen uns anders als früher.“

Auch Nadeem Manjouneh (23) spürt die Veränderungen. „Es ist sehr traurig, dass das Bild der Syrer in der Öffentlichkeit so negativ geworden ist.“ Gemeinsam mit vielen seiner Landsleute möchte er sich entschuldigen für das, was in den vergangenen Wochen passiert ist. „Wir hoffen sehr, dass die Deutschen anerkennen, dass längst nicht alle Syrer aggressiv und gewalttätig sind. Die meisten meiner Landsleute wünschten sich nichts mehr als ein Leben in Frieden.“. Er sagt „Wir geben uns große Mühe, uns zu integrieren. Lernen die Sprache, wollen arbeiten oder studieren, uns ein neues Leben aufbauen.“

Leider gebe es unter den Geflüchteten Menschen, die sich nicht an die Regeln hier halten. „Aber wir bitten die Deutschen darum, das nicht auf alle Zugewanderten zu übertragen.“ Auch die Geflüchteten in Cottbus berichten immer wieder über Negativ-Erlebnisse mit deutschen Anwohnern. „Mich hat neulich ein Mann angepöbelt, der sich wohl über mein Kopftuch aufgeregt hat“, erzählt Ghazal Kasem Ahmad leise. „Er hat mir Schläge angedroht und gesagt, er wolle mich töten.“ Sie und viele andere Frauen aus Syrien haben mittlerweile Angst, nach Anbruch der Dunkelheit allein  auf die Straße zu gehen. „Aber wir wissen, dass die Angriffe nur von einzelnen Menschen begangen werden. Wir können deswegen nicht über alle Deutschen urteilen.“

Khaled Alswidan (45) lebt seit neun Monaten mit seiner Familie in der Stadt. Er ist froh, dass er an einem Deutschkurs teilnehmen kann und dankbar für die Aufnahme in Cottbus. Seine vier Kinder geben sich größte Mühe, die Sprache schnell zu erlernen, in der Schule gut mitzukommen und in der Nachbarschaft Freunde zu finden. „Aber für meinen 17-jährigen Sohn  war es sehr schwer, in einem Sprachkurs unterzukommen“, erzählt der frühere Autohändler. Für junge Männer wie seinen Sohn sei es nicht leicht, monatelang untätig sein zu müssen und nicht lernen zu können.

„Wenn die jungen Leute Halt in der Familie finden, können sie schwierige Zeiten überstehen“, sagt Khaled Alswidan. „Aber es gibt viele Jugendliche, die in Syrien über Jahre hinweg nicht zur Schule gehen konnten. Oft sind sie ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen, haben im Heim gelebt, bis die Eltern Monate oder Jahre später nachkommen durften.“ Diesen jungen Menschen fehle es an Orientierung. „Sie kommen hier in eine ganz andere Kultur, sie haben plötzlich Zugang zu Alkohol und Drogen, kommen damit nicht zurecht“, sagt er.

Der Familienvater hat über seine Kinder engen Kontakt zu Schule, Lehrern, anderen Familien. „Viele von uns wollen genau wissen, wie es den Kindern in der Schule geht, wie sie vorankommen, wie wir sie beim Lernen unterstützen können“, sagt Khaled Alswidan. Es gebe aber auch syrische Familien, die Kriegs- und Fluchterlebnisse nicht verkraftet haben. „Eheleute trennen sich, es gibt Streit – und den Jugendlichen fehlt jede Sicherheit.“

Nichts davon würde Aggression oder Gewalt entschuldigen, da sind sich Khaled Alswidan und seine Freunde einig. „In Syrien lernen unsere jungen Menschen eigentlich den respektvollen Umgang miteinander“, sagen sie. Das friedliche Miteinander der Religionen habe in ihrer Heimat eine lange Tradition. „Es ist traurig, dass wir es hier nicht alle schaffen, friedlich miteinander umzugehen.“

Sabine van de Veire unterrichtet seit einigen Jahren Deutsch für geflüchtete Menschen. Die Belgierin setzt sich dafür ein, dass alle Menschen in der Stadt ihren Platz zum Leben finden. „Wenn wir mehr miteinander ins Gespräch kommen, wächst auch das Verständnis für einander“, ist sie überzeugt.