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| 02:51 Uhr

"Für uns gibt es keine Grenze"

Cottbus. Wenn sich Andrzej Tomialowicz und Christina Herold treffen, dann fliegen die Fäuste – rein freundschaftlich, versteht sich. Die beiden sind Karatekämpfer und Vorsitzende ihrer Klubs. Der eine befindet sich im polnischen Lubsko (Sommerfeld), der andere in Cottbus. Beide verbindet seit sechs Jahren eine – im Wortsinn – schlagkräftige Partnerschaft. Katrin Schröder / kas1

Es ist nur wenige Wochen her. Am Strand von Dabkowice (Damkerort) riecht es nach Sommer. Am Himmel keine Wolke, der Sand knirscht unter den Füßen. Doch die Gruppe weiß gekleideter Karatekämpfer konzentriert sich ganz auf den nächsten Schlag, den nächsten Tritt. Bis Trainer Andrzej Tomialowicz ruft: "Jetzt gehen wir ins Wasser!" In der leichten Dünung werden die Kimonos nass und schwer, die Bewegungen langsamer - dafür wird viel gelacht.

Im Ferienlager an der polnischen Ostseeküste üben die Karatekas intensiv, was sie das Jahr über gelernt haben - im gerade vergangenen Sommer bereits zum 20. Mal. Organisiert hat es der Lebuser Sportklub für Oyama Karate aus Lubsko, rund 30 Kilometer östlich von Forst. Mit dabei sind Partner aus Deutschland und der Ukraine. Gerade die Nachbarn beiderseits der Neiße verbindet eine intensive Partnerschaft.

Andrzej Tomialowicz ist einer derjenigen, die sie im Alltag am Leben erhalten. Seit 1990 ist er Vorsitzender des Karateklubs Lubsko, der Töchter in Zielona Gora (Grünberg), Jasien (Gassen) und Nowogrod Bobrzanski (Naumburg am Bober) hat. Insgesamt 200 Mitglieder zwischen vier und 57 Jahren trainieren dort. Seit 2006 fährt der 46-Jährige außerdem zweimal die Woche nach Cottbus, um unter dem Dach des Doitsu Budo Kwai e.V. Oyama Karate zu lehren. Den Anstoß für die Partnerschaft gab niemand Geringerer als der Gründer der Disziplin: 2005 erhielt Tomialowicz von dem in New York lebenden Meister Soshu Shigeru Oyama den Auftrag, Oyama-Karate in Deutschland zu etablieren.

Denn obwohl weltweit etwa und allein in Polen rund 10 000 Sportler in dieser Disziplin trainieren, war das westliche Nachbarland bis dahin noch ein weißer Fleck auf der Oyama-Landkarte. "Oyama ist eine junge Disziplin", sagt er. Begründet wurde sie von dem japanischen Meister Soshu Shigeru Oyama und ist verwandt mit der in Deutschland populäreren Kyokushinkai-Schule.

Doch im Oyama-Karate sind die Techniken vereinfacht, beim Kampf im Vollkontakt-Modus geht es knallhart zur Sache. Wer Oyama trainiert, befindet der Sensei aus Lubsko, muss auf der Straße keine Angst mehr haben. Doch auch Kinder können trainieren - es gibt ein speziell an ihre körperlichen und geistigen Voraussetzungen angepasstes, sehr spielerisches Oyama-Programm.

Ein halbes Jahr lang suchte Tomialowicz im Internet nach passenden Partnern, bis er auf Doitsu Budo Kwai in Cottbus stieß. Die Deutschen waren zunächst ein wenig reserviert: "Erst mal schauen", sagt Christina Herold, die alle Chrisi nennen. Doch die Bedenken waren nach zwei Monaten Probezeit verflogen: "Es hat gepasst", sagt die 34-Jährige, die seit 2007 den Vereinsvorsitz innehat.

Die Cottbuserin trainiert neben Oyama auch das traditionelle Shotokan Karate und Bo-Jutsu, bei dem mit dem Langstock gekämpft wird. Die Zusammenarbeit mit Lubsko sieht sie als Bereicherung: "Es ist ein anderer Stil, dadurch haben die Leute bei uns mehr Auswahl und wir ein attraktiveres Angebot." In Cottbus trainieren etwa 40 Sportler, inzwischen gibt es eine Dependance in Augsburg, gegründet von einem früheren Mitglied aus Lubsko.

Auch zwischenmenschlich passt es. "Der Empfang war sehr herzlich", erzählt Christina Herold von den ersten Ausflügen nach Polen. Das Nachbarland im Osten war ihr zuvor fremd, erzählt die blonde Cottbuserin - die Klasse der Sportler vom Partnerklub jedoch überzeugt nicht nur sie. Gemeinsam treten die Kämpfer bei Meisterschaften und Turnieren an. Nun wird mit Starthilfe aus Polen der Aufbau der deutschen Sektion vorangetrieben. Es gibt Anfragen aus Berlin und Dresden, weitere Partner sind willkommen.

Derzeit wird an der Gründung eines nationalen Dachverbandes gearbeitet - mit Christina Herold als Vorsitzende und Andrzej Tomialowicz als Sportdirektor und Nationaltrainer. Die üblichen Klischees von klauenden Polen und Nazi-Deutschen haben auf beiden Seiten keine Chance, sagt sie: "Durch den Sport sind die Einstellungen anders." Und Andrzej Tomialowicz sagt, dass polnische Sportler viel für das Image ihres Landes getan hätten: "Sport verbindet die Nationen. Für uns gibt es keine Grenzen."

Training:

Dienstag, 19 bis 20.30 Uhr, und Donnerstag, 18 bis 19.30 Uhr (17 bis 18 Uhr für Kinder)

www.budokwai-cottbus.de

www.oyama-karate.lubsko.pl (auf Polnisch)