ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:50 Uhr

Galeria-Erpresser in Cottbus verurteilt

Bombenwarnung bei Galeria Kaufhof in Cottbus
Bombenwarnung bei Galeria Kaufhof in Cottbus FOTO: Annett Igel (Desk)
Cottbus. Eine Woche Zeit hat Heinz Günter W., gegen das Urteil des Amtsgerichtes Widerspruch einzulegen. Wird es rechtskräftig, werden die zwei Jahre Haft zur Bewährung ausgesetzt. Der 74-Jährige wird für vier Jahre einen Bewährungshelfer an die Seite bekommen, dessen Termine einhalten müssen und nicht straffällig werden dürfen – wieder einmal. A. Igel

Auffällig war er schon als Jugendlicher in den 50er-Jahren mit schwerem Diebstahl im Bereich Memmingen. Es folgten Erpressungen, Urkundenfälschung, Fahren ohne Führerschein, Unterschlagung, immer wieder Diebstahl. 27-mal soll er von Amts- und Landesgerichten bundesweit rechtskräftig verurteilt worden sein. 43 Jahre seines Lebens habe er in Haft verbracht - "mehr als sein halbes Leben", so Richterin Marion Rauch. Immer habe er zu den Anklagen gestanden, hatte er ihr vor einer Woche in einem Brief erklärt. Doch diesmal sei das anders, diesmal sehe er sich als Opfer fehlender Ermittlungen der Polizei.

Am 5. März 2011 war eine Stunde vor Feierabend nicht mehr viel los im Cottbuser Kaufhaus "Galeria Kaufhof". Bis eine Verkäuferin am Auscheckautomaten ein braunes Kuvert fand. Er war an die Geschäftsführung gerichtet und mit der Forderung "Muss bis 19 Uhr vorliegen!" überfällig. Die Polizei nahm den Brief mit, um ihn vorsichtig zu öffnen. Der Spürhund roch keinen Sprengstoff. Nachts gegen 2.45 Uhr traf sich die Geschäftsführerin mit der Polizei noch einmal im Kaufhaus. Der Inhalt des Briefes - zum Teil mit Schreibmaschine geschrieben - war jetzt bekannt.

Demnach sollte die Geschäftsführerin bis 19.30 Uhr 7500 Euro in eine Einkaufstüte packen und damit durch die "kleine Drehtür" zum Parkplatz laufen. Im Kassenbereich der Schreibwarenabteilung würde sie nach der Übergabe den Minenplan finden. Im zweiten Schreiben im selben Umschlag forderte eine "Muslimbrüderschaft", dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sofort die Verhandlungen mit den USA abbrechen und das in den ARD-Nachrichten um 20 Uhr verkünden solle. Unterstützt hatte der Erpresser das mit einem Bild von Gaddafi. Aber Minen wurden in der Nacht zum 6. März 2011 im Kaufhaus nicht gefunden.

Die ersten Ermittlungen - im Team und unter ehemaligen Mitarbeitern des Kaufhauses - wurden eingestellt. Erst 2012, als das Landeskriminalamt DNA-Spuren auf den Erpresserbriefen und dem Kugelschreiber im Kuvert gesichert hatte, wurde der Fall neu aufgerollt. Sie führten direkt zu Heinz Günter W. Für seine Spuren auf dem Kugelschreiber hatte er sofort eine Erklärung: Der war ihm gestohlen worden. Für eine Erklärung zu den Spuren auf den Briefen brauchte er einige Tage. "Ich habe dem Polizisten sogar Kindergeschichten, die ich schreibe, vorgelegt, damit er die Schreibmaschinenschrift vergleichen konnte. Aber da hat der Polizist nicht mal draufgeguckt", so W. entrüstet, als er vorm Urteil das "letze Wort" bekam. Die Staatsanwältin forderte drei Jahre Haft ohne Bewährung. Sein Verteidiger plädierte für Freispruch und warb um Verständnis für die Geschichten seines Mandanten: "Er kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen."

Es hätte der Verhandlung gut getan, wenn sich die Polizei nicht nur auf die DNA-Spuren verlassen, sondern sie mit weiteren Beweisen untermauert hätte. Die Kaufhaus-Videos enttäuschten. Dass W. das Kuvert ablegte, zeigen sie nicht. Die Richterin setzte die Haftstrafe nicht nur wegen des hohen Alters von W. zur Bewährung aus. Er sei seit der versuchten Erpressung vor drei Jahren nicht wieder negativ aufgefallen. "Das ist eine positive Wendung in seinem Leben", so Marion Rauch. 100 Arbeitsstunden, zu denen der Rentner auch verurteilt wurde, soll er in der Seniorenarbeit leisten.