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Fürst Pückler und die Gesellschaft

Mit der Einweihung des neuen Besucherzentrums der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz Anfang Juli im Gutshof ist die multimediale Ausstellung „Fürst Pücklers Welt – Lebenskunst und Landschaftskunst“ eröffnet worden. Heute setzen wir unsere Serie fort, die einzelne Aspekte des Themas näher beleuchtet. privat


Hermann Fürst von Pückler-Muskau, eine facettenreiche und schillernde Persönlichkeit, sorgt in seinem langen Leben beinahe pausenlos für Schlagzeilen und Gesprächsstoff.
Im vierten Band seines Buches "Tutti Frutti" schreibt Pückler über sich selbst: "Hochmütig durch Geburt und liberal durch Nachdenken und Urteil." Im Spannungsfeld dieses ironischen Selbstzeugnisses bewegt er sich sein ganzes Leben lang.
Der Individualist Pückler ist schon zu Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit. Er passt in keine Kategorie, in keine Schublade und zu keiner Ideologie. Für seine Zeitgenossen ist er dem einen zu reich, dem anderen zu arm, manchem zu links und manchem zu rechts, zu stur, zu wandelbar, zu tolerant. Er ist eben der Fürst Pückler. Viele kennen ihn als Salonlöwe und Lebenskünstler. Er besucht die Salons von Rahel Varnhagen, Maxe Oriolla, Minna von Treskow und anderer berühmter Salonnièren. Pückler wird charakterisiert als ein Mensch, der die Welt und ihre Schönheiten bewusst erfahren und genießen möchte. Das Urteil der Salonbesucher ist eindeutig: Als "Enfant terrible" ist er niemals langweilig.
In der Ausstellung "Fürst Pücklers Welt" können Sie sich als Besucher vom Witz und der Schlagfertigkeit Pücklers in einer Inszenierung des Berliner Salon von Rahel Varnhagen von Ense selbst überzeugen.

Position zur Gesellschaft
Pücklers Position in und zur Gesellschaft wird besonders deutlich in seiner Haltung zum Proletariat. Er erkennt zwar die gesellschaftliche Realität, aber er ist nicht bereit, persönliche Konsequenzen zu ziehen. In England wird Fürst Pückler bei Fabrikbesichtigungen auch mit den Arbeitern an den Maschinen konfrontiert. Er erkennt, dass diese Menschen ausgebeutet werden, indem er an Lucie schreibt: "Die armen Arbeiter sind doch mitunter übel dran." Pückler kommt zu dem Resümee: "Gott hat es selbst so angeordnet, daß die einen genießen, die anderen entbehren sollen, und es bleibt so in der Welt."
Pückler hat nie ein Hehl aus seinen menschlichen Schwächen gemacht. Vielleicht ist dies das Geheimnis, was die Persönlichkeit des Fürsten so anziehend bis heute macht.
Fürst Pückler, den Genüssen des Lebens zugetan, legt großen Wert auf einen Lebensstil, der seinen Vorstellungen von Annehmlichkeit und Geselligkeit entspricht. Unter Zeitgenossen gilt Fürst Pückler als Gourmand und Gourmet. Im Laufe seines Lebens entwickelt er sich von einem Schlemmer zu einem Feinschmecker, der sich in feinen Speisen und Getränken auskennt. Seine Vorliebe für die französische Küche belegen z. B. die Aufzeichnungen in seinen Tafelbüchern. Die Gästelisten für seine Tafel im Schloss Branitz zeigen die Verwirklichung des Grundsatzes des französischen "Küchenheiligen" Baron Brillat-Savarin auf, dass die Fein schmeckerei eine der stärksten gesellschaftlichen Bande ist, denn "sie breitet täglich jenen geselligen Geist aus, der die verschiedenen Stände vereinigt, sie miteinander verschmilzt, die Unterhaltung belebt und die Ecken der gebräuchlichen Ungleichheit abschleift. Die Feinschmeckerei ist der Grund der Anstrengungen, welche jeder Gastgeber machen soll, um seine Gäste gut zu empfangen, sowie der Dankbarkeit der Gäste, welche bemerken, dass man sich wissenschaftlich mit ihnen beschäftigt hat; ewiger Schimpf jenen rindviehmäßigen Fressern, die mit strafwürdiger Gleichgültigkeit die ausgezeichnetsten Bissen verschlingen und mit verdammenswerther Zerstreuung den klaren duftenden Nectar hinabstürzen!” Für Pückler bedeutet das Speisen einen ähnlichen Genuss, wie das Studium einer schönen Landschaft oder einer schönen Frau. Fürst P&u uml;ckler bleibt bis an sein Lebensende ein Genießer, auch als Grandseigneur und Dandy.
"Der Dandy ist ein Mann, dessen Status, Arbeit und Existenz im Tragen von Kleidung besteht. Er widmet jedes Vermögen seiner Seele, seines Geistes, seiner Geldbörse und seiner Person heldenhaft der Kunst, seine Kleidung zu tragen: Während die anderen sich kleiden um zu leben, lebt er, um sich zu kleiden." So beschreibt Thomas Carlyle 1834 einen Dandy.
Viele dieser Eigenschaften finden sich auch bei Hermann Fürst von Pückler-Muskau wieder. Als er zu seiner zweiten Englandreise 1826 aufbricht, ist Pückler ein Mann mit vielfältigen gesellschaftlichen Verbindungen und schon als Grandseigneur, Exzentriker, Snob, Salonlöwe, Paradiesvogel, Frauenliebhaber und Dandy bekannt.
Ein Dandy zieht sich 3-4 mal am Tag um. Zum Frühstück erscheint er im chinesischen Schlafrock mit indischen Pantoffeln, danach folgt der Reitanzug mit Stiefel und Sporen. Den Frack mit Schuhen braucht er zum Diner und der Ballanzug ist der Höhepunkt der Kleidungseleganz am Abend. Eleganz, beau monde, das ist die Bühne, auf der Pückler seine Rolle als Dandy spielt.

Das Wort „Sport“
Im Deutschen kennt man das Wort Sport um 1830 noch nicht. Die Einführung des Wortes "Sport" in die deutsche Sprache wird Fürst Pückler zugeschrieben. In einer Fußnote seines Buches "Briefe eines Verstorbenen" äußert er sich zum Thema Sport: "Sportsman, sport ist ebenso unübersetzbar wie Gentleman; es heißt keineswegs bloß Jäger, sondern einen Mann, der alle Vergnügungen dieser Art oder auch nur mehrere davon mit Leidenschaft und Geschick treibt. Boxen, Pferderennen, Entenschießen, Fuchshetzen, Hahnenkämpfe etc., alles ist sport." Fürst Pückler legt stets großen Wert auf körperliche Regsamkeit, deren gesundheitsfördernden Wert er schätzt. Seine physische Leistungsbereitschaft und -fähigkeit ist die Summe seiner jahrzehntelangen Erfahrungen, die er praktisch anzuwenden versteht. Pückler erklimmt hohe Berge, wandert in der Natur, ist ein guter Fechter, Tänzer, Schütze und ein ebenso versierter Reiter. Zu Fuß durchquert er in seiner Jugend die Schweiz, Frankreich und Italien. Als verwegener Reiter erregt Pückler Aufsehen. Besonders mit einem Pferdsprung von der Elbbrücke in Dresden und mit gefährlichen Eil- und Dauerritten bei Parforcejagden in England. Er liebt Pferdewetten. Den Gewinn einer Wette in Berlin schildert seine Biografin Ludmilla Assing so: "Als er aber sogar die Wette glänzend gewann, in 30 Minuten mit seinem Pferde Sprihtly von Zehlendorf bis an das Berliner Thor zu reiten, und das Hurrahgeschrei von einigen tausend Menschen, in Gegenwart aller Königlichen Prinzen begrüßte, da ließ ihn sein heitrer Sinn alle Sorgen vergessen, und er war froh wie ein Kind."
Pücklers schriftlicher Nachlass an Briefen und Manuskripten umfasst etwa 80 000 Schriftstücke bzw. Einzelblätter.
Die umfangreichen Korrespondenzen, die er im Verlaufe seines Lebens führt, belegen seine Leidenschaft zum Schreiben von Briefen und weisen ihn als Meister der Briefkultur aus. Mit dem ausgeprägten Enthusiasmus für das Briefeschreiben legt Pückler die Grundlagen für seine erfolgreiche schriftstellerische Tätigkeit. Denn die meisten seiner Bücher sind Reiseberichte, die er in Briefform schreibt.
In der Literaturgeschichte gilt Pückler als Mitbegründer und Meister des Feuilletons sowie als hervorragender Reiseschriftsteller in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er verfasste zehn Titel in 29 Bänden.