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Für zwölf Taler lernen

In loser Folge berichtet der Heimatforscher Heinz Petzold in der RUNDSCHAU aus der Cottbuser Stadtgeschichte. Sammlung Petzold

In den 20er-Jahren spazierte täglich um 15 Uhr der im Ruhestand lebende Lehrer und Heimatdichter Ewald Müller durch die Gymnasialstraße (heute Dreifertstraße) zur Wallpromenade, um dann in westlicher Richtung einzuschwenken. Zurück ging es dann durch die Wallstraße zum „3-Müllerhaus“ , Karlstraße 10. Die neue Straße an der Nordseite des früheren Stadtwalles, die nun „Promenade“ hieß, präsentierte den baulichen Reichtum Cottbuser Bürgertums, besonders von der Nummer 1 bis 6.
Das immer adrett gekleidete und etwas spitzbübisch-humorvoll durch den Brillen-Zwicker schauende „Spitzbärtchen“ , so viele seiner einstigen Schüler der Knaben-Mittelschule, fühlte sich in der Promenade wie unter seinesgleichen. Repräsentierte doch die Nummer 1 die Vergangenheit der Groch schen Baumkuchentradition und setzte sich mit dem Besitzer der Nummer 2, dem Schlichower Gutsbetreiber Trautmann, fort, dem sich bis zur Nummer 5 die Ewald-Schulz-Erben, die Fabrikbesitzer Duch und die Gebrüder Messerschmidt, Betreiber der Hutfabrik, anschlossen. Unter den Bewohnern fanden sich Justizräte, Landgerichtsräte und Telegraphendirektor und die Opernsängerin Maria Elshorst.
Doch der interessanteste Baukörper war das im spätklassizistischen Architekturschmuck entstandene Drei-Flügel-Haus, das Gymnasium, benannt nach dem preußischen König Friedrich-Wilhelm III. 1860/61 hatte der Königliche Hofbaurat Adolf Lohse für die vom Magistrat erworbenen Grundstücke in Brunschwig am Berge das Projekt gefertigt. Die neben den drei Parochialschulen 1715 hinter der Oberkirche errichtete stadteigene „Lateinschule“ , ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit massiv verputzter Südfront, entsprach nicht mehr den Anforderungen. So wurde der Name des 1818 in ein Gymnasium umgewandelten Schulgebäudes, nämlich Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, zum Neubau übernommen.
Nachdem Lohse die 1859/60 vom Gymnasialrektor Tzschirner ausgearbeiteten Raumforderungen berücksichtigte und der Magistrat dem Neubau im Frühsommer 1864 zustimmte, erfolgte im Frühjahr 1865 die Grundsteinlegung. Der 2. Bürgermeister Friedrich Wilhelm Hübler erwähnte, dass trotz finanzieller Belastung der Stadt durch den Eisenbahnbau und die Gasanstalt der Magistrat wünsche, das neue Gymnasium möge Vorbildwirkung auf Nachfolgebauten ausstrahlen.
Nun lieferten die Ziegeleien südlich von Cottbus Qualitätsziegel. Sächsischer Sandstein war gefragt und eigens per Schiff wurde blauer Schiefer aus England nach Goyatz transportiert, um dann per Pferdeeisenbahn nach Cottbus zu gelangen. Trotz dieses Aufwandes wandte sich Direktor Dr. Purmann vor der Weihe des Neubaus an den Magistrat und erbat Sonderwünsche, die aber bald an den sich zeigenden Mängeln bei der Bauausführung und dem Inventar verblassten.
Selbst bei der Einweihung des neuen Gymnasiums am wetterunfreundlichen 27. April 1867 - vor 140 Jahren - stapelten sich noch Baugerüste und Materialreste schwammen im nicht ablaufenden Regenwasser. Über die Freitreppe schritten die Ehrengäste zur Aula. Kanelierte Pilaster mit korinthischen Kapitellen trennten im pompejanischen Rot gehaltene Wände und unterstrichen mit des Gaslichts Helle das Bildungsprivileg. Damit übernahm das neue Gymnasium die Aufgabe, seine Schüler zu Gewährsleuten kaiserlich-deutschen Großmachtstrebens zu erziehen. Das Schulgeld betrug zwölf Taler, der Monatsverdienst eines Arbeiters.