ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:23 Uhr

Fußballfans und Extremismus
Die ungebetene Anhängerschaft

Eine Gruppe von FCE-Anhängern stellt sich offen gegen Rechtsextremisten im Fanblock. Ihre Zaunfahne wurde auswärts schon heruntergerissen, in Cottbus  das Abhängen durch Drohung erzwungen.
Eine Gruppe von FCE-Anhängern stellt sich offen gegen Rechtsextremisten im Fanblock. Ihre Zaunfahne wurde auswärts schon heruntergerissen, in Cottbus  das Abhängen durch Drohung erzwungen. FOTO: Matthias Koch
Cottbus. Wie dringen Rechtsextreme in Fan-Milieus ein? Was können Vereine dagegensetzen? Darüber diskutierten Zuhörer an der BTU mit dem Extremismus-Forscher  Robert Claus. Von Simone Wendler

Er werde heute nicht speziell über Energie Cottbus sprechen, kündigt Robert Claus gleich zu Beginn der Veranstaltung an. Doch im Laufe seines Vortrages wird deutlich, er hätte viele seiner Erkenntnisse über „Männlichkeit als Einfallstor für Rechtsextremisten in die Fußballszene“ durchaus auch am Beispiel Cottbus erzählen können.

Claus ist Fachmann für rechtsextreme Einflussnahme auf die Fußball-Fanszene. Er teilte sich das Podium am Dienstagabend in Cottbus mit André Berndt, Diplomsoziologe am Institut für Soziale Arbeit der BTU Cottbus-Senftenberg. Das Institut veranstaltete die Vorlesung mit Diskussion zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung im Rahmen einer Ringvorlesung.

Robert Claus vom „Kompetenzzentrum für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit“ in Hannover.
Robert Claus vom „Kompetenzzentrum für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit“ in Hannover. FOTO: LR Medienverlag / Wendler

Claus schildert zunächst, wie der Aufstieg in Hooligan-Gruppen funktioniert. Andere überfallen, Härte zeigen, Komplizenschaft, derartige Anforderungen seien ein „Männlichkeitsappell“. Über das Angebot von gemeinsamen Erlebnissen, Zusammengehörigkeit, Bestätigung rekrutierten auch Rechtsextremisten Anhänger.

Claus lenkt den Blick dabei auch ausdrücklich auf die Kampfsportszene. Die sei mit rechtsradikalen Hooligans eng verknüpft, und nicht selten erfolge die Rekrutierung auch über den Kampfsport: „Wer nur durch die Fußballbrille sieht, erfasst einen Teil des Bildes nicht.“ In diesem Zusammenhang erwähnt Claus auch ausdrücklich die Cottbuser Verbindung beider Milieus.

Als Präventionsstrategien empfiehlt Robert Claus vor allem aktive Fan-Arbeit, eine Leitbildentwicklung der Vereine und interne Schulungen des eigenen Personals, um rechtsradikale, rassistische und diskriminierende Äußerungen oder Verhaltensweisen zu erkennen. „Es gibt in Deutschland keinen Club, der sein Personal da konsequent schult“, beklagt er.

In dem Zusammenhang kritisiert er auch den als gegenseitige Veralberung bezeichneten „Zigeuner“-Gesang zwischen Energie-Fußballern und Trainer Claus-Dieter Wollitz nach dem Aufstiegsspiel vor eineinhalb Wochen: „Da fehlt es einfach an Sensibilität.“ Wollitz hatte sich dafür umgehend entschuldigt.

Ein offenes Problem ist nach Auffassung von Robert Claus die Frage, wie Fans geschützt werden können, die von Rechtsextremisten in der Szene bedroht werden. Auch dafür hätte er Cottbus als Beispiel nennen können.

Im Herbst vorigen Jahres war bekannt geworden, dass die mit Darstellungsverbot belegte rechtsradikale Gruppe „Inferno“ nach einer angeblichen Selbstauflösung andere Fan-Gruppen bedrohte. Die wurden mit „Hausbesuchen“ eingeschüchtert, damit sie ihre Zaunfahnen nicht mehr zeigen. Betroffene trauten sich nicht, Anzeige zu erstatten.

Für André Berndt von der BTU ist es wichtig, junge Fans rechtzeitig an Fanprojekte zu binden, bevor sie in rechte Gruppen abgleiten. Vereine müssten das Problem auch richtig ernst nehmen. Martin Bock, Leiter des Cottbuser Fan-Projektes, sieht dafür die Notwendigkeit eines starken Netzwerkes. Dem FCE bescheinigt er, dass dazu schon einiges geschehen sei. „Das braucht aber Zeit“, warnt er vor überzogenen Erwartungen.

Auch Robert Claus warnt vor übermotivierten Kurzzeit-Aktionen. Das Agieren von Vereinen benötige eine längere Strategie. Und Fan-Projekte seien keine Massenpädagogik. Da könnten höchstens einhundert Personen erreicht werden.

Jens Petereins, Fan-Beauftragter des FCE, verweist in der Diskussion darauf, dass kürzlich beim Spiel gegen Babelsberg rassistische Rufe einiger durch die überwiegende Mehrheit der Fans sofort unterbunden worden seien. Und seit drei Jahren käme niemand in Thor-Steinar-Kleidung mehr ins Stadion: „Da ist etwas auf dem richtigen Weg.“ Dass es in Cottbus enge Verbindungen zwischen rechten Hooligans, Kampfsportlern, Rockern und der Wachschutzszene gebe, sieht auch er als Problem an.

Auf die Frage eines Zuhörers, wie man Rechtsextremisten den Stadionbesuch verderben könne, um sie fernzuhalten, hat Fan-Experte Robert Claus einen einfachen Rat: „Je klarer sich ein Verein immer wieder in dieser Frage positioniert, um so unattraktiver wird es für diese Gruppen, ins Stadion zu gehen.“