ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:33 Uhr

Gallinchen sucht seine Mitte

Luftbild von Gallinchen: Der Ort ist von Eigenheimen und Gewerbeflächen geprägt.
Luftbild von Gallinchen: Der Ort ist von Eigenheimen und Gewerbeflächen geprägt. FOTO: Thomas Goethe
Gallinchen. Im zweitgrößten Ortsteil von Cottbus lässt es sich prächtig leben. Trotzdem plagen sich auch die Gallinchener mit Problemen herum. Dazu gehören unter anderem die fehlende Mitte und der Verkehr. Das offenbart das Ortsteilgespräch zur Erstellung eines Entwicklungskonzeptes. Peggy Kompalla

Der Raum in der altersschwachen Feuerwache ist gut gefüllt am Dienstagabend. Doch ginge es nach den Anwesenden, wären viel mehr Menschen beim Ortsteilgespräch - besonders Neu-Gallinchener. Schließlich geht es um das Entwicklungskonzept für Cottbus' zweitgrößten Ortsteil. Immerhin sind heute rund 2500 Menschen ganz offiziell Gallinchener. Im Jahr 1990 zählte das Dorf gerade einmal rund 850 Einwohner. Die Mehrzahl in der Runde am Mittwoch sind denn auch Ur-Gallinchener.

Allein dies offenbart eines der Grundprobleme, mit denen sich Gallinchen herumplagt. Es fehlt die Mitte. Es gibt weder Kirche, noch Sportplatz. Ortsvorsteher Dietmar Schulz sagt ganz unsentimental. "Gallinchen ist ein Schlafort." Das soll nicht heißen, dass nichts los ist. Im Gegenteil. Doch viele Einwohner haben im Cottbuser Süden ihren Traum vom Eigenheim mit gepflegtem Garten drumherum verwirklicht und ziehen sich auf dieses Leben nach der Arbeit zurück.

Das Wir-Gefühl fehlt. So formuliert es ein Gallinchener bei der Stärken-Schwächen-Analyse. Ein Bürgerhaus als Anlaufpunkt für alle, könnte eine gemeinsame Identität stiften. Doch die Pläne dafür - inklusive einer neuen Feuerwache - haben sich jüngst aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten zerschlagen. Deshalb wagt Ortsvorsteher Schulz nach zweistündiger Diskussion, ganz neu zu denken. Schließlich geht es an dem Abend um Visionen. "Es ist doch zu überlegen, ob der Friedensplatz der richtige Ort für ein Zentrum ist, wenn es gerade darum geht, eine Verbindung zu schaffen zwischen Alt und Neu, zwischen Gewerbe- und Wohngebiet", sagt er und lässt seine Hand über eine Karte von Gallinchen kreisen. Sein Finger bleibt schließlich ganz woanders liegen. "Wäre das Gelände neben dem Sportpark nicht der richtige Ort für ein Bürgerhaus?", fragt er. Dazu noch ein Ärztehaus. Das wäre ein Anziehungspunkt.

Gallinchen fehle es schließlich auch an Medizinern. Ein Hausarzt und eine Physiotherapie - mehr gibt es derzeit nicht im Ort. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Anzahl der Über-65-Jährigen bis zum Jahr 2035 in Gallinchen verdoppeln wird, ist eine Verbesserung der medizinischen Grundversorgung wünschenswert. Altersvorsorge ist also auch für den Ortsteil eine wichtige Frage, betont Martin Hellriegel vom Stadtplanungsbüro Cima. Das Unternehmen erstellt die zwölf Ortsteilentwicklungskonzepte im Auftrag der Stadt bis zum Jahr 2017. Er betont: "Gallinchen muss auf das Alter vorbereitet sein. Dafür braucht es Wohnraum, Angebote und Beratung." Es gibt keinen Widerspruch aus der Runde.

Dabei sind die Wege in die Stadt recht kurz. Das gereicht zum Vorteil. Kann aber auch zum Nachteil werden. Nämlich dann, wenn die Anwohner unter dem Verkehrslärm leiden. Die Gallinchener trifft das hart. Denn der Ort wird von zwei Hauptverkehrsadern gekreuzt: Der B 97 und der Gaglower Straße. Hinzu kommt noch die benachbarte Autobahn A 15. Allein auf der Bundesstraße sind täglich rund 20 000 Fahrzeuge unterwegs - darunter 1500 Lkw. Da hilft nur eine Ortsumfahrung, für die Gallinchen seit jeher kämpft. Die allerdings in weiter Ferne liegt. Aber auch innerhalb des Ortes sei die Hauptverkehrsführung über Gewerbepark und Grenzstraße nicht ideal, monieren mehrere Anwohner. Gleichzeitig gebe es beim öffentlichen Nahverkehr Potenzial für eine bessere Anbindung von Gallinchen ans Stadtnetz.

Die Gallinchener lieben nichtsdestotrotz ihren Ort. Gibt es doch so viel mehr Gutes, das unbedingt erhalten werden muss. Da wäre zunächst das viele Grün, die Spreeaue mit dem Reiterhof, der Kindergarten, der mehr Plätze braucht, der Spielplatz, der Sportpark, das Museum, Dorf- und Jugendklub, die Vereine, die gut ausgelasteten Gewerbeflächen. Der seit geraumer Zeit leer stehende Praktiker-Markt ist eine Ausnahme. "Die Signale stehen aber auf eine Nachnutzung", versichert Dietmar Schulz. An der Stelle werde es keinen neuen Baumarkt geben. "Da gibt es nur noch zwei Alternativen: Baustoffmarkt oder Pflanzenhandel."

Die Stadtplaner von Cima ermuntern die Gallinchener, sich weiter einzubringen. Vielleicht findet sich mancher Neu-Gallinchener bei der nächsten Beratung im Sommer. Es geht aber auch ganz im Netz unter www.oek-cottbus.de .

Die nächsten Ortsteilgespräche finden am heutigen Donnerstag um 19 Uhr im Bürgerhaus Kahren und am morgigen Freitag um 19 Uhr in der Sport- und Vereinsgaststätte Döbbrick statt.

Blick in die Diskussionsrunde am Mittwochabend in Gallinchen: Die Einwohner haben Stärken und Schwächen aufgelistet.
Blick in die Diskussionsrunde am Mittwochabend in Gallinchen: Die Einwohner haben Stärken und Schwächen aufgelistet. FOTO: Kompalla